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Shane Carruths Film „Upstream Color“ : Liebe stromaufwärts

Erzählt wird in „Primer“ von zwei Freunden, Aaron (Carruth) und Abe (David Sullivan), die in einer Garage High-tech-Gadgets bauen, in der Hoffnung, dass dabei ein profitables Patent herausspringt. Beim Versuch, ein Gerät zu konstruieren, dass gewisse physikalische Attribute träger Massen momentweise aufhebt, stellen sie einen Kasten her, in dem sich die Zeit nicht mehr gemäß den vertrauten Naturgesetzen verhält. „Primer“ ist ein zurückhaltend inszenierter Sieg über die große Schwierigkeit, wissenschaftliche Denk- und Arbeitsweisen der Gegenwart zur Anschaulichkeit zu bringen. Carruths Edelgasleitungen, seine Ohrstöpsel, Metallsplitter und bleichen Lichtquellen versetzen die Figuren in eine anhaltende Hyperwachheit, deren Kollateralgewinne die Technologien sind, mit denen wir täglich hantieren.

Steigende Bekanntheit

Seit „Primer“ spricht sich Carruths Ruf herum - zunächst bei Leuten, die glauben, dass Science-Fiction im Kino nicht nur computergenerierter Donner-und-Doria-Exzess sein muss, sondern auch Detailarbeit, heikle Operation am offenen Sinn bedeuten kann, also bei Menschen, die auch Mike Cahills „Another Earth“ (2011) oder „The Nine Lives of Thomas Katz“ (2000) von Ben Hopkins schätzen.

Carruths Ruhm reicht über ihre Zirkel aber mittlerweile hinaus. Das Digitalzeitalterzentralorgan „Wired“ hat ihn portärtiert, das Kunstmagazin „Artforum“ analysiert „Upstream Color“, die Kollegen Steven Soderbergh und David Fincher haben sich dafür starkgemacht, die Finanzierung von Carruths bislang teuerstem Vorhaben, „A Topiary“, auf unkonventionellen Wegen zu organisieren. „Primer“ gibt es auf DVD in mehreren Regionen, „Upstream Color“ seit kurzem ebenfalls, als Amerika-Import.

Nick Lowe, der seit Jahren für „Interzone“, eine der kundigsten SF-Zeitschriften, Filme rezensiert, hat unterdessen das 244 Seiten umfassende Drehbuch zu „A Topiary“ gelesen und attestiert Carruth, dass dieses Projekt den begonnenen ehrgeizigen Weg würdig fortsetzt: Eine Gruppe Kinder lernt da den Gebrauch einer nichtmenschlichen Technologie, der Film selbst funktioniert als eine Art Einführung in dieses Wunder, weshalb, wie das Skript sich so sanft wie wahnsinnig entschuldigt, „many objects in this story don’t have a real-world analogue“.

Hochauflösende Halluzinationen

Von Ridley Scott, der immerhin „Alien“ (1997) und „Blade Runner“ (1982) geschaffen hat, ist die Ansage überliefert, er wolle der John Ford des SF-Films werden. Auf so jemanden warten wir immer noch. Mit Shane Carruth aber hat das Genre jetzt etwas viel Unerwarteteres: seinen Ingmar Bergman. Wie dieser nämlich vermittelt Carruth das Intime mit dem Sozialen in einer Kontrastschärfe, die sowohl als persönliche Handschrift bewundert werden kann als auch sich dafür eignet, die Sprache des Mediums Film insgesamt zu verändern.

Mag das Wunderkind also „Bergman“ heißen - seine geheimen Paten aber sind Stanley Kubrick und Andrej Tarkowski: Ersterer hat als Schöpfer der letzten Minuten von „2001 - A Space Odyssey“ (1968) Carruth hochauflösende Halluzinationen vererbt, Letzterem verdankt er, weil jener „Solaris“ (auch 1968, kein uninteressantes Jahr) gemacht hat, eine erdabgewandte Schwermut, die sich sicher sein kann, dass zwar am Ende alles gut wird - aber nicht für uns Irdische, weil wir das, was wir sind, erst werden abstreifen müssen, um nach Hause zu finden.

Das schläfrige Schweinchen, das Kris am Ende von „Upstream Color“ im Arm wiegt, blinzelt benommen. Es glaubt nicht recht, dass es Menschen gibt - was es von denen gehört und gesehen hat, ist gar zu unglaublich.

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