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Shane Carruths Film „Upstream Color“ : Liebe stromaufwärts

Schöne Bilder?

Soll man das „schöne Bilder“ nennen? Solche Einzelaufnahmen rutschen jedem Bewusstseinszugriff, der diesen Film zergliedern will, ebenso schnell durch die Finger wie die spektralen Lichtfelder von Carruths Erstling „Primer“ (2004). Im Flux des jeweiligen Werks gehören die einprägsamen Momente in eine selten so stimmig präsentierte Ordnung steter visueller wie akustischer Vorwegnahme und Erinnerung - nichts ist da nur Gegenwart, alles rubato gespielt auf der sich im Verborgenen drehenden Plot-Spindel.

Wenn also etwa Kris ihren Arbeitsplatz mit einem Karton auf den Armen verlässt, in dem ihre kümmerliche Karriere liegt, und später mit einem sehr ähnlichen Karton aus dem Versteck des Samplers kommt, in dem das Gegenteil ihrer Karriere liegt, so ist das auf eine mit Worten schwer erklärbare Art triftig - vielleicht, weil es die Symmetrie der Bildmotive in den Dienst einer von den Effektorgien der Blockbuster-Branche fast vergessenen Wahrheit über Phantastik im Kino stellt: Du hast, weil dies ein Film ist, nichts als den Augenschein, aber gerade der sagt dir, dass der Augenschein nicht alles ist, nicht einmal das Entscheidende.

“Schöne Bilder“? Nein: Man würde ja auch keine überwältigend stimmige Musik für „schöne Noten“ loben.

Keine Mystery-Scheintiefen

Carruths Arbeit am Klang seiner Filme steht dem Nuancenreichtum seiner visuellen Intelligenz übrigens in nichts nach: Die letzten fünfzehn Minuten von „Upstream Color“ lang hört man Geräusche und Musik; Sprache erschließt sich nur noch, wenn man Lippen lesen kann. Auch die Erzählerstimme in „Primer“ verweigert den Klartext: Sie kann durchgängig sowohl dem einen als auch dem anderen der beiden Männer gehören, von denen da erzählt wird; beide Hörweisen ergeben einen Sinn, beide gehen aber nicht ohne Restzweifel auf.

Einmal, während „Upstream Color“ blaue Bläschen in der Mikrowelt mit den Aktivitäten von Menschen zusammenschneidet, die aus den Fadenwürmern einen Drogensud gewinnen, spendiert Carruth einen seiner klügsten, perversesten Einfälle: Das Kleinste rauscht und quillt lauter, als die Leute reden und handeln; die Mikrowelt ist der alltäglichen sinnlich vorgeordnet, näher, wahrer.

Am meisten beeindruckt an Carruths artifiziellen Welten, dass er ihre Rätsel nie in hausbackene Mystery-Scheintiefen abstürzen lässt. Esoterik, die das Phantastische mit einer Einkaufsliste aus dem Lebenshilfe-Online-Shop verwechselt, interessiert ihn nicht; Hippie-Formeln wie „Fühlen statt Verstehen“ verfehlen seine Kunst - schon weil der emotionale Mitvollzug seiner Filme genauso fordernd und schwierig (aber eben auch genauso lohnend) ist wie das Verstehen ihrer vertrackten Handlungsverläufe.

Kollateralgewinn Technologie

Man könnte also sagen: Shane Carruth verhält sich wie sein unheimlicher „Sampler“, die unklarste Präsenz in „Upstream Color“, sparsam gespielt von Andrew Sensenig: Gedanken an sich, gerade auch die verblüffenden und paradoxen, sind ihm nichts, wenn sie nicht Praxis werden - man muss die Schweine eben füttern, die Klangexperimente machen, auf der kleinen elektronischen Schoßorgel seltsame Musik spielen. Das Unheimlichste an diesem Sampler ist, dass er, obwohl er offensichtlich am meisten über den seltsamen Organismus weiß, der die Story zusammenhält, und erkennbar bestrebt ist, noch mehr darüber herauszufinden, dabei nicht wie ein Wissenschaftler vorgeht, sondern wie ein Künstler - intuitiv pedantisch, berechnend schlafwandlerisch.

Dass Carruth das Wunderbare nicht aus Stimmungen, sondern aus dem geduldigen Entfalten von Widersprüchen holt, war bereits bei „Primer“ die Pointe. Diesen Film hat er für die unglaubliche Summe von lediglich siebentausend Dollar mit Nachbarschafts- und Verwandtenhilfe gestemmt und aus der Begrenztheit der Mittel seine Stärke gemacht: Alles passiert im kleinsten Kreis, das macht es zwingend.

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