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Setbesuch bei Tarantino : Ein Quantum Quentin

Der Ober-„Basterd”: Brad Pitt Bild: dpa

Was bleibt von den Nazis, wenn Quentin Tarantino mit ihnen fertig ist? Ein Besuch in Babelsberg, am Drehort des unglaublichen Kriegs- und Widerstandsdramas „Inglourious Basterds“.

          7 Min.

          Hoch überm Kinosaal, in der plüschigen Loge, wird es unruhig. Auf der Leinwand ist ein riesiges Gesicht in Schwarzweiß aufgetaucht. Eine junge Frau spricht, mit rauher Stimme und in einem harten Englisch, von einer Botschaft, die sie für den Mann mit dem kleinen Schnurrbart habe. Und Adolf Hitler springt auf in seiner Loge, er schäumt, er brüllt: „Was ist das für ein Unsinn? Aufhören. Unverschämtheit!“ Er dreht sich zur Seite, Richtung Vorführkabine, er tobt und fuchtelt, bis endlich einer „Cut!“ ruft. Quentin Tarantino spricht mit Martin Wuttke, während dem die verrutschte Hitler-Tolle gerichtet wird. Da hat noch etwas gefehlt, auch wenn Wuttke seit dem „Arturo Ui“ am Berliner Ensemble weiß, wie eine gute Hitler-Parodie geht.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es ist der 72. Tag der Dreharbeiten zu „Inglourious Basterds“, zwölf Tage vor Drehschluss. Eine große Halle im Studio Babelsberg, die mühelos ein ganzes Kino aufnimmt, mit mehr als dreihundert Plätzen. Von den Wänden hängen Hakenkreuzfahnen, die Damen im Saal tragen Abendkleid, die meisten Herren haben Uniformen an, von der Wehrmacht bis zur SS. Fehlen eigentlich nur der riesige, aus Versailles geklaute Kronleuchter und die griechischen Statuen aus dem Louvre, die noch im Drehbuch stehen. Tarantino hat sie ausgemustert. Die waren offenbar selbst ihm zu viel. Aber immerhin hat er die Komparsen aufgefordert, während des kurzen Filmausschnitts „ruhig mal ,heil' zu rufen, nur nicht alle auf einmal“.

          Sauber in Flammen aufgegangen

          Das Foyer des Kinos liegt in einer anderen Halle, und die Außenfront dieses „Le Gamaar“ ist zwei Tage vor dem Setbesuch sauber in Flammen aufgegangen, auch in Babelsberg. Das Pariser Kino ist ein zentraler Schauplatz des Films. Es ist der Ort eines Attentats auf Hitler, Goebbels und Göring, die sich zur Premiere eines Propagandafilms eingefunden haben, den Tarantino erfunden hat; ein Attentat, zu dem ein zweites Attentat kommt, wobei die Planer nichts voneinander wissen. Eine Tarantino-Idee: dass die entscheidenden Dinge der Weltgeschichte eher chaotisch, vor allem aber im Kino und durch das Kino entschieden werden.

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          Setbesuch bei Tarantino : Ein Quantum Quentin

          Wie es dann weitergeht, mit der Weltgeschichte in Tarantinos Lesart und auch sonst, das haben viele schon gelesen, weil das Drehbuch zu „Inglourious Basterds“ längst im Internet steht. Egal. „Inglourious Basterds“ wäre - wenn denn das, was Tarantino treibt, Remakes wären - ein Remake von Enzo Castellaris „Quel Maledetto Treno Blindato“ (1977). Tarantino sagt: „Eine Spur ,Reservoir Dogs', ein Spritzer ,True Romance' und ein paar Tropfen ,Pulp Fiction'“, als wollte er einen Cocktail mischen, aus Blut und Zelluloid.

          Was will er mit Hitler?

          Aber was will einer wie Tarantino, der sich mit entlegenen Kung-Fu-Epen und blutrünstigen Exploitation-Filmen auskennt, der deutsche Edgar-Wallace-Filme und Spaghetti-Western studiert hat, der J. D. Salingers Short Stories verehrt und die Comics von Frank Miller - was will der Mann aus der South Bay von Los Angeles, der Experte für die feinsten Nuancen der populären amerikanischen Kultur, ausgerechnet mit Hitler? Mit den Alliierten, mit dem Widerstand gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg?

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