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„Köy“ Kino : Drei Frauen tragen einen Film

  • -Aktualisiert am

Hevin, die Schauspielstudentin, eine der Protagonistinnen in Serpil Turhans Film „Köy“. Bild: Salzgeber

Herkunft, Heimat, Identität und der Blick von Berlin nach Kurdistan: Über die Regisseurin und Schauspielerin Serpil Turhan und deren Dokumentarfilm „Köy“.

          4 Min.

          Die Duisburger Filmwoche, die jedes Jahr im November eine kleine Auswahl spannender Dokumentarfilme präsentiert, ist bekannt für ihre Protokolle. Nach jeder Premiere wird öffentlich diskutiert, dabei wird mitgeschrieben, so wird die erste, oft sehr anspruchsvolle Rezeption auch gleich verewigt. Über Serpil Turhans „Köy“, der im vergangenen Jahr die Filmwoche eröffnete, heißt es im Protokoll: „Fast ist man versucht, von Heimat zu sprechen.“

          Heimat wäre ein naheliegendes, aber auch paradoxes Wort über einen Film, der von Kurdistan handelt, aber in Berlin gedreht wurde. So folgt im Protokoll auch wenig später: „Turhan weist den Begriff Heimat zurück.“ Dagegen ließe sich wiederum einwenden, dass zu Beginn von „Köy“ (was so viel wie „Dorf“ oder auch „Kiez“ bedeutet) eine alewitische Suppe kredenzt wird, sie heißt Asure, wird manchmal auch „Noahs Süßigkeit“ genannt. Eine Suppe, in der man die eigene Geschichte schmecken kann, ist herstellbare Heimat und funktioniert in Berlin-Kreuzberg oder im östlichen Anatolien. Es ist aber eben auch eine Heimat auf Zeit, für die Dauer eines Mahls, für das Zusammensein einer Essgemeinschaft.

          Serpil Turhan redet statt über Heimat lieber über Identität. 2013 hat sie einen Film gemacht, der heißt „Dilim Dönmüyör – Meine Zunge dreht sich nicht“, da ging es um das Türkische, das in ihrer Familie gesprochen wurde, „sehr schlecht gesprochen“, wie die Regisseurin betont. Sprache wäre ein anderer Aspekt von Heimat. Bezeichnenderweise lebt Serpil Turhan, geboren 1979 in Berlin, neben dem Deutschen mit Sprachen, die sie im Gespräch als „kryptisch“ bezeichnet.

          Herkunft und Sehnsuchtslandschaft

          Darin schwingt etwas von Verschlüsselung mit. Sie hat sich für den Abend verabredet via Skype, um halb neun sind die Kinder schon im Bett, nun kann sie ein wenig reden über „Köy“ und ihre Geschichte als Filmemacherin in Deutschland. Sie hat drei Protagonistinnen gefunden, die sich jeweils auf unterschiedliche Weise von Berlin aus stark auf ein Kurdistan beziehen, das einerseits für konkrete Herkünfte steht, andererseits aber auch eine Sehnsuchtslandschaft verkörpert.

          Ihre Großmutter, Neno gerufen, „hat immer von dort drüben gesprochen“. Gemeint waren die Orte, aus denen sie nach Deutschland auswanderte: das Dorf, aber auch Istanbul und eine Ferienwohnung am Mittelmeer. Die Lebensorte einer türkisch-kurdisch-alewitischen Familie, zu der auch Serpil Turhan gehört. Mit ihrer Neno redet sie im Film darüber, ob sie ihren türkischen Pass zurückgeben sollte.

          Sie will nichts mehr zu tun haben mit einem Land, dessen Präsident (den Namen spricht sie bewusst nicht aus, als könnte sie ihm damit zumindest persönlich das Vertrauen entziehen) Oppositionelle einsperren lässt und das Land immer stärker in eine Autokratie verwandelt. Und die kurdische Minderheit unterdrückt. Im Hintergrund von „Köy“ laufen die wichtigsten Ereignisse aus den letzten Jahren in der Türkei mit: das Verfassungsreferendum 2017, die Präsidentenwahl 2018, die Kampagnen gegen das kurdische Engagement.

          Wie umgehen mit der Türkei?

          Serpil Turhan hat daran intensiv Anteil genommen: „Ich war wahnsinnig ambivalent die ganze Zeit. Inzwischen bin ich ein bisschen klarer geworden. Ich verspüre Wut und Angst, vermischt mit Widerstand. Der Dreh hat drei Jahre gedauert, ich bin noch einmal Mutter geworden, ich habe auch starke Krisen gehabt, bin nicht mehr in die Türkei geflogen oder erst wieder, als die Großmutter gestorben ist. Diese Angst an den Grenzen, dass man Schwierigkeiten bekommen könnte, das lähmt einen manchmal ein bisschen. Ich bin aber auch ein wenig rausgegangen aus dieser Wut.“

          Die beiden weiteren Protagonistinnen von „Köy“ tragen sich intensiv mit Gedanken, in die Türkei zu fliegen. Sanye betreibt in Berlin ein Café, sie hat viel von der Welt gesehen, nun aber will sie unbedingt in ihr Dorf in Kurdistan zurück. Hevin wiederum, eine Schauspielstudentin, wollte 2018 bei der Wahl dabei sein, als Beobachterin, um Fälschungen zu verhindern.

          Es war ihr schließlich doch zu riskant. Stattdessen erläutert sie von Berlin aus ihre Sicht der Dinge. Sie hat den am stärksten politisch ausformulierten Begriff von Kurdistan, sie sieht dort eine antikapitalistische Enklave, einen Zufluchtsort vor einem repressiven System.

          Die Regisseurin Serpil Turhan
          Die Regisseurin Serpil Turhan : Bild: Emilia Quaye / Salzgeber

          „Köy“ besteht zu großen Teilen aus Gesprächen mit diesen drei Frauen. Dieser Umstand hat die Finanzierung nicht gerade erleichtert. In Deutschland braucht man ja für jeden Film einen Sender, und die Sender, mit denen Serpil Turhan und ihre Produzentin Barbara Groben sprachen, wollten eher Szenen aus Anatolien als sprechende Frauen in Berliner Wohnzimmern. „Ich wollte nicht warten, bis ich in drei Jahren eine Förderung bekomme“, erzählt Serpin Turhan, zudem drängten die Ereignisse. So entstand „Köy“ ohne Finanzierung, also im Wesentlichen ohne Unterstützung durch eines der vielen Förderins­trumente.

          Es geht auch ohne Filmförderung

          Man könnte annehmen, dass das Interesse an dem Thema Identität derzeit Konjunktur habe. Aber Serpil Turhan hat auch einen zu eigenwilligen Weg gewählt, als dass er sich auf dieses Schlagwort reduzieren ließe. Sie begann als Schauspielerin, in ihrer ersten Wahlheimat Kreuzberg, dem Multikulti-Bezirk in Berlin. „Ich habe gespielt in ,Geschwister‘ von Thomas Arslan, dann kam ,Der schöne Tag‘, dann kamen die Naunynritze und Neco Çelik, dann kam Rudolf Thome.“

          So zählt sie ihren Werdegang auf. „Geschwister“ ist ein Schlüsselfilm für die deutsch-türkische Erfahrung, während „Der schöne Tag“ heute eher so gelesen wird, dass man auch eine Liebesgeschichte mit einer Schauspielerin wie Serpil Turhan erzählen kann, ohne dass Identitätsaspekte vorherrschen müssen.

          Mit Neco Çelik und dem alternativen Zentrum Naunynritze verbindet sie ihre ersten Beheimatungserfahrungen im kulturellen Bereich. Mit Rudolf Thome, einem der Helden des deutschen Popkinos nach 1968, einem späten Wahlverwandten von Eric Rohmer im deutschen Kino, hat sie als Regieassistentin und Schauspielerin gearbeitet und dabei entdeckt, dass „hinter der Kamera der Ort ist, an dem ich mich sehr gut fühle, und es vor allem das dokumentarische Arbeiten ist, was mich richtig interessiert“. Zum Dank hat Serpil Turhan ihrem Lehrer und Inspirator auch ein sehr schönes Filmporträt gewidmet: „Überall Blumen“.

          Derzeit beschäftigt sich Serpil Turhan mit Chantal Akerman, der großen jüdischen Regisseurin, deren Identität unwiderruflich durch die Schoah geprägt wurde, bis zu ihrer Selbsttötung im Jahr 2015. Seit drei Jahren hat Turhan eine Vertretungsprofessur in Karlsruhe an der Hochschule für Gestaltung, wo sie selbst auch studiert hat.

          „Ich merke, dass das ein ganz schöner Spagat ist: zwei Kinder, die Professur, einen Film machen, das ist ganz schön hart, dazu noch pendeln. Das Unterrichten ist großartig, weil ich selbst viel lerne, andererseits ist der Raum für mein eigenes Machen sehr reduziert. Ich müsste jetzt bald mal eine Pause machen vom Unterrichten, damit ich dazu komme, ein neues Projekt anzuschieben. Denn wie willst du Filme unterrichten, wenn du selbst keine machst?“

          Mit „Köy“ hat Serpil Turhan vielleicht die schematischen Ideen vieler Filmförderer unterlaufen, das Publikum könnte nun aber zum Ausdruck bringen, dass drei Frauen aus Berlin allemal reichen für einen wichtigen und bewegenden Film. Und dass man bei einem nächsten Projekt der Intuition der Filmemacherin vertrauen könnte.

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