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Serebrennikows Film „Leto“ : Ein bitteres LaLaLand in Schwarzweiß

„Veränderungen fordern unsere Herzen, Veränderungen fordern unsere Augen“: Rockmusikalischer Aufbruch vor pittoresker Verfallskulisse. Bild: EPA

Wegen unverhohlen absurder Anschuldigungen bleibt Kirill Serebrennikow weiter unter Hausarrest. Jetzt ist sein jüngster Film „Leto“ in die russischen Kinos gekommen.

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          Zum Bild russischer Fußgängerzonen und Parks gehören seit Anfang der neunziger Jahre junge Leute, die zur Gitarre Lieder der Rockgruppe Kino singen. Der Sänger von Kino, Viktor Zoj, ist seit 28 Jahren tot, und das Land, in dem er in einer Zeit des Aufruhrs und der Veränderung zum Helden einer Generation wurde, existiert nicht mehr. Aber geht man durch das Zentrum einer größeren russischen Stadt wie Jekaterinburg, dann wehen zwischen dem dröhnenden Pop, der aus Läden und Bars auf die Straßen dringt, irgendwann Akkorde einer akustischen Gitarre und Worte ans Ohr, die jeder sofort wiedererkennt, der sie einmal gehört hat: „Erde. Himmel. Zwischen Erde und Himmel – Krieg! Und wo du auch bist und was du auch machst: Zwischen Erde und Himmel ist Krieg!“ Oder: „Ich habe aus einem fremden Fenster auf einen fremden Himmel geschaut, aber wenn in der Tasche noch ein Päckchen Zigaretten ist, dann heißt das, für heute ist nicht alles so schlecht.“ Die Texte Zojs sind so sehr zum russischen Allgemeingut geworden, dass sein Kampfruf gegen das Establishment heute einer großen Bank als Werbespruch dient: „Von nun an handeln wir!“

          Reinhard Veser
          Redakteur in der Politik.

          Anfang Juni kam ein Film über Viktor Zoj in die russischen Kinos, der weniger wegen seines Themas und seiner Qualität Aufmerksamkeit erregt (auch wenn er beim Filmfestival in Cannes begeistert aufgenommen worden ist und den Preis für den besten Soundtrack erhielt), sondern wegen der Umstände, unter denen er fertiggestellt wurde. Der Regisseur Kirill Serebrennikow wurde im Sommer vorigen Jahres kurz vor Abschluss der Dreharbeiten für „Leto“ (Sommer) in Sankt Petersburg verhaftet und steht seither unter Hausarrest. Direkter Kontakt zur Außenwelt ist ihm verboten. Die fehlenden Szenen wurden deshalb nach schriftlichen Anweisungen Serebrennikows gedreht, die über die Anwälte zu seinem Team kamen, montiert hat er die Szenen an einem Computer ohne Internetzugang.

          „Betrug in besonders großem Ausmaß“

          Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft gegen Serebrennikow lautet „Betrug in besonders großem Ausmaß“. Er soll staatliche Mittel für das von ihm geleitete Theater Gogol-Zentr in die eigene Tasche gesteckt haben. Tatsächlich aber ist er Opfer eines Kulturkampfs, in dem konservative, russisch-orthodoxe und nationalistische Kräfte innerhalb des Regimes durch Strafverfolgung die Definitionsmacht darüber erlangen wollen, was in Russland in der Kultur erlaubt ist und was nicht. Die Staatsanwaltschaft hat sich keine Mühe gegeben, die Fadenscheinigkeit der Anklage zu verbergen: Serebrennikow wird unter anderem beschuldigt, sich Geld für eine Inszenierung von Shakespeares „Mittsommernachtstraum“ angeeignet zu haben, das Stück aber nie auf die Bühne gebracht zu haben. Tatsächlich läuft es in Moskau seit Jahren mit großem Erfolg. Diese Willkür hat Methode: Als Signal, dass sich keiner sicher fühlen darf, weil für eine Anklage keine Tat nötig ist.

          Doch absurd wirkt nicht nur die Anklage gegen Serebrennikow, sondern auch der Umgang mit seinem Werk. Während der Regisseur, der sich nicht von seiner sterbenden Mutter verabschieden durfte, in Moskau im Hausarrest sitzt, war „Leto“ unlängst in Sotschi der Eröffnungsfilm bei Russlands größtem Filmfestival. Finanziert wird es vom Kulturministerium, eröffnet wurde es von Kulturminister Wladimir Medinski – dem Mann, der vermutlich die treibende Kraft hinter dem Verfahren gegen Serebrennikow ist. Angriffe auf „Leto“ gab es von offizieller Seite nicht. Die staatliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti veröffentlichte sogar eine lobende Besprechung, freilich ohne das Schicksal des Regisseurs zu erwähnen.

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