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„Sein letztes Rennen“ im Kino : Fortlaufende Tragödie mit deutschem Komiker

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Was ihn treibt, bringt den guten Schauspieler weiter: Didi Hallervorden als Marathon-Mann Paul Averhoff in „Sein Letztes Rennen“ Bild: dpa

Zu oft wurde Didi Hallervorden auf das Slapstick-Image reduziert. Jetzt macht er auf Ernst: Eine fällige allgemeine Würdigung anlässlich des besonderen Films „Sein letztes Rennen“.

          Das Unangenehme gleich vorneweg: „Palim, palim!“ Man weiß bis heute nicht genau, was die Wörter bedeuten. Imitation einer Türklingel? Verdrehtes Räuspern? Ein Peinlichkeitsgeräusch? Unangenehm ist der Ausdruck, weil ihn der Künstler selbst als störend empfindet. Wie oft hat Dieter Hallervorden in den letzten Jahren erklärt, sein Werk umfasse viel mehr als „Palim, palim!“ und „Ich hätte gern eine Flasche Pommes“.

          Schade eigentlich, denn welcher deutsche Schauspieler hat so ein Markenzeichen? Catchphrase sagt man heute dazu: „Palim, palim!“, das ist der Werbeslogan deutscher Humorarbeit, made in den Siebzigern. Wer heute Mitte vierzig aufwärts ist, der kennt die Spaßformel nicht nur, sie ist ihm eingejuxt in die biographisch-kulturelle DNA. Annähernd prominent ist nur das hingequakte „Ägypten?“ aus einem Quizshow-Sketch von Otto Waalkes. Aber eben nur annähernd.

          Seine Kernkompetenz ist das Exzentrisch-irre

          Waalkes wollte nie jemand anderes sein als Otto, aber Hallervorden wurde das Slapstick-Image irgendwann lästig. Es muss Ende der Siebziger gewesen sein, politisches Kabarett kam in Mode, er hat sich mit Sendungen wie „Spott-Light“ und „Spottshow“ um dieses Genre dann sehr verdient gemacht. Sein Sprachkurs für Migranten – „Heute deklinieren wir: Der Türke packt den Koffer“ – ist eine meisterhafte Minisatire. Gut vorstellbar, dass sie Thilo Sarrazin auf die eine oder andere Idee gebracht hat.

          Auch die Filme, „Das Millionenspiel“ (1970) und „Springteufel“ (1974), boten exzellente Darstellerleistungen von pathologischen Figuren. Das Exzentrisch-Irre ist sein Kernfach, er muss nur die Laut- und Ausdrucksstärken herunterdrehen, schon wird aus der Witzfigur ein tragischer Fall.

          All diese Auftritte und Rollen gehören zu einer Abstoßbewegung, weg vom Klamaukbruder, weg von „Nonstop Nonsens“ und „Welle Wahnsinn“. Dabei liegt in der Peinlichkeitsempfindung, die diese Scherzkunst auslöst, doch gerade der Genius. Didi, „Palim, palim“ säuselnd, das war der deutsche Spießer, in dem die Enthemmung eingelagert und mit passiver Aggressivität versiegelt ist. Hallervorden hat den Typus, der die Sublimierungsgebote nur um den Preis des Blöd- und Nervigseins aufrechterhalten kann, gespielt wie sonst nur die Größten seines Fachs: Jerry Lewis, Marty Feldman, Louis de Funès. Wie sinnig, dass sich das Palim zu Palimpsest ausbauen lässt, denn so funktioniert dieses Verfahren: als Überschreibung einer unerträglichen Disposition mit vermeintlich zivilen Gesten.

          Der Knacker im Trainingsanzug

          Jetzt also noch mal ein Kinofilm, „Sein letztes Rennen“. Der Darsteller als alter, im Heim entsorgter Mann, gemeinsam mit der Ehefrau verdämmernd in Bastel- und Singstunden. Dann die Besinnung auf den Wesenskern, der, so legt Kilian Riedhofs Film immer wieder nahe, in Kriegs-, Nachkriegs- und Krisenzeiten geformt wurde. Man war mal wer, konkret: ein Marathonläufer, Olympiasieger 1956. Das war der große Glücksmoment dieser Biographie, daran soll angeknüpft werden. Die Heimbewohner, dargestellt von einem großartigen Ensemble, darunter Heinz W. Krückeberg, Annekathrin Bürger, Maria Mägdefrau. Und in ihrer Mitte dieser Knacker, der durch den Garten joggt mit Trainingsjacke und Stirnband. Sieht aus wie ein Scherzkeks aus einem Hallervorden-Gag, schade, dass sich der Film so einen Witz nicht gestattet: „Sie erinnern mich an diese Knallcharge des deutschen Fernsehens, wie hieß der doch gleich?“

          Aber das Werk will Hallervorden den Didi noch einmal austreiben, und dass es nie ganz gelingt, ist ein Glück. Manchmal muss die Grimasse des Humorheinis einfach eingefroren werden, dann wird daraus zum Beispiel: das ratlose Staunen eines alten Menschen, dem die Umwelt zum Rätsel wird. Das stille Entsetzen des Greises, der begreift: Mein Dasein ist ein Begräbnis zu Lebzeiten. Die in einem Blick unsagbar schmerzhaft verdichtete Erkenntnis, dass der geliebte Mensch, mit dem man Jahrzehnte durchkämpfte, sterben muss.

          Zu nah an der Schmalzgrenze

          Hallervorden ist ein Virtuose des Blicks, seine Darstellung streckenweise nur Pantomime, Schreckens- und Angstverkörperung. Umso eindringlicher dann, wenn er tatsächlich einmal entgleist, laut wird, zusammenbricht. Die Szene, in der Averhoff nach dem Tod der Ehefrau, verkörpert von Tanja Seibt, im Zimmer randaliert, ist eine Glanzleistung der Tragödienkunst. In diesem Moment sammelt dann ein anderer allen Kummer in seinem Blick, ein Heimmitbewohner, der den Ausbruch mitverfolgt. Otto Mellies spielt ihn mit einer perfekten Mischung aus Starrsinn und Edelmut.

          Der Film hat Schwächen, er ist ein wenig zu lang, man schwelgt akustisch-symphonisch an der Schmalzgrenze, der Zeitlupeneffekt kommt inflationär zum Einsatz. Was Regisseure eben so machen, wenn sie nicht hundert Prozent auf ihr Sujet vertrauen. Aber es ist ja auch ein riskanter Stoff. Wer will dem einstigen Chefblödler des deutschen Fernsehens beim Leiden und Trauern zusehen? Das muss man der Filmförderung erst mal erklären.

          Ein großer Darsteller

          Die Kontrastfigur, zwecks dramaturgischer Balance und Anschluss an die Zielgruppen unter sechzig, ist Heike Makatsch. Sie spielt Averhoffs Tochter, Stewardess, immer unterwegs, super flexibel, auch in Liebesdingen. Natürlich leidet sie darunter, und auch das ist manchmal lästig: wie hier die Jungen als beziehungsgestörte Narzissten gegen die Alten ausgespielt werden. Dass Averhoff beim Training Bombengeräusche hört als schrecklichen Nachhall seiner Kindheit, legt nahe, dass ein ordentliches Trauma den Charakter stärkt. Den Heutigen fehlt diese Erschütterung, bombardiert werden sie nur noch mit Werbung auf Facebook.

          Aber das macht nichts, weil der Siegesmoment der Geschichte mit einem Blick zusammenfällt. Da tastet die Kamera das Gesicht des Helden nach Glücksgefühlen ab, aber aus diesem Antlitz schaut etwas anderes heraus. Ist es Tatendrang? Oder doch Angst? Zorn? Es lässt sich nicht genau sagen, weil ein großer Darsteller uns umso mehr Rätsel aufgibt, je näher wir ihm kommen. Dieter Hallervorden ist ein solcher Darsteller.

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