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Scorseses „The Wolf of Wall Street“ : Wer zahlt, darf alles

Was kostet die Welt? Für Leonardo di Caprio als James Belfort scheint sie erschwinglich. Bild: dpa

Martin Scorseses Film „The Wolf of Wall Street“ ist genauso hemmungslos brillant inszeniert, wie die Gier obszön ist, die er zeigt. Doch dahinter liegt nur die Leere.

          Jordon Belfort könnte einem toten Hund einen Kinderwagen verkaufen. Am Telefon. Mit Lust. Mit der Verführungskraft eines Mannes, der weiß, dass jedes Gespräch eine Performance ist, und der die Schauspielkunst des großen Motivators so gut beherrscht, dass er alle in seiner Nähe blendet. Vor allem dann, wenn es um nichts weiter geht als um Geld oder um Dinge, die man damit kaufen kann. Also doch um alles? Verkauft wird jedenfalls mit den Mitteln des Nichts, Jordon Belforts Handelsware ist absolut wertlos. Penny Stocks, Schrottpapiere. Mit Gewinnspannen, die ihn und seine Angestellten von einem Ladenlokal in Long Island bald zur Gründung einer neuen Firma und auf den riesigen Flur eines Hochhauses an der Wall Street führen. Gewinnspannen, die sie alle reich machen. Sehr reich. So reich, dass das FBI misstrauisch wird.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch halt. Wie konnte es dazu kommen? Das erzählt uns Jordon Belfort frontal zur Kamera hin sprechend und dann ins Voice-over hinübergleitend im Ton des Mannes, der schließlich des Betrugs überführt und zu einer (nicht sehr langen) Haftstrafe verurteilt wurde, der aber immer noch mit großem Spaß an die Jahre der Exzesse zurückdenkt. Belfort nutzte die Zeit im Gefängnis (in einer Welt also, in der Geld ebenfalls alles ist und nichts) dazu, das Buch zu schreiben, auf dessen Grundlage Terence Winter das Drehbuch für Martin Scorseses Film „The Wolf of Wall Street“ entwickelt hat. Und so hat Belfort mit der Erzählung aus dem Off für uns einerseits eine gewisse Distanz zum Geschehen und ist andererseits mitten drin - am Konferenztisch, an dem die Regeln fürs Zwergenwerfen ausbaldowert werden, über den Kokslinien, die auf jeder verfügbaren Fläche, und sei es ein Frauenbusen oder auch ein Frauenhintern, gezogen werden, im Bett oder über den Schreibtisch gebeugt, im Hubschrauber bei Bruchlandungen, im Auto, auf der Yacht, und immer wieder vor seinen Leuten, wenn er seine Reden schwingt. Es sind die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, und wer jetzt denkt, verdammt lang her, hat 2008 schon vergessen, worauf das alles zulief.

          Grenzenlos von sich überzeugt: Leonardo di Caprio als später gestrauchelter Finanz-Messias

          Die Männer in den Filmen von Martin Scorsese sprechen immer viel, sehr häufig aus dem Off heraus, als würden sie sich selbst zusehen und kommentieren, wie sie große Schweinereien begehen und dann in größtes Schlamassel geraten. Viele von diesen Helden hat Robert De Niro gespielt, unvergessen in fast allen Rollen. Leonardo DiCaprio hat ihn dann als Star der meisten Scorsese-Filme des letzten Jahrzehnts abgelöst. Und nun, in einer Rolle, die ihn als prächtigen Komödianten ausweist, spielt er so, als wolle er sich - ein wenig ironisch lächelnd, denn er ist kein Schüler mehr - vor seinem Vorgänger verneigen. Er imitiert ihn, könnte man sagen, klänge das nicht ein wenig unwürdig. DiCaprio spielt einfach so, dass man an manchen Stellen De Niro mitdenkt. Wenn er, im Park auf einer Bank sitzend, mit der Tante seiner Frau (elegant verschmitzt: Joanna Lumley) spricht zum Beispiel - da erinnert das schon sehr an Rupert Pupkin. In „King of Comedy“ war das, 1982, und Rupert Pupkin versuchte damals auch, mit seinen Tricks Karriere zu machen. Was völlig danebenging. An anderen Stellen meint man, hinter DiCaprio den De Niro aus „Casino“ (1995) herausblitzen zu sehen, dem anderen Film von Scorsese, in dem mit Betrug viel Geld verdient wird.

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