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Scorseses „Shine a Light“ : Marty im Puppenhaus

Die vier aus dem „Beacon Theatre”: Die Rolling Stones in „Shine a Light” Bild: dpa

Mit seinem Konzertfilm „Shine a Light“ hat uns Martin Scorsese ein mitreißendes Stück Musikkino beschert und der Berlinale einen Auftakt nach Maß.

          Dies ist die erste Komödie über die Rolling Stones. Zumindest zehn Minuten lang. Da schneidet Martin Scorsese schwarzweiße Splitter aus den Vorbesprechungen zu seinem Konzertfilm „Shine a Light“ ineinander, als wollte er sich an Slapstick versuchen. Er lässt sich selbst mit Mick Jagger über Ozeane hinweg in einen imaginären Dialog treten über den Bühnenaufbau („Ein Puppenhaus!“), die Zahl der Kameras („Wie wird das Publikum darauf reagieren?“) und vor allem die Programmfolge der beiden Abende, die Scorsese im New Yorker Beacon Theater gefilmt hat (siehe auch: Martin Scorsese über seinen Rolling-Stones-Film).

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Aber die Setlist erhält der Regisseur tatsächlich erst kurz vor dem ersten Ton zugesteckt, und wie zum Hohn konnte man zuvor Mick Jagger durch einen dicken Papierstapel blättern sehen, auf dem schon die darin als „mittelbekannt“ bezeichneten Lieder der Stones ganze Seiten füllen. Immer wieder von neuem scheint Scorsese im Vorfeld auf eine ergeben-lapidare Art zu verzweifeln, die wir sonst nur von Woody Allen zu kennen glaubten.

          Eingeschworen auf die Marotten der Band

          Wie hier der Dokumentarist im eigenen Film auftaucht, geht jedenfalls über teilnehmende Beobachtung weit hinaus: Es ist auch eine augenzwinkernde Spiegelung der nach allen Bekundungen der Beteiligten nicht eben unheiklen Vorgeschichte dieses jüngsten in der unübersehbaren Reihe von Rolling-Stones-Filmen. Welchem die besondere Achtung des cinemanischen Scorsese gilt, das lernt man im Abspann, wenn als erster in einer gewaltigen Liste von Kameramännern der legendäre Albert Maysles auftaucht, einer der beiden Maysles-Brüder, die 1969 „Gimme Shelter“ gedreht haben, den Film über das berüchtigte Altamont-Konzert.

          Wie die Maysles damals, so stehen Scorseses Kameraleute heute wieder mitten auf und im Publikum vor der Bühne. Doch wo es beim Detailreichtum von „Gimme Shelter“ um die Höllenfahrt einer Rockband ging, da entfesselt „Shine a Light“ ein himmlisches Vergnügen, weil Scorsese sein Team auf die Marotten der Band eingeschworen hat. Mit der Sichtung anderer Stones-Dokumentationen (siehe auch: Scorseses Rolling-Stones-Doku hat große Konkurrenz) muss er Monate verbracht haben. Und etliche Äußerungen, die ihn dabei beeindruckten, sind in „Shine a Light“ eingearbeitet worden.

          Man spürt es in jeder Sekunde: Das ist ihr Leben

          Und dennoch sieht man etwas, was es vorher nicht zu sehen gab: das dramaturgisch ausgefeilte Wechselspiel zwischen Jagger und den grandiosen Backgroundsängern Lisa Fisher und Bernard Fowler, das Scorsese in atemberaubenden Cross-Cuts inszeniert, die Anlehnungsbedürftigkeit von Keith Richards, den hinter seinem Schlagzeug ausgepumpten Charlie Watts und die Nonchalance von Ron Wood. Aber das alles ist mit einer solchen Ironie in Szene gesetzt, dass „Shine a Light“ selbst mitten im Konzert immer wieder zum Gelächter einlädt über diese vier Mittsechziger, denen ein weiterer Mittsechziger dabei zusieht, wie sie sich den Spaß ihres Lebens machen. Denn das hier, und das spürt man in jeder Sekunde, das ist ihr Leben.

          Und darum spielen sie, und zwar alle fünf Mittsechziger. Wenn die Stones „Just My Imagination“ von den Temptations nachspielen, dann ist das nicht nur Hommage, sondern Vergötzung, denn das grandios interpretierte Lied stiehlt diesmal sogar „Sympathy for the Devil“ die Schau. Und wenn Scorsese nach der letzten Szene von „Shine a Light“ noch ein Foto des im Dezember 2006 gestorbenen Ahmet Ertegun zeigt und diesem den Film widmet, dann ist das gar eine Unterwerfung des Großen vor einem noch Größeren. Denn sonst hätte der Film mit Scorsese selbst geendet: einem Scorsese, der wie ein Jack-in-the-box hinter jeder Tür zu lauern scheint, die die Stones am Schluss von der Bühne auf die Straße führt.

          Mehr, als man erwartete, aber weniger, als man erhofft hatte

          Das Konzert selbst macht keinen Hehl aus der Künstlichkeit der Situation. Immer wieder lässt Scorsese die gewaltigen Kameras durch seine Einstellungen fahren, und es gibt auch kein Bemühen um einen so perfekten Tonschnitt, dass man die Brüche zwischen beiden Abenden nicht bemerkte. Beim Schlussapplaus fehlt denn auch in der Riege der Mitwirkenden auf der Bühne der Gitarrist Buddy Guy. Das ist einfach zu erklären, denn er trat am einen Abend auf, die beiden anderen Gaststars, Christian Aguilera und Jack White III, dagegen am anderen. Mit Buddy Guy hatten die Stones „Champagne and Reefer“ gespielt, einen Bluesklassiker von Muddy Waters, den Mick Jagger in den ersten zehn Minuten von „Shine a Light“ über Chopin-Musik im Hotelzimmer eingeübt hatte. Er hätte es bleiben lassen sollen, denn sobald Buddy Guy neben ihm nur den Mund öffnet, ist Jagger weggeblasen. Was für eine mutige Szene!

          Was wird sonst noch bleiben von diesem Film? Mehr, als man erwartete, aber weniger, als man erhofft hatte. Scorsese hat weder den eigenen Konzertfilm „Last Waltz“ erreicht noch „Gimme Shelter“. Aber er hat uns ein mitreißendes Stück Musikkino beschert und der Berlinale einen Auftakt nach Maß (siehe auch: Bildergalerie: Berlinale-Eröffnung).

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