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„Chaos Walking“ im Kino : Im Gestrüpp teils geheimer Gedanken

Viola Eade (Daisy Ridley) und Todd Hewitt (Tom Holland) auf der Flucht Bild: dpa

Was passiert, wenn ein Film zeigen und hörbar machen will, was sonst nur Texte sagen: Das telepathische Abenteuer „Chaos Walking“.

          2 Min.

          Seit Ursula K. LeGuin 1972 den fortan maßgebenden Text der Motivgattung „Nicht die Fremden sind Invasoren bei uns, sondern wir verwüsten allerorten Ökologien und Gesellschaften“ unter dem Titel „Das Wort für Welt ist Wald“ veröffentlicht hat, blühen baumbevölkerte Planeten nicht nur in der Science-Fiction-Literatur, sondern auch im entsprechenden Filmgenre.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Mal rascheln sie kuscheltierverseucht wie in „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ (1983), mal hat man sie mit bunten digitalen Bonbons zugepappt wie in „Avatar“ (2009), mal duften sie herbwürzig wie in „Prospect“ (2018). Auf der speziellen Waldwelt des Films „Chaos Walking“ von Doug Liman hören und sehen Menschen außerdem „the Noise“, einen audiovisuellen Lärm, der als mehrfarbiger Schlierenschleier samt Tonspur aus menschlichen, genauer: männlichen Köpfen emaniert und Gefühle und Gedanken verrät. Der Film nach einem Jugendroman von Patrick Ness spielt etwa zweihundertfünfzig Jahre in der Zukunft; eine von der Erde ausgehende Siedlungswelle hat den Seelenplapperplaneten erreicht und ist unter unklaren Umständen verebbt. Die Handlung beginnt in einem Dorf, das Mads Mikkelsen als Bürgermeister hart regiert, nachdem eine Konfrontation mit mysteriösen Indigenen seinem Plastik-und-Holz-Weiler alle Mädchen und Frauen entrissen hat. Die Mutter verloren hat dabei der Junge Todd, gespielt von Tom Holland, der dem Rest des Films die Hauptperspektive stellt und dessen ganzer Stolz darin liegt, dass der Dorfdiktator offenbar mehr von ihm hält und erwartet als vom eigenen leiblichen Sohn.

          Anregendes Informationsgefälle

          Ein Pionierschiff stürzt vom Himmel, Vorbote der nächsten Siedlerfuhre. Nur ein Mensch überlebt die Havarie: Daisy Ridley als Viola, die sofort vom Bürgermeister weggesperrt wird, der Böses mit ihr vorzuhaben scheint. Todd hilft ihr bei der Flucht, denn er ist fasziniert von der ersten weiblichen Person in seiner Wirklichkeit (beim Tod der Mutter war er noch zu klein, um sich an sie erinnern zu können). Ständig (und für Viola: enervierend) denkt er über die „gelben Haare“ und die „hohe Stimme“ der Fremden nach, die nicht nur den Nachstellungen des Schurken entrinnen will, sondern auch nach einem Sender sucht, um das eigentliche Transportschiff, das jener in seine Gewalt zu bringen plant, vor ihm zu warnen. Was sich im Wald und an einer unsicheren Zufluchtsstätte zwischen Todd und Viola begibt, erzählt der Film in Szenen, die ein anregendes Informationsgefälle gestalten: Was ihn beschäftigt, sieht und hört man, bei ihr muss man’s aus Handlungen und Unterlassungen erschließen.

          Jungs und Männer sind in „Chaos Walking“ eben unfreiwillige Sender, offene Bücher – was etwa ein religiöser Irrer denkt, umlodert ihn als Fegefeuerflamme. Derlei bringt eine erhebliche filmerzählerische Schwierigkeit mit sich, denn kunstgerechte Kameraführung soll im fantastischen Kino ja innere Wirkungsbeziehungen der jeweiligen spekulativen Welt suggerieren und nicht explizit ausmalen, in sozusagen gegensinngedrehter Abweichung von der literarischen Regel: „Behaupte nicht, zeige!“

          Dass „Chaos Walking“ an seiner telepathischen Transparenz kaputtgeht, verhindern zwei Stars: Ridley, die mit jedem Blick und Laut die Mehrdeutigkeit von Blicken und Lauten überhaupt auskostet, und Mikkelsen, der sich so eisern im Griff hat, dass sein Gesicht unterm Willensüberdruck zu zerbröseln droht.

          Als schließlich die lebendige Erinnerung eines seiner Opfer ihm das Volkslied „Early One Morning“ vorsingt, klingen darin auf dem Filmhöhepunkt die Stimmen von Mächten mit, die aus Vergangenheit und Zukunft jedes Wesen rufen, das überhaupt fühlt und denkt: Ursache, Wirkung, Geheimnis.

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