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„Schrei nach Veränderung“ : Ein Film über die Katastrophe von Erfurt hat dort Premiere

Ein Jahr lang haben Thomas Schadt und Knut Beulich in Erfurt gearbeitet, und vorgestern sind sie für eine Nacht zurückgekehrt, um das Resultat ihres Aufenthalts vorzustellen: den Dokumentarfilm "Schrei nach Veränderung".

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          Ein Jahr lang haben Thomas Schadt und Knut Beulich in Erfurt gearbeitet, und vorgestern sind sie für eine Nacht zurückgekehrt, um das Resultat ihres Aufenthalts vorzustellen: den Dokumentarfilm "Schrei nach Veränderung". Im Auftrag des SWR entstanden, gelangt er anderthalb Monate vor seiner Ausstrahlung in der ARD für einen Abend auf die große Leinwand im Audimax der Universität Erfurt - und der Saal ist bis auf die Empore hinauf gefüllt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Was treibt die Erfurter in solcher Zahl in einen Dokumentarfilm? Wer schreit hier nach Veränderung? Schadt und Beulich haben den Titel ihres Films von einer Schülergruppe geborgt, die sich am 27. April 2002 gegründet hat, am Tag nachdem der Neunzehnjährige Robert Steinhäuser im hiesigen Gutenberg-Gymnasium sechzehn Menschen und sich selbst erschossen hatte. Die ARD wird den Film über das Massaker am 20. April dieses Jahres unter anderem Titel ausstrahlen: "Amok in der Schule". Denn wer kennt außerhalb Erfurts die Initiativgruppe "Schrei nach Veränderung"? Und wer, mit Verlaub gefragt, kennt sie denn noch in Erfurt? Als die Schüler im vergangenen Jahr auf den Domstufen eine Kundgebung veranstalteten, kamen statt der erwarteten vierhundert Teilnehmer vielleicht vierzig. Und heute, so berichtet einer der Gründer nach der Vorführung des Films, trifft sich die verbliebene Gruppe in seinem Wohnzimmer. "Man darf nicht darauf hoffen, daß etwas von außen kommt."

          Immerhin: Schadt und Beulich sind keine Erfurter. Von November 2002 bis November 2003 haben sie Gespräche mit Schülern des Gutenberg-Gymnasiums geführt, mit drei Hinterbliebenen von Opfern gesprochen und mit der Familie von Robert Steinhäuser. Sie sind nicht die ersten gewesen, die das taten. Doch sie haben es derart getan, daß ihr Film zwei Jahre nach dem Massenmord eine Zäsur darstellen wird. Für eine bloße Nacherzählung der Geschehnisse wären die Erfurter nicht gekommen. Sie haben Routine in Erinnerungsritualen, haben Trauerfeiern und ersten Jahrestag hinter sich, und vor einigen Wochen erst hat Ines Geipel (F.A.Z. vom 23. Februar) ihre umstrittene Studie zu dem Verbrechen am Gutenberg-Gymnasium in einer hiesigen Kirche vorgestellt - und erbitterten Widerspruch mit ihrer eindeutigen Schuldzuweisung an die Schulverwaltung geerntet. Im Audimax am Mittwoch abend gibt es keinen Streit, dafür große Begeisterung. Denn "Schrei nach Veränderung" spart sich jede Frage nach der Verantwortung. Und gibt doch Antworten: durch die Gespräche mit denen, die am 26. April 2002 ins Unglück gestürzt worden sind.

          Man merkt den in einstündiger Diskussion vorgebrachten Äußerungen des Publikums an, wie der Film die Bewohner der Stadt bewegt hat. Schadt und Beulich haben berückende Bilder von Erfurt in ihren Film eingeschnitten, doch es ist ihre Absicht zu zeigen, daß diese Katastrophe überall hätte passieren können, weil überall zu wenig zugehört und zu wenig gefragt werde - von Eltern, Lehrern, Geschwistern, Bekannten. Es gab Indizien für den bevorstehenden Mord, und sei es nur, daß der Vorsitzende des Thüringer Schützenbundes sich im Film gegen die Bezeichnung "Sportschütze" für Robert Steinhäuser verwahrt: "Der wollte nicht Schütze sein, und für uns war er auch kein Schütze." Aber für die Weigerung, ihm bei der Waffenbeschaffung zu helfen, war diese hellsichtige Beobachtung wohl nicht hinreichend.

          "Erfurt" steht als Name in einer Kette von Orten, die alle durch Verbrechen in unsere Erinnerung eingebrannt sind: Solingen, Rostock, Mölln, Hoyerswerda. Schadt und Beulich sprechen diese Städte von ihrer Last frei und bürden sie uns allen auf: Robert Steinhäuser zeigen sie als Resultat einer bestimmten gesellschaftlichen Konstellation, auch wenn individuelle Versäumnisse im Film benannt werden - vor allem von Roberts Eltern, deren Äußerungen von Schauspielern gesprochen werden, um die Familie zu schützen. Aber der Kollaps familiärer Anteilnahme, wie er in ihrem Haus erfolgte, ist gewiß kein Einzelfall in Deutschland.

          Und doch - daran kann kein Film etwas ändern - ist da der individuelle Schrecken, der auf Erfurt lastenbleiben wird. Es ist an diesem Mittwoch nicht die liebliche Altstadt, über die Schadt und Beulich ihre Kamera wie trunken schweben lassen, sondern eine winterlich abweisende Kulisse, beinahe zu passend zum Filmthema. Auf dem Weg zum Audimax führt die Straße an der Andreaskirche vorbei, deren Pfarrerin direkt am 26. April 2002 ihr Gotteshaus für die Angehörigen der Opfer öffnete. Aus dem Film weiß man, daß das Gutenberg-Gymnasium in unmittelbarer Nähe der Andreaskirche liegen muß, und plötzlich jagt jede einmündende Straße Angst ein - Angst, daß hier die aus den Fernsehbildern so vertraute, jetzt makellos renovierte Fassade der Schule sich erheben könnte, so daß man selbst in den Bann des Verbrechens geriete, das doch erst am Ort selbst aus der Abstraktion der reinen Nachricht befreit wird und dadurch seine Macht gewinnt.

          Kein Film kann das Gutenberg-Gymnasium verschwinden lassen; sowenig wie die Renovierung die Spuren des Massakers tilgen konnte. Sie bleiben in unserem Bildgedächtnis, und Erfurt wird seine Unschuld nicht zurückerhalten.

          Das ist unfair, und Schadt und Beulich haben wirklich alles getan, um die Stadt vom Albdruck zu befreien. Ihr Film ist eine von zwölf längeren Dokumentationen, die die ARD im Laufe eines Jahres in ihrem Programm unterzubringen bereit ist. Ihr Film ist die eine von diesem Dutzend, die man auf jeden Fall sehen sollte, wenn sie ausgestrahlt wird - um 23 Uhr in der Nacht. Und danach hoffentlich noch anderswo.

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