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Schleichwerbung : Jetzt hat die ARD ihr Watergate

Nix wie weg: Im „Marienhof” reist man gerne

Nix wie weg: Im „Marienhof” reist man gerne Bild: ARD/R.M.Reiter

Heute schon einen Dialog gekauft? In der von der Bavaria erstellten ARD-Serie „Marienhof“ sollte das 175.000 Euro kosten. Über zehn Jahre hinweg wurde in der Seifenoper massiv schleichgeworben.

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          Das Phänomen ist bekannt, die ganze Branche steht unter Verdacht, es dauernd zu tun, doch ist die Beweislage in diesem einen Fall extrem und erdrückend: Über zehn Jahre hinweg wurde nach den Recherchen des Journalisten Volker Lilienthal in der ARD-Vorabendserie „Marienhof“ massiv schleichgeworben.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Was der Leitende Redakteur des Nachrichtendienstes epd medien in jahrelanger Recherche, zum Teil undercover und unter massiven juristischen Angriffen herausgefunden hat, ist kaum zu glauben, aber wahr: Ausgerechnet in ihrer erfolgreichen Seifenoper „Marienhof“, die seit fast dreizehn Jahren auf Sendung ist, wurde „mindestens zehn Jahre lang systematisch rechtswidrige Schleichwerbung betrieben“.

          Einen solchen Fall hat es noch nicht gegeben

          Im Angebot war offenbar so ziemlich alles, was man sich wünschen kann: versteckte Werbung für Produkte, Dienstleistungen und Themen. Auf der Kundenliste der Agentur H+S, die das sogenannte „Placement“ vertrat, finden sich Teppichbodenhersteller, der Deutsche Tanzlehrerverband und der Filmverleih UIP. Ihnen wie vielen, vielen anderen soll angeboten worden sein, direkt auf Inhalt, Handlung und Dialoge der Serie Zugriff zu bekommen - einen solchen Fall von inhaltlicher Korruption dürfte es in der deutschen Medienlandschaft noch nicht gegeben haben.

          Nebenverdienst: Im Marienhof floß das Geld reichlich
          Nebenverdienst: Im Marienhof floß das Geld reichlich : Bild: ARD/R.M.Reiter

          Nach den Erkenntnissen von epd medien hatte die Produktionsfirma Bavaria Film, welche die Serie „Marienhof“ im Auftrag der ARD herstellt, von Mitte der neunziger Jahre an „einer kommerziellen Vermittlungsagentur erlaubt, gegen stattliche Honorare verdeckte Werbung von Industrie und Interessenverbänden zu akquirieren“. Zehn sogenannte „Placements“ schlugen mit 175.000 Euro zu Buche. Von den dadurch eingespielten Summen, die sich im Laufe der Jahre auf stattliche Millionenbeträge hochrechnen lassen, habe nicht nur die Agentur profitiert, sondern auch die Bavaria, bestätigte der Geschäftsführer der Produktionsgesellschaft, Thilo Kleine.

          Die gesamte ARD unter Druck

          Da die Bavaria eine mehrheitlich öffentlich-rechtliche Tochterfirma ist - getragen von MDR, SWR und WDR -, kommt die gesamte ARD unter Druck. Nicht nur, daß sie eine solche Enthüllung in dem Augenblick nicht gebrauchen kann, da bekannt wird, daß sie in Karlsruhe gegen die jüngste Gebührenerhöhung Verfassungsbeschwerde einlegen wird.

          Sie hat obendrein, gemeinsam mit dem ZDF und unterstützt von den Bundesländern, gegenüber der EU-Kommission, die in einem Beihilfeverfahren nach der Transparenz ihrer Finanzen fragt, dargelegt, wie wunderbar angeblich ihre Kontrollgremien funktionieren und daß bei ihren kommerziellen Nebentätigkeiten alles mit rechten Dinge zugeht. Ob man das in diesem Fall wird behaupten können? Sieht es nicht eher aus, als habe die ARD nun - da in Amerika die Identität von „Deep Throat“ gelüftet worden ist - ihr eigenes Watergate?

          Man schaut in einen Abgrund

          Wenn man die Fälle studiert, die der Rechercheur Lilienthal zusammengetragen hat, schaut man in einen Abgrund. Seinen Erkenntnissen zufolge war der Höhepunkt der laut Staatsvertrag verbotenen Praktiken im „Marienhof“ im Mai 2003 erreicht, als die Produktion ein neues Reisebüro als Spielkulisse eröffnete, das dem realen Vorbild „L'Tur“ täuschend ähnlich sieht, angefangen bei der Markenfarbe Magenta bis zum firmeneigenen Werbeslogan „Nix wie weg“.

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