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Schleichwerbung : Der „Marienhof“-Skandal erschüttert die ARD

Nebenverdienst: Im Marienhof floß das Geld reichlich Bild: ARD/R.M.Reiter

Das größte Schleichwerbekomplott der Branche hat die ARD in Aufruhr versetzt. Intendaten sprechen von einem „bestürzenden Vorgang“, der „schwerwiegende Konsequenzen“ nach sich ziehen müsse.

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          Im Skandal um die sogenannten „Placements“ in der ARD-Serie „Marienhof“ und anderen Sendungen haben wir einen Vorschlag zur Güte: Vielleicht kommt die Sache ja doch nicht zur Unzeit - da einen Tag zuvor bekanntgeworden ist, daß die ARD-Sender in Karlsruhe gegen die Gebührenerhöhung klagen wollen -, sondern gerade und ganz genau recht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Am Wochenende wird nämlich beim Jahrestreffen des Netzwerks Recherche in Hamburg die „Goldene Auster“ verliehen. Preisträger wird, wer die aufklärende Arbeit der Medien am meisten behindert hat. Nach der im Stile von Radio Eriwan verfaßten Pressemitteilung, die wir zu der jahrelangen Schleichwerbung von den „Marienhof“-Produzenten erhalten, wissen wir, wem der Preis gebührt: Es ist niemand anderes als die Bavaria Film, die nicht mehr zu sagen hatte als: „Maßnahmen gegen Placement ergriffen“.

          Der schwerwiegendste Fall

          Was für eine Antwort auf das größte Schleichwerbekomplott der Branche, das die ARD in Aufruhr versetzt (Schleichwerbung: Jetzt hat die ARD ihr Watergate). „Dies ist der schwerwiegendste Fall, den ich in meiner ganzen Amtszeit je hatte“, sagt der Intendant des Westdeutschen Rundfunks, Fritz Pleitgen. Der WDR ist über seine Tochtergesellschaft WDR-Mediagroup mit 33,35 Prozent der größte Anteilseigner der Bavaria, die mit einem Jahresumsatz von zuletzt 265 Millionen Euro die drittgrößte Produktionsgesellschaft in Deutschland ist.

          Pleitgen erfuhr von der Veröffentlichung des „Marienhof“-Skandals sinnigerweise, als er gerade in Brüssel weilte. Auf die Frage, was nun zu tun sei, sagte er, daß, wenn sich die Vorwürfe bestätigen, hier „ein klarer Vertrags- und Vertrauensbruch vorliegt: Dann müssen wir reagieren.“ Die Sache müsse restlos aufgeklärt werden. „Das Kind liegt sehr tief im Brunnen.“ Er selbst wurde Ende April durch einen Brief seines Kollegen Voß vom SWR alarmiert, der einen Fragenkatalog des Rechercheurs Lilienthal vorliegen hatte.

          Schon im Mai 2003

          Im April wurde von den Gesellschaftern der Bavaria eine Sonderprüfung veranlaßt - die Produktionsgesellschaft selber aber muß nachweislich bereits seit Mai 2003 von den Vorwürfen gewußt haben, bekam sie doch damals die Anfrage des Rechercheurs von epd medien, der hernach in seiner Arbeit bis zum Januar dieses Jahres durch die Prozesse behindert wurde, die er gegen die Placement-Agentur H+S führen mußte. Erst nach dem Urteil des Oberlandesgerichts München vom 20. Januar dieses Jahres konnte er weitermachen.

          Doch wie konnte es zu der jahrelangen, ganz offenbar flächendeckenden Schleichwerbung kommen, die offenbar ganze Dialoge und Handlungsstränge einschloß? „Diese Frage stellt sich in der Tat, und ich stelle sie mir auch“, sagt Pleitgen. „In den Verträgen steht klipp und klar, daß so etwas untersagt ist und deshalb nicht passieren darf.“ „So etwas darf nicht passieren, erst recht nicht bei uns. Es hilft auch gar nicht, auf andere zu verweisen. Wir haben vorbildlich zu sein.“ Die Methoden des Product-Placement scheinen offensichtlich so verfeinert worden zu sein, daß es schwerfalle, sie zu erkennen. Die Sender müßten sich allerdings auch auf die Produzenten verlassen können, nicht gegen die bestehenden Verträge zu verstoßen: „Wir sind Opfer geworden. Aber ich kann ja nicht so eine Art Stasi einsetzen, die hinter den Produzenten her ist“, sagte Pleitgen. „Doch müssen wir jetzt über schwerwiegende Konsequenzen nachdenken. Das ist etwas, das nicht passieren durfte.“

          „Richtig betrogen“

          Ähnlich äußern sich die Intendanten des Südwestrundfunks und des Mitteldeutschen Rundfunks, Peter Voß und Udo Reiter. SWR und MDR sind mit 16,67 und 16,64 Prozent an der Bavaria beteiligt. „Das wird Konsequenzen haben“, sagte der MDR-Intendant Reiter, sein Sender fühle sich „richtig betrogen“. Reiter forderte, daß alle bereits gefertigten, noch nicht ausgestrahlten Folgen der Serie „Marienhof“ auf etwaige Schleichwerbung eigens überprüft werden müßten.

          Niemand sei „immun gegen Täuschungsmanöver“, sagte der SWR-Intendant Peter Voß. Offenkundig sei von dem eigenen Beteiligungsunternehmen - der Bavaria - „tatsächlich fortgesetzt Schleichwerbung betrieben“ worden. Dies sei ein „bestürzender Vorgang, den wir rückhaltlos aufklären müssen“. Es handele sich um keine Bagatelle, und es gebe eine Sonderprüfung, „bei der nichts unter den Teppich gekehrt wird“. Der Programmdirektor des Ersten, Günter Struve, ergänzte: „Wir haben die feste Erwartung, daß die Überprüfung nicht ausgeht wie das Hornberger Schießen.“

          Reaktionen aus der Politik

          Reaktionen auf den Skandal gibt es jedoch nicht nur von den betroffenen Sendern, sondern auch aus der Politik. So will die Landesregierung von Rheinland-Pfalz als Rechtsaufsicht über den Rundfunk tätig werden und den SWR um Aufklärung ersuchen. Die FDP will sich mit dem Thema beim nächsten Treffen ihrer Medienkommission beschäftigen. Der FDP-Medienpolitiker Hans-Joachim Otto forderte die öffentlich-rechtlichen Sender auf, „Transparenz im Beziehungsgeflecht ihrer Tochtergesellschaften zu schaffen sowie ihrer Aufsichtsfunktion nachzukommen und Mißbrauch abzustellen. Die bekanntgewordenen Rechtsbrüche zeugen von einem vollständigen Versagen der Kontrollgremien.“

          Dies bestätige die Forderung, daß die Öffentlich-Rechtlichen auf Werbung vollständig verzichten sollten. „Es ist ein skandalöser Vorgang, wenn Firmen sich in Sendungen einkaufen und Handlung sowie Dialoge mitbestimmen können“, sagte Otto. „Fernsehserien dürfen nicht die Fortsetzung der Werbung mit anderen Mitteln sein.“ Von einem „Skandal und großen Schaden“ für das Ansehen des öffentlichen Rundfunks und der ARD sprach der Obmann für Kultur und Medien der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Bernd Neumann. Durch den Vorgang würden kritische Stimmen in der EU-Kommission voll bestätigt. Das Kontrollsystem der ARD habe versagt.

          Erfolg für den Journalismus

          Die Grünen-Politikerin Grietje Bettin teilte mit, dies sei „ein voller Erfolg für den investigativen Journalismus“. „Die über zehn Jahre gezielt gesetzten Werbeaussagen und Botschaften von Firmen und Interessenverbänden sind ein Super-GAU für die ARD.“ Der Deutsche Journalisten-Verband forderte die Sender, besonders die ARD, auf, „dringend“ Konsequenzen zu ziehen.

          Am Tag eins nach dem Offenbarwerden des Skandals ist der Wille zur Aufklärung also anscheinend groß. Zumindest den Bekundungen nach. Was kein Wunder ist, stehen die Sender doch nicht nur öffentlich in der Kritik, sondern auch gerade in Brüssel unter besonderer Beobachtung. Doch will die ARD Ernst machen mit dem Gelöbnis, restlos aufzuklären, dürfte sie sich nicht auf die Serie „Marienhof“ beschränken. Schließlich haben die Recherchen ergeben, daß es auch bei der Ärzteserie „In aller Freundschaft“ verdächtige Produkterwähnungen gab.

          „In aller Freundschaft“ wird von der saxonia media, einer Tochtergesellschaft der Bavaria, produziert. Einen Querverweis gibt es in diesem Zusammenhang auch auf die ZDF-Serie „Rosenheim-Cops“, die ebenfalls produziert wird von, dreimal darf man raten - der Bavaria. Dort wurde unter anderem ein Rosenheimer Bier in den Vordergrund gerückt, was ein Verkaufsleiter mit einem „Gentleman's Agreement“ mit einem Mitarbeiter der Bavaria erklärt haben soll.

          Na denn, prost!

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