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Julia Jentsch im Gespräch : „Vielleicht versteht man die eigene Mutter erst, wenn man selbst Mutter ist“

  • -Aktualisiert am

„Frau Mutter Tier“: Jentsch als Filmfigur Marie, die alles auf einmal will, aber an einem ganz normalen Tag im Drogeriemarkt an ihre Grenzen gerät. Bild: Foto Alpenrepublik Filmverleih

In „Frau Mutter Tier“ spielt Julia Jentsch eine Mutter, die sich hauptberuflich um ihre Kinder kümmert – im wahren Leben hält sie es anders. Ein Gespräch über das Mutter-sein, Rollenmodelle, antiautoritäre Erziehung – und Schlafmangel.

          Julia Jentsch wirkt im ersten Moment reserviert, sogar ein bisschen streng. Doch im Laufe des Gesprächs zeigt sie sich offen und sehr humorvoll. Die 41-jährige Schauspielerin, die mit Mann und Tochter in der Schweiz lebt, lacht immer wieder herzlich, als sie über die Dreharbeiten zu ihrer neuen Komödie „Frau Mutter Tier“ spricht, in der es um drei Frauen geht, die sich im Spannungsfeld zwischen Muttersein, Karriere und Überforderung bewegen.

          Sie zeigen in Ihren Rollen eine große Bandbreite. Was hat Sie an dieser Rolle der Übermutter und Perfektionistin vor allem gereizt?

          Ich bin selbst sehr weit von dieser Figur entfernt. Marie, so heißt diese Frau, versucht, etwas zu sein, was sie nicht wirklich ist. Es war für mich spannend, mich mit ihrem Rollen- und Mutteranspruch auseinanderzusetzen. Solche Figuren ziehen mich besonders an, weil ich mich da ausprobieren kann.

          Marie kümmert sich um die Familie, während ihr Mann das Geld verdient. Was halten Sie von diesem Rollenmodell?

          Ich glaube, dass es das teilweise auch noch genau so gibt. Für die einen stimmt es, für die anderen nicht. Aber es ist nicht mehr das alleingültige Familienbild, mittlerweile gibt es alle Formen und Varianten. Zum Glück.

          Vollzeit-Mutter war also keine Option für Sie?

          Nein, darüber habe ich nie nachgedacht. Mir war schon immer klar, sollte ich jemals ein Kind haben oder wollen – das war nicht immer mein Lebensplan –, dann nur mit einem Partner, der sich mit mir zusammen dieser Aufgabe widmet. Jemand, der sagt: Das ist unser Kind, und wir schauen, dass wir das gemeinsam machen. Wichtig war mir auch, dass wir uns beide zwar beruflich zurücknehmen, aber dennoch weiter arbeiten – so muss keiner seinen Beruf aufgeben.

          Wer kümmert sich an einem Tag wie heute, an dem Sie Interviews geben, um Ihr Kind?

          Mein Partner und ich teilen das untereinander auf. Und wenn wir es aus zeitlichen Gründen nicht schaffen, haben wir das Glück, dass dann die Großeltern einspringen. Dafür bin ich extrem dankbar, denn ich weiß, mein Kind ist da gut aufgehoben, und es freut sich wahnsinnig, seine Großeltern zu sehen.

          Julia Jentsch ist als Marie in „Frau Mutter Tier“ die perfekte Fulltime-Mama, scheitert jedoch an ihren eigenen Ansprüchen.

          Das hört sich an, als hätten Sie alles perfekt im Griff.

          Manchmal muss ich auch genau tüfteln, damit alles passt. Ich habe es am Anfang sehr genossen, mein Kind zu den Dreharbeiten mitzunehmen, und es als besonders schön empfunden, meinen Beruf und mein Kind an einem Ort zu haben. Das war etwas Besonderes. Diese Phase ist leider sehr schnell vergangen.

          Jetzt bin ich die, die zwischen Familie und Dreharbeiten hin- und herpendelt. Es ist mir wichtig, zwischendurch zu Hause zu sein, auch wenn es nur kurz ist, um mich mit meinem Kind auszutauschen und mitzukriegen, was gerade so los ist, beispielsweise wenn es Veränderungen in der Schule gibt. Das möchte ich hautnah miterleben.

          Eine Familie und ein sehr fordernder Job – was ist für Sie in dieser Konstellation die größte Herausforderung?

          Wenn ich mit meinem Kind und meiner Familie zusammen bin, dann auch wirklich da zu sein und nicht in Gedanken woanders, beispielsweise bei einer Rolle. Denn meine Familie ist in diesem Moment das Wichtigste, dann zählt nur sie. Das Gleiche gilt aber auch für meinen Beruf. Damit ich ihn so ausüben kann, wie ich ihn gern ausüben möchte, muss ich abschalten können. Ich muss mich ganz auf mein Spiel konzentrieren und auch da alles geben.

          Wie haben Sie die Phase erlebt, wieder in Ihren Beruf zurückzukehren?

          Ungewohnt und schwierig war für mich, dass ich nach der Geburt überhaupt keine Lust hatte zu arbeiten. Denn vorher hat mich das Spielen so eingenommen, und plötzlich war es weg. Das hat mir Angst gemacht. Denn ich habe gedacht: Was mache ich, wenn die Lust daran nicht wiederkommt?

          Ich habe dann mit einer befreundeten Regisseurin gesprochen, die mich beruhigte: Keine Angst, Julia, das war bei mir auch so, es kommt wieder. – So ziemlich genau nach neun Monaten wurde ich dann kribbelig und habe meine Agentin nach Projekten befragt. Es kam wieder, dieses Gefühl. Und das hat mich glücklich gemacht, denn es gehört zu mir.

          Die drei Mütter im Film scheitern an ihren eigenen Ansprüchen und fühlen sich überfordert. Kennen Sie das, an Ihre Grenzen zu stoßen?

          Ja, ich kenne Momente, in denen ich an meine Grenzen komme. Und dann bin ich nicht so, wie ich vielleicht sein möchte. Das passiert, wenn zu viel auf einmal los ist oder ich eine wichtige Entscheidung treffen muss, beispielsweise ob ich ein Projekt machen möchte oder nicht.

          Und dann kommt in so einer Situation oft noch wenig Schlaf hinzu. Da merke ich dann, dass ich nicht das Maß an Ruhe und Verständnis habe, das ich meinem Kind immer entgegenbringen möchte. Das funktioniert dann einfach nicht. Und das überträgt sich sofort. Dann gibt es Situationen, in denen ich das Gefühl habe, am besten gehe ich jetzt erst einmal schlafen, und morgen sieht dann alles anders aus.

          Und funktioniert das?

          Meistens ja. Denn wenn man ausgeschlafen wieder mehr Kraft hat und dann seinem Kind begegnet oder ein Problem durchdenkt, dann lösen sich die meisten Schwierigkeiten von allein. Manchmal kann man seinem Kind, das tendenziell mehr Energie und Ideen hat als ein Erwachsener, nicht gerecht werden. So geht es mir zumindest.

          2018 erhielt Julia Jentsch den Bayerischen Fernsehpreis als beste Schauspielerin.

          Ihre Filmfigur Marie will die perfekte Mutter sein. Wann haben Sie erkannt, dass es in der Kindererziehung keine Perfektion gibt?

          Das ist mir sofort klargeworden, und deswegen habe ich das auch nie angestrebt. Denn ich habe sofort gemerkt: Es fühlt sich anders an, als ich gedacht habe. Eigentlich hatte ich geplant, nach der Schwangerschaft sofort wieder zu arbeiten. Es war dann nicht so, weil ich gar nicht das Bedürfnis danach hatte – und auch nicht die Kraft.

          Ich hatte ganz schnell ein Gefühl davon, dass ich bestimmte Dinge mit einem Kind gar nicht planen kann. Es kommt sowieso anders. Ich habe eher das Ziel, für das Kind da zu sein und die anderen Dinge, die auch noch getan werden müssen, auch noch zu schaffen. Aber nicht alles in einer perfekten Art und Weise. Ich vertraue auf meine Instinkte und Gefühle.

          Wie teilen Sie sich mit Ihrem Mann die Hausarbeit?

          Derjenige, der gerade mehr zu Hause ist, übernimmt auch mehr.

          Nach welchen Prinzipien sind Sie erzogen worden?

          Meine Eltern haben mich antiautoritär erzogen. Ich hatte immer das Gefühl, viele Freiräume zu haben. Sie haben mir das Gefühl gegeben, dass ich mir meine Räume und auch Freunde suchen kann, die ich will. Besonders schön fand ich, dass meine Eltern alle herzlich aufgenommen haben, egal aus welcher sozialen Schicht sie kamen oder wie die drauf waren. Ich bin mit einer großen Offenheit aufgewachsen.

          Gab es auch keine Regeln, wann Sie spätestens von einer Party wieder zu Hause sein mussten?

          Einerseits haben mir meine Eltern auch da nichts vorgeschrieben. Sie haben nie gesagt: In den Club gehst du nicht, oder: Das wird zu spät. – Doch meine Mutter wollte, dass ich anrufe. Das ist vielleicht auch schon eine Form von Einschränkung. Oder sie war noch wach, wenn ich frühmorgens nach Hause gekommen bin. Damals habe ich gedacht: Mein Gott, warum tut sie sich das an? Ich hatte den Freiraum, aber ich habe auch gemerkt, dass meine Mutter dabei nicht total entspannt war. Heute kann ich das besser verstehen. Früher habe ich nicht verstanden, warum sie sich Sorgen um mich macht.

          Wie denken Sie denn nun darüber?

          Heute denke ich, wer weiß, ich bin wahrscheinlich auch irgendwann froh, wenn sich meine Tochter bei mir meldet, wenn sie ausgeht. Das ist ja auch das Schöne daran, finde ich, dass man durch das Muttersein seine eigene Mutter vielleicht erst richtig versteht. Viele Dinge erschließen sich mir wirklich erst jetzt. Ich habe nun großes Verständnis für das Verhalten meiner Eltern, was mich früher überrascht oder verwundert hat. Nun verstehe ich, woher es kommt.

          Wollen Sie die Freiheit, die Sie als Kind hatten, in Ihrer Erziehung weitergeben?

          Das wäre mein Ideal. Und trotzdem gibt es diese Momente – beispielsweise auf dem Spielplatz, ähnlich wie im Film –, da stehe ich unter einem Klettergerüst und hätte gerne zehn Arme, um mein Kind im richtigen Moment aufzufangen.

          Doch eigentlich will ich ja loslassen und es machen lassen und sagen: Ach, du kannst das alles. In solchen Situationen bin ich froh, dass mein Mann da zum Glück anders ist und meine Tochter sich mit ihm anders austoben kann. Manchmal will ich anders sein, kann dann aber nicht aus meiner Haut. Und dann merke ich, dass ich diese Vorsicht vielleicht auf mein Kind übertrage. Ich finde es gut, wenn es da dann noch einen anderen Pol gibt, der das ausgleicht.

          Hatten Sie einen Typ Mutter im Kopf, der Sie sein wollten?

          Ich hatte kein vorgefertigtes Bild oder eine spezielle Person im Kopf. Mir ging es nicht wie diesen Müttern im Film, die versuchen, einem Bild zu entsprechen und dem nachzueifern. Ich dachte, ich lasse es auf mich zukommen. Es ist doch so, dass einem jeden Tag eine neue Aufgabe gestellt wird. Und ich habe dann geschaut, wie ich das schaffe, ohne Bild oder Erziehungsmuster.

          Ich habe auch nicht nach den neuesten Theorien zur Kinderpädagogik gesucht, um danach mein Kind zu erziehen. Doch ich war immer fasziniert, wenn ich Mütter gesehen habe, die drei oder sogar vier Kinder hatten und trotzdem total entspannt gewirkt haben. Da habe ich immer gedacht: Ich darf mich von den Herausforderungen oder dem Stress nicht so einnehmen lassen und diese Momente der Entspannung nicht ganz verlieren.

          Auf mich wirken Sie sehr gelassen. Woher nehmen Sie das?

          Dieses Gefühl habe ich nicht immer. Ich begebe mich immer wieder auf die Suche nach mir, und wenn ich mich gefunden habe, dann spüre ich auch meine Kraft. Und dann kann ich meine privaten und beruflichen Dinge besser bewältigen oder auch besser für mein Kind da sein. Wie ich da hinkomme, ist immer verschieden.

          Manchmal ist es wirklich nur mal eine Nacht länger schlafen, also eine Portion mehr Schlaf, und danach fühle ich mich wohler. Manchmal muss ich dringend in die Natur. Dann springe ich in einen See oder gehe im Wald spazieren oder dahin, wo ich Weite spüre, keine Menschen und nur Landschaft sehe. Das bringt mich dann wieder mehr zu mir und meinen Bedürfnissen. Manchmal ziehe ich mich auch einfach zurück und lese etwas. Ich versuche, mich der Situation zu entziehen, die mich gerade stresst, in der ich nicht meine Ruhe finde, und etwas anderes zu machen. Oft ist es ein Mit-sich-sein.

          Filmhinweis

          „Frau Mutter Tier“ startet am 21. März in den Kinos.

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