https://www.faz.net/-gqz-9kn22

Julia Jentsch im Gespräch : „Vielleicht versteht man die eigene Mutter erst, wenn man selbst Mutter ist“

  • -Aktualisiert am

Einerseits haben mir meine Eltern auch da nichts vorgeschrieben. Sie haben nie gesagt: In den Club gehst du nicht, oder: Das wird zu spät. – Doch meine Mutter wollte, dass ich anrufe. Das ist vielleicht auch schon eine Form von Einschränkung. Oder sie war noch wach, wenn ich frühmorgens nach Hause gekommen bin. Damals habe ich gedacht: Mein Gott, warum tut sie sich das an? Ich hatte den Freiraum, aber ich habe auch gemerkt, dass meine Mutter dabei nicht total entspannt war. Heute kann ich das besser verstehen. Früher habe ich nicht verstanden, warum sie sich Sorgen um mich macht.

Wie denken Sie denn nun darüber?

Heute denke ich, wer weiß, ich bin wahrscheinlich auch irgendwann froh, wenn sich meine Tochter bei mir meldet, wenn sie ausgeht. Das ist ja auch das Schöne daran, finde ich, dass man durch das Muttersein seine eigene Mutter vielleicht erst richtig versteht. Viele Dinge erschließen sich mir wirklich erst jetzt. Ich habe nun großes Verständnis für das Verhalten meiner Eltern, was mich früher überrascht oder verwundert hat. Nun verstehe ich, woher es kommt.

Wollen Sie die Freiheit, die Sie als Kind hatten, in Ihrer Erziehung weitergeben?

Das wäre mein Ideal. Und trotzdem gibt es diese Momente – beispielsweise auf dem Spielplatz, ähnlich wie im Film –, da stehe ich unter einem Klettergerüst und hätte gerne zehn Arme, um mein Kind im richtigen Moment aufzufangen.

Doch eigentlich will ich ja loslassen und es machen lassen und sagen: Ach, du kannst das alles. In solchen Situationen bin ich froh, dass mein Mann da zum Glück anders ist und meine Tochter sich mit ihm anders austoben kann. Manchmal will ich anders sein, kann dann aber nicht aus meiner Haut. Und dann merke ich, dass ich diese Vorsicht vielleicht auf mein Kind übertrage. Ich finde es gut, wenn es da dann noch einen anderen Pol gibt, der das ausgleicht.

Hatten Sie einen Typ Mutter im Kopf, der Sie sein wollten?

Ich hatte kein vorgefertigtes Bild oder eine spezielle Person im Kopf. Mir ging es nicht wie diesen Müttern im Film, die versuchen, einem Bild zu entsprechen und dem nachzueifern. Ich dachte, ich lasse es auf mich zukommen. Es ist doch so, dass einem jeden Tag eine neue Aufgabe gestellt wird. Und ich habe dann geschaut, wie ich das schaffe, ohne Bild oder Erziehungsmuster.

Ich habe auch nicht nach den neuesten Theorien zur Kinderpädagogik gesucht, um danach mein Kind zu erziehen. Doch ich war immer fasziniert, wenn ich Mütter gesehen habe, die drei oder sogar vier Kinder hatten und trotzdem total entspannt gewirkt haben. Da habe ich immer gedacht: Ich darf mich von den Herausforderungen oder dem Stress nicht so einnehmen lassen und diese Momente der Entspannung nicht ganz verlieren.

Auf mich wirken Sie sehr gelassen. Woher nehmen Sie das?

Dieses Gefühl habe ich nicht immer. Ich begebe mich immer wieder auf die Suche nach mir, und wenn ich mich gefunden habe, dann spüre ich auch meine Kraft. Und dann kann ich meine privaten und beruflichen Dinge besser bewältigen oder auch besser für mein Kind da sein. Wie ich da hinkomme, ist immer verschieden.

Manchmal ist es wirklich nur mal eine Nacht länger schlafen, also eine Portion mehr Schlaf, und danach fühle ich mich wohler. Manchmal muss ich dringend in die Natur. Dann springe ich in einen See oder gehe im Wald spazieren oder dahin, wo ich Weite spüre, keine Menschen und nur Landschaft sehe. Das bringt mich dann wieder mehr zu mir und meinen Bedürfnissen. Manchmal ziehe ich mich auch einfach zurück und lese etwas. Ich versuche, mich der Situation zu entziehen, die mich gerade stresst, in der ich nicht meine Ruhe finde, und etwas anderes zu machen. Oft ist es ein Mit-sich-sein.

Filmhinweis

„Frau Mutter Tier“ startet am 21. März in den Kinos.

Weitere Themen

Filmstars gegen die AfD Video-Seite öffnen

Bürgermeisterwahl in Görlitz : Filmstars gegen die AfD

Am Sonntag wird in einem zweiten Wahlgang in Görlitz der Oberbürgermeister gewählt. Beim ersten Wahlgang am 26. Mai holte AfD-Kandidat Sebastian Wippel mit 36,4 Prozent die meisten Stimmen. Um die Wahl des AfD-Kandidaten zu verhindern, haben Filmgrößen wie Daniel Brühl und Armin Rohde in einem offenen Brief die Wähler ermahnt, "weise" zu wählen.

Topmeldungen

Mutmaßliche Angriffe im Golf : Tanker, Lügen – und Videofilme

Es gibt viele Deutungen der jüngsten Vorfälle im Golf von Oman. Ironischerweise gewinnt in der gegenwärtigen Krise Amerikas Position gegenüber Iran an Glaubwürdigkeit – gerade durch den Faktor Trump.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.