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Bibi Andersson wird 80 : Passion und Persona

Bibi Andersson in „Persona“ Bild: Imago

Bibi Andersson hatte in Ingmar Bergmans „Persona“ die Rolle ihres Lebens. Jahre zuvor entdeckte sie Bergman in einem Seifenwerbespot. Nun wird die schwedische Schauspielerin achtzig Jahre alt.

          2 Min.

          Ein Haus am Meer. Zwei Frauen, eine Schauspielerin in einer Lebenskrise und die Krankenschwester, die sie betreut, verbringen hier den Sommer. Sie liegen in der Sonne, schwimmen, essen, lesen, und die eine, die Schwester, erzählt von sich selbst, die andere bleibt stumm. Bis Alma entdeckt, dass Elisabet, ihre Patientin, einen Brief geschrieben hat, in dem sie sich über die intimen Geständnisse der Pflegerin lustig macht. Jetzt beginnt ein Zweikampf, der mit allen Mitteln geführt wird, Worten, Blicken, Glasscherben, kochenden Wassertöpfen, ein Kampf bis aufs Blut und in die Tiefen der Seele. Es ist, als wären die beiden füreinander bestimmt, als müssten sie stellvertretend für alle Frauen der Welt dieses Duell ausfechten, bei dem ihre Gesichter am Ende zu einem einzigen verschmelzen, zwei Hälften einer Person.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Bibi Andersson ist Alma, die Pflegerin der Schauspielerin Elisabet in Ingmar Bergmans „Persona“, und es bleibt die Rolle ihres Lebens, auch wenn sie später bei John Huston, Robert Altman, James Toback, George Sluizer und noch dreimal bei Bergman selbst mitgespielt hat. Schon lange hatte sie Bergman, der sie 1951 in einem Seifenwerbespot entdeckt und fünf Jahre später in sein Theaterensemble in Malmö aufgenommen hatte, um eine ernste Rolle gebeten, einen Charakter, der ihrem Talent, wie sie es empfand, besser entsprach. Aber zu mehr als kleineren Auftritten in „Das Lächeln einer Sommernacht“, „Das siebente Siegel“, „Wilde Erdbeeren“ und „Das Gesicht“ und einer Hauptrolle in dem wenig bekannten Krankenhausdrama „An der Schwelle des Lebens“, für die sie in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde, hatte es nicht gereicht.

          Ihres Zaubers gewiss

          „Persona“ war der erste Film, in dem Bibi Andersson beweisen durfte, dass sie ein großes Gesicht des Kinos war und dass Bergman ihr nicht den Part der mysteriösen stummen Schauspieldiva gab (den bekam seine Neuentdeckung Liv Ullmann), sondern die riskantere Rolle der plaudernden und kreischenden Alma, zeigt, wie viel er ihr zutraute – und was er ihr nicht zutraute. Denn so akustisch dominant und visuell hinreißend Bibi Andersson in „Persona“ auch ist, am Ende spielt sie in dieser Geschichte doch die zweite Geige. Auf Liv Ullmanns Ausdrucksfuror hat Bergman sein filmisches Spätwerk der siebziger und achtziger Jahre gebaut, während er für Bibi Andersson zwar noch Rollen als unglückliche Ehefrau und Liebende hatte – in „Passion“, „The Touch“ und „Szenen einer Ehe“ –, aber keine wirklich bedeutende Figur.

          Im Sommer 1965, bei den Dreharbeiten auf der Insel Fårö, war sie knapp dreißig. Ihre Affäre mit Bergman lag einige Zeit zurück, aber man spürt, dass er sie in „Persona“ mit den Augen eines Mannes betrachtet, der nicht mehr um sie werben muss – er ist sich ihres Zaubers gewiss. Es liegt etwas Tragisches in diesem Blick; von jetzt aus gesehen ist es ein Abschiedsblick. Heute wird Bibi Andersson, die nach einem Schlaganfall im Jahr 2009 ihre Karriere beendete, achtzig Jahre alt.

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