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Robert Redford zum Achtzigsten : Jenseits von Hollywood

Jenseits von Bad und Dusche: Meryl Streep und Robert Redford 1985 in „Out of Africa“ (auf Deutsch: „Jenseits von Afrika“). Bild: Allstar/UNIVERSAL

Wir können unsere Lage ändern – wenn wir nur wollen: Robert Redford, Regisseur, Schauspieler und Aktivist, wird achtzig Jahre alt.

          Seit 1967 ist er auf der Flucht. Seit „Barfuß im Park“ erst ein Broadway-, dann ein Kinohit wurde. Seit er ein Star ist. Auf der Flucht vor den Zumutungen, ein Star zu sein. Vor allem aber auf der Flucht vor Hollywood. Vor den Egos der anderen, vor Leuten, die (so etwa heißt es in seinem Film „Die Lincoln-Verschwörung“) noch nie an etwas geglaubt haben, das größer ist als sie selbst. Auf der Flucht vor einer Arbeits- und einer Lebensschablone, die er nicht ausfüllen mag. Robert Redford glaubt an etwas Größeres als an sich, etwas Größeres als Hollywood allemal. Redford glaubt daran, dass die Dinge nicht sein müssten, wie sie sind. Dass sich die Lage ändern lässt.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Deshalb engagiert er sich im Umweltschutz. Deshalb sagt er, er hasse, was die Bush-Regierung mit dem Vertrauen der Amerikaner nach dem 11. September gemacht habe. Deshalb lebt er meistens in Utah. Aber selbst dort wird er Hollywood nicht ganz los. In jedem Winter schon seit fast dreißig Jahren, kommen die, denen er entgehen möchte, nach Park City, um beim Sundance Film Festival, das er 1984 als Plattform für den unabhängigen Film (und in gewisser Weise als Gegenmodell zu Hollywood) gegründet hat, zu schauen, ob sie etwas absahnen können. Neue Talente, die am Sundance Institute, aus dem das Festival hervorging und das ebenfalls eine Redford-Gründung ist, die Gelegenheit hatten, in Ruhe zu arbeiten, von Paten und Mentoren betreut.

          Was ihn so wertvoll macht

          Ein Mann wird gejagt – so hieß einer seiner frühen Filme, ein Flop an der Kasse, das passierte später immer wieder einmal, aber meistens war es anders. Es gab die ganz großen Erfolge zweier Filme von George Roy Hill („Butch Cassidy and the Sundance Kid“ und „The Sting“), die Redfords Gagen in die Höhe trieben. Und ab den Siebzigern sorgte die Zusammenarbeit mit seinem Freund Sydney Pollack für Klassiker wie die Western-Oper „Jeremiah Johnson“, die melancholische Liebesgeschichte mit Barbra Streisand, „The Way We Were“, und den Politthriller „Six Days of the Condor“ – Filme, in denen Redford, ob als Trapper, Anwalt oder Scharfschütze, immer außerordentlich charmant Robert Redford blieb.

          Ihm kann keiner was: Robert Redford 1969 in „Tell them Willie Boy is here“ (auf Deutsch: „Blutige Spur). Bilderstrecke

          Auch das macht ihn aus, bis heute. Anders als Dustin Hoffman zum Beispiel, der die Rolle in der „Reifeprüfung“ spielte, für die Redford eine Weile im Gespräch war, bleibt Redford als Darsteller immer er selbst. Wie ein Star des klassischen Kinos eben. Dazu gehört, dass er wenig macht. Er zieht die Augenbraue ein wenig hoch, zeigt die Andeutung eines Lächelns, kneift die Augen zusammen. Den Rest erledigt er mit Präsenz. Körperlicher Anwesenheit, die allerdings prekär ist. Denn er kann genauso gut im nächsten Augenblick wieder verschwunden sein. Das macht die Zeit in seiner Gegenwart so wertvoll.

          Darum ging es ihm immer

          Wirklich mit Haut und Haar gespielt hat er nur einmal in seiner Karriere (da war er schon weit über siebzig und hatte keine Spur der Jahre aus seinem Gesicht getilgt), in J.C. Chandors Film „All is Lost“, als er vollkommen allein auf einem leckgeschlagenen Boot im Sturm ums Leben kämpft. Seit er in den Achtzigern begann, selbst Regie zu führen und mit „Ordinary People“ sofort einen Oscar gewann, hat er seine Auftritte als Schauspieler reduziert. Er spielt vor allem, um mit den Gagen seine Regiearbeiten zu finanzieren, und eine Weile lang produzierte auch die Arthouse-Abteilung des Studios, für das er vor der Kamera stand, was er später hinter der Kamera inszenierte. Heute läuft das nicht mehr so. Wer unabhängig sein will wie er, muss auch unabhängig das Geld dafür auftreiben.

          Sein bisher letzter Film heißt „The Company You Keep“, und in gewisser Weise lässt er sich als Selbstporträt verstehen. Leider gibt der deutsche Verleihtitel („Die Akte Grant“) darauf keinerlei Hinweis. Nicht dass Redford mit gewaltsamen Protesten in Verbindung stünde, wie sie die Gruppe von ehemaligen Weather Men in diesem Film dreißig Jahre früher verübt hat. Aber um die Legitimität, die Pflicht geradezu, zum Protest, um die dieser Film kämpft, ging es Redford immer.

          Gesellschaft leisten ihm hier Susan Sarandon, Julie Christie, Nick Nolte, Chris Cooper, Richard Jenkins, alle erfahrene Kämpen des unabhängigen Films, die hier ehemalige Angehörige des studentischen Weather Underground spielen, jener linksradikalen Gruppe, die gegen die amerikanische Politik in Vietnam die richtigen Argumente, aber die falschen Mittel einsetzte. Redfords Figur Grant war einer von ihnen. Die Lage erfordert es, dass er nach dreißig Jahren als braver Bürger noch mal vor dem FBI fliehen und seine Haltung seiner Tochter gegenüber legitimieren muss.

          Wie in diesem Film die Figur von Grant so vermittelt Redford im Gespräch vor allem eines: einen von allem Chichi freien, erwachsenen Blick aufs Leben. Auf die Tatsache der Vergänglichkeit und darauf, was es zu verteidigen gilt und worauf es ankommt – ein Kind, Anstand, ein Gefühl für Gerechtigkeit, wenn die Welt so, wie sie sein sollte, noch nicht zu haben ist.

          Unter den Jüngeren ist er wohl nicht mehr ganz so weltberühmt. Dass Hollywood noch viel von ihm will, darf bezweifelt werden. Unzweifelhaft aber wird er daran festhalten, die Verantwortung für die Welt liege in unseren Händen, und entsprechend handeln. Heute wird Robert Redford achtzig.

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