https://www.faz.net/-gqz-s022

Schauspieler : Jede Rolle ein Geheimnis

  • -Aktualisiert am

Nina Kunzendorf, hier mit Martin Feifel, in „Der scharlachrote Engel” Bild: BR/Burkert/Vietinghoff

Sechs Fernsehfilme bekommen heute abend den Grimme-Preis, in dreien davon hat sie mitgespielt: Die Schauspielerin Nina Kunzendorf ist die Entdeckung des Fernsehjahres 2005.

          4 Min.

          Am Ende konnte die Jury des Grimme-Preises kaum noch glauben, daß überhaupt Filme nominiert waren, in denen Nina Kunzendorf nicht mitgespielt hat. Sechs Fernsehspiele werden heute in Marl ausgezeichnet - in drei davon ist sie zu sehen. Und für ihre Rolle in Domnik Grafs „Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel“ bekommt sie selbst die höchste Auszeichnung: einen Grimme-Preis mit Gold.

          Nina Kunzendorf ist die Entdeckung des Fernsehjahres 2005. Nicht, daß sie nicht vorher schon aufgefallen wäre: in Jo Baiers „Verlorenes Land“ oder einem „Schimanski“ von Andreas Kleinert. Aber im vergangenen Jahr war sie nicht mehr zu übersehen. In „Marias letzte Reise“, in den „Nachrichten“, im „Sperling“ - und eben im „Polizeiruf“ in der komplexen Rolle einer vergewaltigten Frau, die Probleme hat, sich in die Opferrolle zu fügen, und ihre Umwelt deshalb Probleme mit ihr.

          „Das ist nicht meins“

          Eigentlich erstaunlich, daß man trotzdem in fragende Gesichter sieht, wenn man Nina Kunzendorf erwähnt. Daß manche ihr Gesicht wiedererkennen, aber die Vierunddreißigjährige kein Star ist, ihr Name noch kein Begriff. Ihr ist das ganz recht. „Ich hatte schon immer eher das Gefühl, eine Art Geheimtip zu sein“, sagt sie. „Man kennt mich gar nicht so sehr. Das habe ich sehr genossen und hoffe eigentlich, daß das so bleibt - da fühle ich mich tausendmal wohler. Ich will nicht in allen Gazetten und Journalen, bei allen Preisverleihungen auftauchen.“ Schon beim Bayerischen Fernsehpreis war ihre größte Sorge: ob sie eine Rede halten müßte, sie, privat, ohne Rolle. „Das ist nicht meins.“ Natürlich gehöre zum Schauspielen der Narzißmus: auf einer Bühne zu stehen und angeguckt zu werden. Aber selbst am Theater (sie war in Mannheim und am Deutschen Schauspielhaus Hamburg engagiert und spielt seit fünf Jahren an den Münchner Kammerspielen) habe sie das lange „eher als belastend erlebt denn als Genuß“.

          Obwohl sie längst gezeigt hat, was sie kann, wird Nina Kunzendorf mit Angeboten für Fernsehrollen nicht überflutet. „Aber die, die kommen, sind echte Glücksfälle.“ Und sie ist ein Glücksfall für diese Filme. Im „Polizeiruf“ ist sie gleichzeitig unnahbar und verletzlich, verführerisch und abstoßend, stolz und gebrochen. „Ich fand es spannend, eine Figur zu spielen, die der Zuschauer auch manchmal unsympathisch findet und nicht versteht - oder sich bei ganz bösen Gedanken erwischt wie: Wenn die sich so verhält, ist es kein Wunder, daß ihr das zustößt.“

          Oft nicht zu verstehen

          Das Außergewöhnliche an Kunzendorf ist, daß sie es schafft, ihren Rollen ein Geheimnis zu geben. Sie ist nicht nur „unnahbar“ - ein Attribut, das auf viele ihrer Rollen paßt. Sie spielt keine Typen, die sich berechnen lassen. Es bleibt ein Raum, den der Zuschauer ausfüllen muß. Wie sich diese Frau im „Polizeiruf“ verhält, ist oft nicht zu verstehen. Aber ohne große Gesten, scheinbar nur durch ihre Präsenz schafft es Kunzendorf, daß man es verstehen will. Daß man Abgründe ahnt und hinter die Fassade blicken will. Sie macht es einem schwer, auf ihrer Seite zu sein, und läßt einen um so weniger los.

          Oder in „Marias letzte Reise“: Die Krankenschwester, die Maria zum Sterben auf ihre Alm begleitet, hätte leicht eine „Schwarzwaldklinik“-Kitschfigur werden können. Eigentlich reagiert sie nur auf das, was die alte, starke Frau tut, ist patent, aufmerksam, freundlich und schließlich verliebt. Doch mit scheinbar geringsten Mitteln gibt Nina Kunzendorf ihr eine Tiefe und Ernsthaftigkeit, eine Seele. „Ich habe versucht, so einfach, so privat, so reduziert wie möglich zu sein und so sehr bei mir wie überhaupt möglich“, sagt sie. „Und ich habe die ganze Zeit gedacht: Das geht gar nicht.“ Immer wieder sei sie zum Regisseur Rainer Kaufmann gelaufen und habe ihm gesagt: „Ich habe das Gefühl, ich mach' gar nichts - das muß doch stinkelangweilig sein.“

          Es wird so viel geplappert

          Natürlich war es nicht stinkelangweilig, sondern berührend, gerade weil ihr Schauspiel so reduziert war. Sie freut sich, wenn man ihr sagt, daß man das Gefühl hat, ihre Rollen würden ganz wenig reden. „Das geht mir im deutschen Fernsehen ganz oft auf den Wecker: daß so viel geplappert wird. Es fallen immer so die Sachen aus dem Mund. Dauernd sagt einer zum anderen: Bleib doch hier, ich hab' Angst, daß du nicht wiederkommst. Viel spannender ist es, das zu spielen, mit einem Blick, einer Geste.“

          Sie kann im Film so wunderbar kühl, geheimnisvoll und überlegen wirken. Im wahren Leben wirkt sie eher warmherzig, unkompliziert, bescheiden, fast unscheinbar. „Ich würde mich privat als auch sehr nahbaren, heiteren Menschen beschreiben“, sagt sie und fragt sich, ob sie irgendwann mal ein bißchen aufpassen muß, zu sehr auf die Distanzierte festgelegt zu werden. „Das größte Kompliment finde ich, wenn Leute sagen: Da warst du ja ganz anders.“ Anders als Heerscharen von Fernseh-schauspielerinnen, die sich endlich mal nach einer Rolle mit Substanz sehnen, wünscht sie sich manchmal, mehr für leichte Komödien angefragt zu werden - aber die Momente gehen schnell wieder vorbei. In Hamburg dreht sie gerade den neuen Film von Andreas Kleinert. Vor ein paar Tagen war die dramatischste Szene an der Reihe, „und da habe ich dann doch schon wieder gedacht: Das macht mir einfach am meisten Spaß. Letztlich finde ich das wesentlich interessanter.“

          Privat soviel Glück

          Kleinert mußte sie lange überreden, denn eigentlich wollte sie sich vier Monate nach der Geburt ihres Kindes diesen Stress noch nicht wieder zumuten. Gerade standen drei Nachtdrehs an, der Fahrer sagte, als er sie im Morgengrauen nach Hause fuhr: „Jetzt kannste dich mal richtig ausschlafen“, und sie antwortete: „Sag das mal meinem Sohn: Mama hat Nachtdreh gehabt, leg dich wieder hin.“

          Als sie einmal sagte, daß es doch wichtigeres im Leben gebe als die Schauspielerei, haben ihre Kollegen sie schräg angesehen. Aber seit sie Mutter ist, gilt der Satz natürlich mehr denn je. „Ich möchte mir das schon sehr gut aussuchen, für was ich einen Tag mit meinem Baby aufgeben will“, sagt sie. „Ich glaube nicht, daß ich mit weniger Leidenschaft oder Herzblut spiele. Aber ich steh da manchmal beim Drehen und denke: Selbst wenn das jetzt ein schlechter Film wird - ich hab einfach privat soviel Glück im Moment, mir kann überhaupt nichts passieren.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Frauen demonstrieren kurz nach Donald Trumps Amtseinführung im Januar 2017 in Washington

          Entscheidende Wählergruppe : Trumps Frauen-Problem

          Frauen in den Vorstädten könnten über den Sieg bei der amerikanischen Präsidentenwahl entscheiden. Donald Trump umwirbt diese Wählergruppe intensiv. Nicht alle der Angesprochenen finden sein Vorgehen gut.
          Niemand weiß, was die Zukunft bringt – auch die Banker nicht.

          Kosten der Anlageverwaltung : Friede den Aktien, Krieg den Gebühren!

          In Sachen Geldanlage sind nur zwei Dinge sicher: die Vergangenheit und die Kosten. An den Gebühren verdienen Banken, die die Zukunft ebenso wenig kennen wie der Anleger. Ein Plädoyer für den Mut, das Vermögen selbst zu verwalten.
          Christian Lüth (Mitte) auf dem 8. Bundesparteitag der AfD im Congresszentrum in Hannover am 02. Dezember 2017.

          Pro-Sieben-Doku über Rechte : Das ist kein „Vogelschiss“

          Auf die Pro-Sieben-Doku „Rechts. Deutsch. Radikal“ reagiert die AfD schnell. Den einstigen Sprecher Christian Lüth, der meinte, man könne Migranten „erschießen“ oder „vergasen“, setzt sie vor die Tür. Der Reporter Thilo Mischke hat aber nicht nur deshalb Großes geleistet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.