https://www.faz.net/-gqz-qblh

Schauspieler : Der Undurchschaubare

  • -Aktualisiert am

Ein Hauch von de Niro: Christoph Bach Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Keiner spielt Einzelgänger im deutschen Film schöner als er: Der Schauspieler Christoph Bach erinnert ein wenig an den jungen Robert de Niro und gilt seinen Regisseuren als kommender Star.

          5 Min.

          Vielleicht ist es sein Blick. Es ist ein Blick, der nichts preisgibt, kein Gefühl, keine Absicht, keinen Hintergedanken. Einfach ein Blick. Frei für eigene Interpretation.

          Christoph Bach führt ihn mitten im Gespräch einmal kurz vor - läßt von einer Sekunde auf die andere sein Gesicht vollkommen ausdruckslos werden und wirkt da mit einem Mal wie eine dieser Filmfiguren, die er so großartig spielen kann. Figuren sind das, wie gemacht, die Sehnsüchte des Publikums auf sich zu ziehen. Einzelgänger, von denen man nie so genau weiß, was in ihnen vorgeht, es aber sehr gerne wüßte, und die bei all ihrer zur Schau getragenen Stärke immer ein bißchen verloren scheinen. Und egal, wie nahe die Kamera auch an sie herangeht, sie kann ihnen ihr Geheimnis nicht entreißen, was diese Figuren natürlich vollkommen und ganz und gar unwiderstehlich macht.

          Herumtreiber und Taugenichts

          In „Katze im Sack“ (Regie Florian Schwarz), der gerade im Kino läuft, spielt Christoph Bach eine solche Figur: Karl, einen Herumtreiber, einen Taugenichts, die Sorte Mann, vor der Mütter ihre Töchter warnen, weil sie immer auf dem Sprung sind, nicht bleiben werden, nie, bei keiner. Es ist einer dieser nächtlichen Großstadtfilme, in denen emotional verkrüppelte Charaktere einander begegnen und ihre Riesenangst vor Nähe wenigstens für einige kurze Szenen überwinden.

          Beinahe die gleiche Rolle spielt er auch in „Close“, einem Film von Marcus Lenz, der zur Zeit lauter Preise gewinnt und erst im Herbst in die Kinos kommt (und daß die weibliche Hauptrolle in beiden Fällen von Jule Böwe gespielt wird, macht die Parallelen nur noch offensichtlicher). Auch hier ist er ein junger Mann, der scheinbar ziellos durchs Leben irrt, Ärger provoziert, um wenigstens überhaupt mal irgendwann eine Grenze zu spüren, und der eine kurze, intensive, letztlich aber gefühllose Begegnung mit einer Frau hat, bevor er wieder weiterzieht.

          Ist das der neue Männertyp im deutschen Kino? Nach all den sensiblen Neurotikern (gespielt von Kai Wiesinger, Herbert Knaup, Matthias Schweighöfer) und traurigen Komikern (Moritz Bleibtreu, Armin Rohde, Axel Prahl) jetzt der Mann, der nicht erwachsen werden will, der Verantwortung scheut wie Albinos das Sonnenlicht?

          Sehnsucht und Stärke

          Christoph Bach zitiert aus einem anderen Film, um die Frage zu beantworten, aus „Irrlicht“, von Louis Malle. Es sei nicht leicht, ein Mann zu sein, heiße es darin - „man muß Lust dazu haben“. Und viele Männer blieben heute eben lieber Jungen. „Die haben nach dem Taumel und dem Rausch der Jugend keine Lust, das gegen etwas anderes einzutauschen“, sagt Bach, „gegen etwas, das sie noch nicht kennen und vor dem sie vielleicht Angst haben. Lieber verharren sie in einer Warteposition und geben sich der Illusion hin, dabei bedingungslos zu sein und die Ideale der Jugend nicht zu verraten. Und bis zu einem gewissen Alter ist das ja auch okay. Aber irgendwann gerät es aus dem Takt.“

          Christoph Bach ist vor kurzem dreißig geworden. Bei seinem eigenen Erwachsenwerden hätte ihm die Arbeit geholfen, sagt er. Die Auseinandersetzung mit diesen Männerrollen, aber auch einfach die Tatsache, daß man als Schauspieler ohnehin ziemlich viel Verantwortung übernehme. Einem Film, einer Geschichte, einem Regisseur gegenüber. Man lerne viel in diesem Beruf, sagt er. Über Menschen, Milieus, Lebensentwürfe, über sich selbst. Fragen, die einen ohnehin beschäftigen, würden wie im Durchlauferhitzer behandelt.

          Wissen über Zeppeline

          Und auch Fragen, mit denen man sich sonst wahrscheinlich eher nicht beschäftigen würde. So kann einem Christoph Bach so ziemlich alles über nichtletale Waffen erzählen, weil er demnächst in einem Theaterprojekt zu diesem Thema mitwirkt. Und über die Nachteile von mit Wasserstoff betriebenen Zeppelinen gegenüber solchen, die mit Helium betrieben werden, weiß er auch bestens Bescheid, seit er in einem Film über den Absturz der „Hindenburg“ mitgespielt hat.

          Zur Schauspielerei hat er schon ziemlich früh gefunden, während der Schulzeit in Gomaringen, wo er herkommt, einem kleinen Ort am Fuße der schwäbischen Alp. „Wer auf dem Land aufwächst“, sagt Bach, „muß etwas für sich finden, das ihm Spaß macht. Man sitzt sonst zu viel mit Bier auf irgendwelchen Waldspielplätzen, um der Erwachsenenwelt zu entfliehen.“ Um ihn herum hätten plötzlich alle Crossover-Metal-Bands gegründet, und nachdem das nichts für ihn war und er ein paar Jahre lang in seiner Freizeit Fanzines gemacht hatte, die „Cry out“ hießen oder „Kaktus“ und für die er Bands wie Boxhamsters oder Kolossale Jugend interviewte, entdeckte er schließlich die Theatergruppe der Schule für sich. „Ich mochte die Aufmerksamkeit, auf einmal wurde man auf dem Schulhof angesprochen, und es hat wohl auch irgendwie funktioniert. Es entsprach mir, sagen wir so.“

          Auftrag Moabit

          Nach dem Zivildienst studierte er ein paar Semester lang halbherzig Germanistik, Philosophie und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, dann schaffte er die Schauspiel-Aufnahmeprüfung an der Berliner Hochschule der Künste (die theoretische Abschlußarbeit zum Thema „Die Figur des Schauspielers in Thomas Bernhards ,Holzfällen'“ steht allerdings noch aus).

          Aufmerksamen MTV-Zuschauern könnte er schon Ende der neunziger Jahre in der Sendung aufgefallen sein, die Christian Ulmen damals moderierte. Dort liefen mehrere Folgen einer Superhelden-Persiflage, in der er mitspielte: „Auftrag Moabit“. Bach war darin ein Martial-Arts-Kämpfer namens Khaki Korea, der „durch den Kiez lief und Leute vermöbelte“, wie er die Handlung zusammenfaßt. Seither hat Bach, wie alle guten jungen Schauspieler, die Geld für die Miete verdienen müssen, in mehreren „Tatorten“ und „Donna Leons“ mitgespielt.

          Trotz und Verletzlichkeit

          Anders als in seinen Filmen wirkt Christoph Bach im echten Leben kein bißchen verloren. Er ist wortgewandt, konzentriert und scheint ziemlich genau zu wissen, was er will. Momentan dreht er einen Kurzfilm unter der Regie von Franka Potente, dessen Handlung nach Woody Allen klingt: Ein moderner Mensch aus unserer Zeit (Bach) verirrt sich in ein Stummfilmszenario der Zeit kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, in der die Menschen dramatisch mit den Augen rollen, sich über Texttafeln verständigen und natürlich vollkommen verblüfft über den Besucher aus der Neuzeit sind. Horrorelemente gibt es wohl auch, aber hauptsächlich soll es eine Komödie sein.

          Danach beginnen die Proben zu dem Projekt über nichtletale Kriegsführung, „Demonen“, das im Juli beim Theater der Welt in Stuttgart Premiere hat. Im Herbst kommen „Close“ und der „Zeppelin“-Film in die Kinos. Und was mit „Detroit“ passiert, einem Film, in dem er einen Mann spielt, der auf der Reise zu einem Familienfest ein paar merkwürdige Begegnungen hat, ob der vielleicht auch noch ins Kino kommt, ist noch nicht raus.

          Der deutsche de Niro

          Christoph Bach trägt ein schwarzes Fred-Perry-Polohemd, eine schwarze Paul-Smith-Jacke und Turnschuhe. Er raucht Marlboro Light und redet schnell. Zwischen seine pechschwarzen Haare haben sich die ersten paar weißen gemischt. Eine Zeitung hat geschrieben, er sei die deutsche Antwort auf Robert de Niro, das Zitat steht nun auf dem Filmplakat zu „Katze im Sack“ direkt neben seinem Kopf. Und tatsächlich sieht er dem jungen de Niro auch ein wenig ähnlich, dem aus „Taxi Driver“, als er noch hübsch und zierlich war.

          Und, obwohl es natürlich ungerecht ist, diesen Vergleich fortzuführen, weil Christoph Bach natürlich er selbst und Robert de Niro auch gar keine Frage ist: Auf der Leinwand hat Bach eine ähnlich intensive Präsenz. Er schaut, wo andere spielen, kann Szenen tragen, ohne ein Wort zu sagen, und hat eine Ausstrahlung, wie man sie bei deutschen Schauspielern selten gesehen hat. Eine Mischung aus Trotz und Verletzlichkeit, aus jungenhaftem Charme und internationalem Leck-mich-am-Arsch.

          Spiel und Genauigkeit

          Spricht man mit Leuten, die mit ihm gearbeitet haben, klingt es, als hätte man es mit einem kommenden Star zu tun. Florian Schwarz, der Regisseur von „Katze im Sack“, schwärmt von Bachs Präsenz, von seiner Fähigkeit, die innere Gefühlswelt sichtbar zu machen - „man weiß nie genau, was in ihm vorgeht, aber bei aller Unnahbarkeit macht er immer den Ballast spürbar, den er in sich trägt“.

          Marcus Lenz, der Regisseur von „Close“, erzählt, wie am Filmset selbst die abgebrühtesten Filmmenschen den Atem angehalten hätten, wann immer Bach eine Szene drehte - „endlich mal ein deutscher Schauspieler, der vor der Kamera nicht viel macht und dabei aber so genau ist, daß er einen in den Bann zieht“. Und Jule Böwe, seine Filmpartnerin aus zwei Filmen, spricht von der Melancholie, von der Weichheit, die er seinen Figuren verleihe, und wenn die nach außen hin noch so hart täten. Dazu dieses „Kameragesicht“. Jedesmal, wenn sie seine Szenen auf dem Monitor gesehen habe, habe sie gedacht: „Scheiße, sieht der gut aus.“

          Und Bach selbst, wie beschreibt er, was ihn als Schauspieler ausmacht?

          „Ich will nicht so viel vorführen und zeigen“, sagt er. „Ich glaube, daß man sonst den Zuschauer unterschätzt. Der Zuschauer arbeitet mit, wenn er einen Film sieht, er imaginiert viel, interpretiert alles mögliche ganz von allein. Deshalb versuche ich als Schauspieler, nicht alles zu kommentieren. Ich nehme mich im Spiel so weit wie möglich zurück.“ Manchmal reicht eben auch ein Blick.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mario Draghi und seine Nachfolgerin Christine Lagarde.

          Wechsel an der EZB-Spitze : Draghi und die Deutschen

          Nirgendwo ist EZB-Präsident Mario Draghi auf so viel Protest gestoßen wie in Deutschland. Am Ende hat er die Macht der Europäischen Zentralbank überdehnt. Eine Bilanz.

          Ukraine-Affäre : Stehen die Republikaner weiter hinter Trump?

          Der amerikanische Botschafter in der Ukraine, William Taylor, hat Donald Trump vor dem Kongress schwer belastet. Die Republikaner reagierten mit Solidaritätsbekundungen, aber einige in der Partei setzen sich auch von ihrem Präsidenten ab.

          Sorgen beim FC Bayern : „Es muss alles besser werden“

          Drittes Spiel, dritter Sieg: Doch die Münchner zeigen in der Champions League in Piräus viele Mängel. Sportdirektor Salihamidzic übt deutliche Kritik. Dazu kommt Verletzungspech. Der nächste Spieler fehlt lange.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.