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Schau „Kino der Moderne“ : Im Rausch der aufgezeichneten Zeit

In dem Ansatz, das filmische Werk mit den theoretischen Ansätzen der heutigen Zeit zu analysieren, stellt die Schau auch Fragen nach Geschlechteridentitäten und dem queer Leben. Besonders das Kapitel „Gender“ zeigt, wie fortschrittlich und am schmalen Grat der Zensur vorbei Regisseure seinerzeit gearbeitet haben. Mit „Anders als die Anderen“ kreierte Magnus Hirschfeld 1919 einen Film, der sich für die Legalisierung von Homosexualität aussprach.

Nicht nur das Filmschaffen wird in allen Facetten nachgezeichnet, sondern auch die Reaktionen von Publikum und Filmkritik im weitesten Sinne. In einem Saal werden zum Beispiel die Originalausgaben der kulturtheoretischen Werke ausgestellt, die Walter Benjamin zu seiner Schrift „Das Kunstwerk in Zeiten seiner technischen Reproduzierbarkeit“ inspiriert haben. Auch Siegfried Kracauer, der Ruttmanns Experimentalfilm „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ rezensiert hat, kommt mit Originalartikeln zu Wort. Sein Urteil über Ruttmanns Film ist vernichtend: „Wie die Bildstreifen durcheinander rasen, damit nur jeder Provinzler sich an der Raserei berausche, das ist zum Glück nicht Berlin selbst, sondern nur eine Summe verworrener Vorstellungen, die Literatengehirne über eine Großstadt ausgebrütet haben.“ Das Berlin im Film wird für Kracauer so zu einem Trugbild der Realität. Auch bei „Asphalt“ stellt sich in der zweiten Etage der Ausstellung heraus, dass die Szenen, die das pulsierende Großstadtnachtleben zeigen, nur Kulissenzauber sind. Berlin als Nachbau in den Ufa-Studios Babelsberg, in dem der Verkehr von Komparsen gemimt wurde. Auch das sei der Film der Zwanziger, ein verzehrtes Spiegelbild einer aufstrebenden und gleichzeitig zerfallenden Gesellschaft, was die Ausstellung zeigt.

Die Frauen der Weimarer Filmindustrie

So vielseitig die Dekade war, so kurios sind teilweise die Exponate. Erstmals zu sehen sind die Boxhandschuhe von Max Schmeling, der in der sportbegeisterten Republik ein gefragtes Filmobjekt war, oder Marlene Dietrichs Glücksbringer. Mit ihren zwei Puppen ist sie in der Anfangsphase ihrer Karriere in vielen Filmen, etwa im „Blauen Engel“ von 1931, aufgetreten.

Wirklich zentral für die Ausstellung sind die in Vergessenheit geratenen Frauen der Weimarer Filmindustrie. Diesen widmen die Kuratoren eine Frauengalerie, in der Biographien und Einflüsse auf den Film behandelt werden. Ob Vicky Baum, Rosa Porten oder Jeanne Mammen. Frauen hinter der Kamera machten den Weimarer Film zu einem durchaus emanzipatorischen Projekt. Mit diesen Frauen schließt die Ausstellung ab, denn die Kinemathek hat sich dagegen entschieden, die Zerstörung des kreativen Nimbus der Weimarer Filmindustrie durch den Aufstieg der Nationalsozialisten zu thematisieren.

Es gibt kein Kapitel zur Epoche nach 1933, einer Zeit, in der Filmschaffende ins Exil gingen, avantgardistische Werke verfemt wurden und jüdische Künstler Verfolgung ausgesetzt waren. Über der gesamten Ausstellung schwebt dieser Bruch allerdings wie ein Damoklesschwert, denn den Verlust an künstlerischem Potenzial hat der deutsche Film bis heute nicht verkraftet.

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