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Die Kunst des Kino-Vorspanns : Der große Wirbel vor dem Film

Vor dem großen Wirbel gibt es keinen Schutz: Ausschnitt aus dem Vorspann von Saul Bass zu Alfred Hitchcocks „Vertigo“ von 1958 Bild: Saul Bass/Paramount

Ohne ihre Bilderkunststücke sähen die Intros von Filmen und Serien heute anders aus: Saul und Elaine Bass, die Meister der Vorspannsequenzen im amerikanischen Kino, sind immer wieder neu zu entdecken.

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          Seit wann muss, seit wann kann das Publikum im Kino Filme ohne Verpackung sehen? Nackt, nach dem Studio-Logo, aber ohne eigenes Markenzeichen? Es lässt sich nicht genau zurückverfolgen, wann es begann, dass Filme einfach loslegten, mittendrin im Geschehen und selbst der Titel und die Beteiligten erst irgendwann später ins Bild kamen, kunstlos, wie es scheint, und am Ende dann ein langer Abspann kam, während das Licht im Saal anging. Längst ist das die Norm. „Skip intro“ – es ist diese Einblendung unten rechts zu Beginn jeder neuen Folge einer Serie bei jedem Streaminganbieter, die daran erinnert: Da war doch mal etwas, das dem Geschehen vorausging, ein Prozess, der erst enthüllte, was dann zu sehen war, eine Verpackung eben, in der steckte, worum es gehen würde.

          Kleine Kunstwerke, grafisch gestaltet

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Sie sind aus dem Kino fast verschwunden, die kunstvoll gestalteten Eingangssequenzen, die die Filme einst umhüllten. Nur einige Serien wollen auf dieses Markenzeichen nicht verzichten, wie etwa die James-Bond-Reihe oder „Mission Impossible“. Und in den Serien des Fernsehens (wie beim „Tatort“) und der Streamingdienste, da leben sie noch, wenn auch dort immer in Gefahr, vom Anklicken der Einblendung „skip intro“ zum Verschwinden gebracht zu werden. Manche von ihnen sind ausgewachsene Kurzfilme, etwa die Eingangssequenzen von „Homeland“ oder „Mad Men“ oder „Game of Thrones“, grafisch gestaltete kleine Kunstwerke, in denen das, worum es für viele Folgen gehen wird, verfremdet, angedeutet, ausgedeutet wird, bevor es losgeht.

          Von Anfang an, das heißt seit Méliès, war die „credit sequence“ zuallererst das Markenzeichen, das seine erzählerischen Filme von den technischen und wissenschaftlichen unterschied: das Kino vom Dokument. Dass aus dieser Umhüllung, auf der draufsteht, was drin ist, eine Kunst wurde wie in anderen Bereichen der Warenwelt auch, dafür steht vor allem ein Name: Saul Bass. Ein großartiger Designer mit Mut zu ungewöhnlichen Typographie-Mixturen und einem riesigen Ego. Der Erste, der mit seinen Vorspännen berühmt wurde und überhaupt die Augen des Publikums schärfte für diese Kunst. Er ist nicht der Einzige, aber der Erste, der dann selbst im Vor- oder Abspann auch genannt wurde.

          Der Strudel im Auge von Kim Novak

          Anders übrigens als Elaine Makatura, die er 1961 heiratete und die seitdem seiner Arbeit ein Stück zeichnerische Musikalität hinzufügte, etwa in ihrer gemeinsamen verspielten Arbeit für den Film „It’s a Mad, Mad World“ von Stanley Kramer. Es dauerte allerdings bis in die Neunziger und ihre gemeinsame Arbeit für Martin Scorsese, bis auch ihr Name als Gestalterin einer Titelsequenz genannt wurde. Heute ist sie dreiundneunzig Jahre alt. Saul Bass, der dieser Tage hundert geworden wäre, starb 1996.

          Noch bevor er Elaine kennenlernte, nämlich bereits 1958, schuf Saul Bass seinen wohl berühmtesten Vorspann. Für manche ist die „Spiral Jetty“, die riesige Landart-Spirale von Robert Smithon in Utah, die schönste der Welt. Für andere ist es die Spirale von Saul Bass. Sie ist animiert, dreht sich ins Auge von Kim Novak und zieht uns hinein in Hitchcocks „Vertigo“, indem sie genau das erzeugt, was der Titel meint – einen Strudel, den Verlust des Gleichgewichtssinns, die vollkommene Verunsicherung bei gleichzeitig größtmöglicher Schönheit im Trudeln.

          Schon bevor die Geschichte von Höhenangst, Doppelgängertum und Männerphantasie überhaupt begonnen hat, ist die Stimmung bereits da, die Angst, das Unheimliche, das weit hinter den Pupillen von Kim Novak versunken liegt. Hitchcock selbst hatte als Grafikdesigner seine Arbeit beim Film begonnen, in England, noch zu Stummfilmzeiten, als Gestalter von Titeln und Zwischentiteln. Dass er mit Saul Bass zusammenkam, war ebenso zwangsläufig wie ihre Trennung nach einigen Jahren der Zusammenarbeit und Zusammenstöße ihrer Superegos, nachdem Saul Bass die Duschszene in „Psycho“ (und nicht nur Storyboard und Titelsequenz) als sein Werk ausgab.

          Da Vorspann- und Titelsequenz wie ein Logo, ein Markenzeichen funktionierten, lag es nah, dass Saul und Elaine Bass, nachdem sie die Filme hinter sich gelassen hatten, sich dem Corporate Design (für AT&T zum Beispiel) widmeten. Es war schließlich Martin Scorsese (der sich immer schon und immer mehr als der große Bewahrer des Kinos erweist), der an die Kunst der beiden erinnerte. Für „Goodfellas“, „Cape Fear“, „The Age of Innocence“, „Casino“ und schließlich den persönlichsten aller Scorsese-Filme, „A Personal Journey With Martin Scorsese Through American Cinema“, schufen Saul und Elaine Bass die Vorspänne und wurden dafür auch im Abspann genannt. Skip intro? Keinesfalls.

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