https://www.faz.net/-gqz-9u700

„Havelland Fontane“ im Kino : Wahrheitswandern in Brandenburg

  • -Aktualisiert am

Mehr als nur Birnbäume im Havelland: In seinem neusten Film ist Bernhard Sallmann schon zum viertel Mal auf den Fersen Fontanes unterwegs. Bild: Krokodil Distribution

Der Text ist die Landschaft ist der Film: Bernhard Sallmann folgt für „Havelland Fontane“ zum vierten Mal den Spuren des Schriftstellers.

          3 Min.

          Der Faulbaum, auch Schießbeere oder Pulverholz genannt, hatte in der Geschichte der Karbonisierung seinen großen Auftritt vor gut einem Vierteljahrtausend. In großem Stil wurde er damals als Rohstoff genutzt, ob nun mit Genehmigung oder ohne. Doch „wer will in der Kohle noch nach der Legalität des Holzes forschen?“. Mit dieser rhetorischen Frage beschrieb Theodor Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ eine von vielen „großen Umwandlungen“, von denen er Zeugnisse zusammentrug, um sie in eine Landschaftschronik zu überführen. Die Vegetation spielt dabei nicht die geringste Rolle.

          Ob er nun auf den Faulbaum achtet oder auf die Akazie, die von einem Urexemplar in Sanssouci aus den märkischen Sand erobert, für den bürgerlichen Kompilierer am gründerzeitlichen Erfolgsende eines langen Herkommens wächst alles füglich zusammen – er vergisst dabei aber auch nicht die Opfer, denn der Boom der Ziegelbrennerei brachte nicht nur weiteren Wohlstand. Eine „kümmerliche Tagelöhnerbevölkerung geht allerdings früh zugrunde“. Zu den vielen Innovationen kam schließlich auch eine neue Klasse: das Proletariat.

          Einfaches Vorgehen mit großer Wirkung

          Fontanes „Wanderungen“ sind eines der großen historischen und kulturhistorischen Dokumente über das Umland von Berlin. Fast dreißig Jahre, zwischen 1862 und 1889, lagen zwischen den fünf Bänden, den Auftakt machte seinerzeit „Die Grafschaft Ruppin“. Der aus Österreich stammende, aber schon lange in Berlin lebende Filmemacher Bernhard Sallmann hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Wanderungen mit der Kamera nachzugehen.

          Mit „Havelland Fontane“ liegt nun der vierte und abschließende Teil eines großen Zyklus vor: „Rhinland. Fontane“ ist die Fortsetzung von „Oderland. Fontane“, mit dem Sallmann begann, womit er die Reihenfolge der ersten beiden Bände bei Fontane umgedreht hatte. Es folgte als dritter Teil das „Spreeland“ und nun eben die Gegenden um die Havel. Wer einen der Teile im Kino erwischt, darf sich glücklich schätzen, es gibt jedoch auch eine DVD-Ausgabe, und Fernsehausstrahlungen stehen ebenfalls an.

          Das Vorgehen von Sallmann sieht einfach aus: Zu seinen Landschaftsaufnahmen ist die Stimme von Judica Albrecht zu vernehmen, die Ausschnitte aus Fontanes Büchern vorträgt. So zum Beispiel in „Rhinland Fontane“ die Geschichte von einem Soldaten, der eine junge Frau verehrt, von ihr aber nicht erhört wird, worauf er sich zu einem (nicht tödlichen) Verbrechen aus Leidenschaft hinreißen lässt. Zu seinen Strafen gehört auch das „Gassenlaufen“ (eine Art Spießrutenlauf, über den Fontane sagt: „damals waren die Rücken härter“). In einer wundersamen Wendung sehen das Mädchen und der Soldat einander später in Potsdam wieder, und dieses Mal erhört sie ihn.

          Von der hintersinnigen Pointe

          Sallmann zeigt dazu die stillen Bilder eines Stadtplatzes, als eine Szene denkbaren (früheren) Lebens, aber auch als ein Bild, das sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart in einer Schwebe zu befinden scheint. Die Kunst seiner Fotografie zeigt sich vor allem darin, dass er nicht einfach perfekte, fast schon gemäldehafte Kompositionen findet, sondern dass er immer wieder Motive entdeckt, die auf mehrere Zeiten gleichzeitig verweisen. In „Rhinland. Fontane“ kommt natürlich der Stechlin am prominenter Stelle vor, aber auch der Menzer Forst, von dem es heißt, dass er innerhalb einer Generation „durch die Berliner Schornsteine“ ging („er hatte rentiert“, war danach aber eben auch heruntergekommen).

          Es mag eine kleine, hintersinnige Pointe in dem Umstand liegen, dass Sallmann mehrfach auf Geschichten von Boom und Kontraktion eingeht. Zugleich aber macht er sich Fontanes Blick auf lange Zeiträume zu eigen: Das kollektive Gedächtnis, von dem jener schrieb, ging ja bis in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs zurück, und in „Havelland Fontane“ bis ins 12. Jahrhundert und zur Christianisierung der Wenden.

          Die Spree fließt aus südöstlicher Richtung auf Berlin zu und durchquert dabei Gegenden, die „selbst für den Dreißigjährigen Krieg zu abgelegen“ waren. So heißt es an einer Stelle in „Spreeland Fontane“. Deutliche Gegenwartsbezüge sind zum Beispiel zu erkennen, wenn von der einstigen „Bienenherrlichkeit“ in dem Örtchen Kienbaum erzählt wird, die entsprechend „blühende Pflanzenwelt“ lässt Sallmann dann einfach ein Weilchen still dastehen.

          Wie Mensch und Natur miteinander auskommen

          Auf eine subtile Weise macht Sallmann mit der weiblichen Stimme, die an die Seite von Fontanes Schrift tritt, deutlich, in welche Epoche er die „Wanderungen“ weiterführen will – es geht ganz offensichtlich nicht um Nostalgie (mit der man ohnehin vor allem zu einer „kurbrandenburgischen Derbheit“ zurückgehen würde), sondern um einen Sinn für das Historische in einer neuen Gründerzeit, die sich nicht nur in Fontanes Epoche, sondern auch seinem Geschichtsverständnis wiedererkennen könnte.

          Dieser Sinn zeigt sich in Bildern, die manchmal an große Landschaftsmalerei erinnern, häufig aber auch diskrete Pointen enthalten, und zeigen, wie Menschen und Natur in der „Wendei“ und in den Gegenden hinter Köpenick und nun eben in den Seenlandschaften an der Havel, aus denen auf Kanälen die Rohstoffe nach Berlin geschafft wurden, so miteinander auskommen.

          Dass „Rhinland Fontane“ mit dem Bild einer Ruine endet (ein Gutsbesitzer hatte sich nicht rechtzeitig auf die Torfkrise eingestellt), muss für das Ganze dieses Filmprojekts eben kein Menetekel sein. Bernhard Sallmann hat unter anfangs zögerlicher Hilfe der Fördergremien (die hier mit vergleichsweise winzigen Summe große Wirkung erzielen konnten) nahezu im Alleingang ein bedeutendes Werk geschaffen, mit dem das Informationszeitalter eine komplexe Lektüre perfekt aufbereitet bekommt – in der Landschaft lesen wir die Zeit.

          Weitere Themen

          In der Hölle von Mallacoota

          Brände in Australien : In der Hölle von Mallacoota

          Zwei Militärschiffe mit Geretteten aus Mallacoota sind am Samstag in Hastings gelandet. In dem Ort saßen wegen der Brände tagelang Tausende Menschen fest, unter ihnen auch ein deutsches Ehepaar. Wie ist es ihnen ergangen?

          Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht Video-Seite öffnen

          Sensationsfund : Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht

          Ein durch Zufall gefundenes Gemälde wurde als das vor mehr als 20 Jahren gestohlene Werk von Gustav Klimt "Bildnis einer Frau" identifiziert. Das Gemälde wurde im Dezember in der Außenmauer eines italienischen Museums in Piacenza entdeckt. Nun bestätigt die Museumsleitung, dass es sich bei dem Fund tatsächlich um das Original handelt.

          Topmeldungen

          IBMs Quantencomputer „System Q“ ist auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas zu sehen.

          Quantencomputer : Die nächste Revolution

          Quantencomputer können Verschlüsselungen knacken, neue Batterien entdecken und an Finanzmärkten Geld verdienen. Und das sind nur die Möglichkeiten, die bisher bekannt sind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.