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„Rush“ und „Turbo“ im Kino : Wie man die Konkurrenz zur Schnecke macht

Im Schneckentempo: Das Rennen gegen „Rush“ kann „Turbo“ nicht für sich entscheiden Bild: AP

Zwei aktuelle Filme zeigen, wie schnelle Autos sehr schnell im Kreis fahren. Einer der beiden Streifen setzt auf eine Schnecke am Steuer - und verliert das Rennen.

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          In dieser Woche laufen gleich zwei Filme in den deutschen Kinos an, die sich dem cineastisch sträflich vernachlässigten Automobilrennsport widmen. Außer den beiden Pixar-Animationsproduktionen namens „Cars“ gab es dazu in den letzten Jahren gar nichts, obwohl die Formel 1 und diverse Rennsportserien überall auf der Welt immer populärer wurden. Dass nun gleich doppelte Kompensation kommt, ist erfreulich.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Der eine Film taugt eher für Kinder, heißt „Turbo“ und ist schon wieder ein Zeichentrickfilm, diesmal aus der erfolgreichen Animationsschmiede von Twentieth Century Fox, die mit der „Madagaskar“-Trilogie berühmt wurde. Der mehrfach erprobte Drehbuchschreiber David Soren führt erstmals Regie, der neue amerikanische Superstar Ryan Reynolds (zuletzt in „R.I.P.D.“ selbst auf der Leinwand zu sehen) übernimmt den Sprecherpart für die Hauptfigur, und im Mittelpunkt der Handlung steht das seit 1911 jährlich in Indianapolis ausgetragene Rennen „Indy 500“. Man sieht: „Turbo“ ist eine rein amerikanische Angelegenheit. Auch darin, dass ein Nobody daherkommt und das wichtigste Autorennen der Vereinigten Staaten gewinnt. Da im Trickfilm alles möglich ist, handelt es sich dabei um eine Schnecke.

          So lieben es die Amerikaner

          Der andere Film, „Rush“, richtet sich ans erwachsene, und wollte man boshaft sein, müsste man sagen: ans schon einigermaßen reifere Publikum. Denn Ron Howard musste nach seinen Kassenknüllern (zwei Dan-Brown-Verfilmungen, „Apollo 13“, „A Beautiful Mind“) einen Stoff finden, der selbst für ein megalomanes Unternehmen wie die Formel 1 außergewöhnlich ist. Er fand ihn in der Saison von 1976, als der österreichische Titelverteidiger Niki Lauda sich der Angriffe des britischen Herausforderers James Hunt zu erwehren hatte und auf dem Nürburgring schwer verunglückte.

          Der schnellste Österreicher der Welt gibt den Antihelden: Daniel Brühl als Formel 1-Champion Niki Lauda
          Der schnellste Österreicher der Welt gibt den Antihelden: Daniel Brühl als Formel 1-Champion Niki Lauda : Bild: ddp images

          In dieser Geschichte steckt alles, was Amerikaner interessiert: Sonnyboy (Hunt) gegen Langweiler (Lauda), Rebell (Hunt) gegen Establishment (Lauda), Lebenskünstler (Hunt) gegen Perfektionist (Lauda), Working-Class-Hero (Hunt) gegen Millionärssöhnchen (Lauda), englischer Muttersprachler (Hunt) gegen radebrechenden Kontinentaleuropäer (Lauda). Und das Tollste: Selbst in der Wirklichkeit ging es so aus, wie Amerikaner es sich wünschen.

          Damit verrät man kein Geheimnis, denn der Titelgewinn von James Hunt in der Saison von 1976 ist eine Legende. Genau wie Niki Laudas fast tödlicher Unfall in der Eifel, nach dem sich der ehrgeizige Österreicher gegen ärztlichen Rat ins Cockpit zurückquälte und schon 42 Tage später wieder um die Weltmeisterschaft mitfuhr. Im letzten Rennen, bei hauchdünner eigener Führung in der Gesamtwertung und katastrophalem Wetter in Japan, stieg Lauda aus und gab den Titel kampflos preis. Von all dem erzählt „Rush“.

          Lauernde Konkurrenten: James Hunt (links; gespielt von Chris Hemsworth) und Niki Lauda (gespielt von Daniel Brühl) in „Rush“
          Lauernde Konkurrenten: James Hunt (links; gespielt von Chris Hemsworth) und Niki Lauda (gespielt von Daniel Brühl) in „Rush“ : Bild: dpa

          Er tut es spannend und visuell eindrucksvoll. Bei den Rennen glaubt man sich mitten unter den Wagen; das bekommt auch „Turbo“ nicht besser hin, obwohl Animation früher mal als die Kinokunstform galt, die optisch alles möglich macht. Diesen Vorsprung aber hat der Computer längst so beharrlich verkleinert wie Hunt 1976 den von Lauda, und so staunt man heute viel mehr über das Gefühl, einer Zeitmaschine entstiegen zu sein, wenn man sich mit den Boliden über die perfekt simulierten Rennstrecken der siebziger Jahre bewegt, als über den Anblick einer rasenden Schnecke, die mit dem Zuschauer im Schlepptau unter den Autos der Konkurrenz durchtaucht.

          Eine gefällige Anhäufung von Klischees

          „Turbo“ versammelt unzählige Versatzstücke der Spannungsdramaturgie und der Trickfilmgeschichte, ja selbst die scheinbar originelle Wahl von Schnecken als Protagonisten hatte in diesem Jahr schon einen Vorläufer: in Chris Wedges schönem, aber ohne größere Resonanz gelaufenem Fantasy-Trickfilm „Epic“. Aus all dem wird aber kein überzeugender Film, zumal Animationswerke dazu neigen, die grundlegenden Konflikte noch durch Überzeichnung zu schematisieren. Alles, was oben zum Verhältnis von Hunt und Lauda gesagt wurde, gilt nämlich auch für die Schnecke Theo (genannt Turbo) und den frankophonen Seriensieger Guy Gagné - immerhin ein schöner Name. Aber zudem ist Theo eben auch noch winzig klein und hilflos, während Gagné großgewachsen und skrupellos ist.

          Dass diese Klischeeansammlung im Falle von „Rush“ nicht groß stört, verdankt sich den beiden Hauptdarstellern: Chris Hemsworth, bekannt geworden als Thor, spielt Hunt, Daniel Brühl, internationale Allzweckwaffe des deutschen Kinos, spielt Lauda. Beide machen ihre Sache exzellent, der eine vor allem physisch, der andere vor allem sprachlich, und neben diesen zwei Alphamännchen kommen all die schönen Frauen - Alexandra Maria Lara, Olivia Wilde, Natalie Dormer - gar nicht erst zur Geltung. Allein die dröhnenden Motoren und die verregneten Rennstrecken haben in der großen Egoschlacht zwischen den beiden Fahrern etwas zu bestellen.

          Howard erweist sich bei der Regieführung einmal mehr als Traditionalist, während man Anthony Dod Mantle, sonst Danny Boyles Standardkameramann, gar nicht genug preisen kann für seine Arbeit. „Rush“ hängt dadurch „Turbo“ lässig ab. Dieser Realfilm hat einfach viel mehr Tricks parat als der Trickfilm. Und auch mehr Tempo. Und darauf kommt es schließlich an

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