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Rudolph Moshammer : Mobbing eines Mordopfers

  • -Aktualisiert am

Nach seinem Tod wurde Moshammer von den Medien „entlarvt” Bild: REUTERS

Nicht die DNS, die deutschen Medien haben den Fall Moshammer gelöst: Es war Tötung auf Verlangen. Die Berichterstattung über den Mord an Moshammer ist schwulenfeindlich, schadenfroh und verlogen.

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          Nach den Geschehnissen in Grünwald am Donnerstag vergangener Woche brach in den deutschen Medien ein Sturm des investigativen Fleißes aus. Nicht die DNS, die deutschen Medien haben den Fall Moshammer gelöst: Es war Tötung auf Verlangen, eine bloß logische, wenn nicht gar verdiente Folge von Moshammers Lebenswandel.

          In der Berichterstattung wurde das Opfer zum Täter. Franz Josef Wagner schrieb in einem über alle Maßen homophoben Kommentar in der „Bild“-Zeitung, man müsse um Taucher, die vom Hai gefressen werden, nicht trauern, das sei eben der Kick, den sie gesucht hätten. „Bunte“-Hauspsychologin Eva Kohlrusch wußte, daß Moshammer am fraglichen Abend nicht bloß Sex, sondern vielmehr eine „ungeordnete, brachiale Lebendigkeit“ suchte, die „den Kern der Selbstvernichtung in sich trägt“.

          Immer wieder sah man dazu Bilder von Walter Sedlmayr und Gianni Versace, und so entstand die mächtige und falsche Assoziationskette: Schwul - Milieu - Stricher - Killer.

          Höhnischer Unterton

          Alle Berichte durchzieht ein seltsam höhnischer Unterton, als könne man nicht differenzieren zwischen der ridikülen Kunstfigur Mosi und dem unschuldigen Opfer eines Gewaltverbrechens, der in seiner eigenen Wohnung von einem Mann, dem er offenbar vertraute, hinterrücks erdrosselt wurde. Daß Moshammer den jungen Mann möglicherweise nicht zu sich eingeladen hat, um sich umbringen zu lassen, wird gar nicht in Betracht gezogen, statt dessen wird das Leben des Opfers zur Vorgeschichte des Mordes uminterpretiert.

          Arno Markowsky bringt in der „Zeit“ ein Moshammer-Zitat: „Wer für Sex bezahlen muß, der ist am Ende“ und kommentiert: „Ein schönes Zitat, vor allem, wenn man weiß, daß der Boutiquenbesitzer aus der Maximilianstraße seit Jahren dreimal die Woche unterwegs war, um Stricher aufzugabeln, vorzugsweise im Milieu der Obdachlosen und Asylbewerber.“ Moshammer war also am Ende, suchte den Kick und die Selbstzerstörung. Nur schade, daß der Angeklagte schon gestanden hat, hätte er geschwiegen, hätten seine Strafverteidiger bloß eine Pressemappe gebraucht, um den Raubmord als Euthanasie darzustellen.

          Im „Milieu“

          Man konnte das Entstehen einer spezifischen Mosi-post-mortem-Prosa studieren: Wo immer Moshammer sich bewegt hat, immer wurde es als „Milieu“ oder eine „Szene“ beschrieben. Es war von Doppelleben die Rede, wo bloß Moshammers Privatleben gemeint war. Ein Doppelleben wäre es gewesen, wenn er insgeheim irgendwo Frau und Kinder unterhalten hätte. Ein Outing von Rudolph Moshammer wäre so überraschend gekommen wie eines von Siegfried und Roy oder das Bekenntnis von Boris Becker, mehr auf Frauen zu stehen als auf Schafe.

          Moshammer hat allerdings der deutschen Öffentlichkeit nicht erklärt, was er nachts und in seinem Schlafzimmer so macht, warum sollte er auch? Die Trennung zwischen privat und öffentlich ist seit Jahrhunderten eine der Säulen der bürgerlichen Gesellschaft, und Journalisten, die unaufgefordert nach Sex oder Nichtsex, nach Prostitution und Pornographie fragen, werden mitunter angelogen. Berufsrisiko.

          „Fast schon krank“

          Allerdings kann man Moshammer nicht zugleich panische Angst davor bescheinigen, als schwul erkannt zu werden und die Angewohnheit, seit Jahren jeden dritten Abend im Rolls-Royce um den Münchener Hauptbahnhof gekreist zu sein und „Hunderte von jungen Männern“ angesprochen zu haben. München ist eine sehr, sehr große Stadt, aber ein baggernder Mosi fällt selbst hier auf. „Fast schon krank“, fand der Chefreporter der „Bunten“ diese Gewohnheit, es muß eine ansteckende Krankheit sein.

          Der Berliner Discobetreiber Rolf Eden macht genau das seit Jahren und wurde Kolumnist bei der „Zeit“ - der einzige Unterschied: Rolf Eden spricht junge Frauen an, Moshammer bremste für Männer. Und das geriet ihm natürlich zum Verhängnis, denn, wie die „SZ“ auch wußte: Morde unter Schwulen gelten als „besonders grausam“, Heteromörder streicheln ihre Opfer bekanntlich zu Tode.

          Grausam und bizarr

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