https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/ronald-reagan-ich-wollte-schauspieler-sein-1132338.html

Ronald Reagan : Ich wollte Schauspieler sein

  • -Aktualisiert am

Ein Präsident schaut zur Tür herein: James Brolin als Reagan Bild: AP

Eine lautstarke Lobby hatte den Sender CBS veranlaßt, seine Filmbiographie über Ronald Reagan ins Bezahlfernsehen abzuschieben. Reagan, gespielt von James Brolin, kommt in dem umstrittenen Film noch am besten weg.

          4 Min.

          Wieder mal ein gemütlicher Abend im Weißen Haus. Ronnie liegt im Bett, versenkt entweder in eine spannende Akte oder, wahrscheinlicher noch, ein Westernabenteuer seines Lieblingsschriftstellers Louis L'Amour. Bevor er sich dem Tiefschlaf hingibt, den er so intensiv erlebt, daß er dereinst fast die eigene Amtseinführung verpaßt hätte, setzt sich Nancy Pants an sein Bett. "Nancy Pants" ruft er die First Lady, bisweilen auch "Mommy", und hielte ihn der Lesestoff nicht gefangen, würde er gewiß ihre Unruhe bemerken. Ihr Friseur ist gestorben, an Aids. Am Nachmittag hat sie Aidspatienten besucht, und jetzt will sie den Präsidenten überzeugen, sein Schweigen zu brechen und die Krankheit beim Namen zu nennen: "All diese Kinder, diese Jungen werden sterben, und wir werden dafür verantwortlich gemacht, Ronnie." Ronnie aber liest weiter, stumm und ungerührt.

          In dieser Form war die Szene nun zu sehen, als der Bezahlsender Showtime "The Reagans" präsentierte, die Filmbiographie, die eigentlich vor zwei Wochen von CBS, einem der traditionsreichsten Networks, hätte ausgestrahlt werden sollen. Dagegen hatte in der Originalversion Ronald Reagan seiner Frau mit einem leicht zurechtgestutzten Bibelwort geantwortet: "Wer in Sünde lebt, wird in Sünde umkommen." So hatte der Präsident seinen Widerwillen jedoch nie öffentlich formuliert. Und da es zudem Vorberichte gab, die den Film als gehässige Abrechnung brandmarkten, setzte sich eine beispiellose Protestlawine in Bewegung.

          Porträt und Liebesgeschichte

          Boykottdrohungen an Werbekunden, der unablässigen Agitation konservativer Radio- und Fernsehmoderatoren sowie einer Website, die dem Sender Zehntausende entrüsteter E-Mails bescherte, hielt CBS nicht stand. Eine nicht zu unterschätzende Rolle mag auch gespielt haben, daß Viacom, der Mutterkonzern von CBS, in Washington auf eine Liberalisierung der Fernsehmärkte drängt und es sich mit der republikanischen Regierung nicht verscherzen will. Jedenfalls ordnete der Sender zunächst an, "The Reagans" in ein "ausgeglichenes Porträt" samt Liebesgeschichte umzumodeln, strich sie schließlich aus dem Programm und gab sie an "Showtime", ebenso im Besitz von Viacom. Statt hundertacht Millionen Haushalte sollten maximal dreizehn Millionen in den Genuß der verbotenen Fernsehfrucht kommen.

          Wie hat sie nun geschmeckt? Den Vorauskritikern wird sie wegen einiger wie auch immer faulen Stellen kaum gemundet haben. Ungenießbar aber war sie nicht. Sie ist auf dem Baum gewachsen, von dem "Biopics" regelmäßig in den Schoß des Fernsehzuschauers fallen, und folglich kennt er den Geschmack nur zu gut. Ziemlich süßlich ist er, auch gezielt fade, obwohl eine Note Pfeffer nie fehlt. Den ganzen Abend bloß Nancy Pants zuzuschauen, wie sie Ronnie zuschaut, kann nicht Sinn der dreistündigen Übung sein. Also wird uns der Blick hinter die Kulissen erlaubt. Nur bietet auch der keine Sensation. Daß die Familie Reagan dysfunktionierte? Wissen wir. Daß er die Präsidentschaft als darstellerische Herausforderung begriff? Bekannt. Daß sie nicht mit dem vorhandenen Geschirr fürs Staatsbankett zufrieden war? Auch kein Scoop.

          Ronald ist der Beste

          Weniger im eleganten Flug als im Geholper geht es durch den wohlvertrauten biographischen Raum. Wo die narrative Reise beginnt, deutet freilich schon an, wohin sie geht: Am Anfang guckt der Präsident ins Leere, während seine First Lady vergeblich um Fassung ringt. Impeachment hängt in der Luft. Von diesem Punkt, als der diplomierte Schwimmeister in den Wogen der Iran-Contra-Affäre unterzugehen drohte, wird zurückgeblendet ins Jahr 1949. Von einem solchen Auftakt kann sich kein noch so freundliches Stück erholen. Und freundlich ist "The Reagans" weiß Gott nicht. Ronald Reagan, gespielt von James Brolin, kommt noch am besten weg. Schon als Vorsitzender der Schauspielergewerkschaft, dann als Gouverneur von Kalifornien gibt Brolin ihn als netten Opa oder vielmehr als nette Opa-Marionette, an deren Fäden eine sich stetig vergrößernde Schar von Unholden ziehen. Unter ihnen: Nancy Pants.

          Weitere Themen

          Schostakowitschs Chefankläger

          Ukraine und Stalins Völkermord : Schostakowitschs Chefankläger

          Für ihn war „Lady Macbeth von Mzensk“ eine musikalische Rechtfertigung von Stalins Völkermord an den Ukrainern. Auch an der Authentizität der historischen Aufführungspraxis hatte er Zweifel. Jetzt ist der Musikwissenschaftler und Kritiker Richard Taruskin gestorben.

          Topmeldungen

          Rachenabstrich in einem Testzentrum des Roten Kreuzes in Frankfurt am Main

          Corona-Herbst : Die FDP hat Zeit, das Land nicht

          Viel spricht dafür, dass die Bundesregierung das Land ein weiteres Mal weitgehend unvorbereitet in den Corona-Herbst schickt. Jeder kann sehen, wer dafür die Verantwortung trägt.
          Betrügerisch und böse: Leonardo DiCaprios Filmfigur in „The Wolf of Wall Street“ basiert auf dem echten Börsenmakler Jordan Belfort.

          Geschlechtergerechtigkeit : Männer kosten ein Vermögen

          Wie Männer sich verhalten, ist für die Gesellschaft irre teuer. Ein Männerberater beziffert die volkswirtschaftlichen Kosten typisch männlicher Verhaltensweisen auf über 63 Milliarden Euro im Jahr. Trotzdem sind Männer auch für etwas gut.

          Wertewandel in unsicherer Zeit : Was ist euch jetzt wichtig?

          Die großen Krisen hinterlassen Spuren und verändern Einstellungen. Wir haben Menschen aus unterschiedlichsten Lebensbereichen gefragt, worauf es ihnen heute ankommt – bei sich selbst und anderen.
          Ein bisschen Rambazamba machen bei der Tour de France: „Dafür bin ich hier“, sagt Maximilian Schachmann.

          Start der Tour de France : „Alle drehen durch“

          Zum Start der Tour liegt eine große Nervosität über dem Tross. Radprofis wie Teams träumen nach sechs Monaten Vorbereitung vom großen Aufstieg. Manche sehen im Chaos ihre Chance.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.