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Der Fall Polanski : Das Ende der Amnesie

Emmanuelle Seigner und Eva Green in Roman Polanskis neuem Film „Nach einer wahren Geschichte“. Bild: @ Carole Bethuel

Gerade hat die Oscar-Academy ihn ausgeschlossen, da startet sein neuer Film „Nach einer wahren Geschichte“. Wie halten wir es mit Roman Polanski?

          Manchmal ist es gar nicht so leicht, Einsicht und bloßen Opportunismus voneinander zu unterscheiden. In der vergangenen Woche hat die Academy of Motion Picture Arts and Sciences dem 80-jährigen Schauspieler Bill Cosby und dem 84-jährigen Regisseur Roman Polanski die Mitgliedschaft entzogen, weil sie „die Werte des Respekts vor der menschlichen Würde“ missachtet hätten.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Konkret heißt das: Cosby, der von 60 Frauen des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wird, wurde kürzlich wegen eines Falls aus dem Jahr 2004 von einem Gericht für schuldig befunden. Roman Polanski wird in den Vereinigten Staaten seit 1978 wegen sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen polizeilich gesucht. Er hatte sich damals schuldig bekannt – und war geflohen. 2009 hatte man ihn in der Schweiz festgenommen, zwei Monate ins Gefängnis gesteckt und dann unter Hausarrest gestellt, bevor die Schweizer Justiz entschied, den Regisseur nicht an die Vereinigten Staaten auszuliefern.

          Das alles hat die Academy jahrzehntelang nicht gestört. Sie hat Polanski 2003 sogar noch den Oscar für die beste Regie verliehen (für den Film „Der Pianist“). Und als er in der Schweiz einsaß, forderten mehr als hundert bekannte Schauspieler und Filmemacher von Johnny Depp und Whoopie Goldberg bis zu David Lynch und Martin Scorsese in einer Petition seine Freilassung. Harvey Weinstein, den die Academy im Oktober rauswarf, schrieb 2009 einen in jeder Hinsicht offenen Brief, in dem es hieß: „Was immer man von seinem sogenannten Verbrechen hält, Polanski hat seine Zeit abgesessen.“

          War es Einsicht? Oder Opportunismus?

          Ernstlich ist nichts gegen Polanskis Ausschluss einzuwenden. Wohlwollend könnte man sagen, dass späte Einsicht besser sei als gar keine und dass die Beharrlichkeit der #MeToo-Bewegung auch bei der Academy Wirkung gezeigt habe. Und dass es am Ende doch gleichgültig sei, ob die Entscheidung aus Opportunismus oder aus Einsicht gefallen sei, Hauptsache, es gehe nicht so weiter wie bisher. Man kann die Reaktion der Academy auch als „Gipfel der Heuchelei“ bezeichnen, wenn man Polanskis polnischer Anwalt ist. Bizarr jedoch bleibt dieser Fall von Verdrängung, Nichtwissenwollen oder partialer Amnesie.

          Fast vierzig Jahre lang hat die Academy, ach was: die internationale Kinogemeinde toleriert, dass ein geständiger Täter sich einer Strafe für sexuellen Missbrauch entzogen hat. Man hat Polanskis Filme finanziert, mit ihm zusammengearbeitet, ihn mit zunehmendem Alter für sein Lebenswerk geehrt, sich für ihn und gegen die Unnachgiebigkeit der amerikanischen Justiz engagiert.

          Es gab sogar 2008 einen Dokumentarfilm „Roman Polanski: Wanted and Desired“, der den Regisseur als Opfer juristischen Fehlverhaltens während des Prozesses erscheinen ließ. Produziert hat den Film, das ist keine bösartige Erfindung, die Weinstein Company.

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