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„Café Olympique“ im Kino : Neue Mythen für eine glücklichere Welt

  • -Aktualisiert am

Ob die Schildkröte auch von einer besseren Welt träumt? Bild: Schwarz-Weiss

„Café Olympique“, die neue Komödie von Robert Guédiguian, heißt im französischen Original „Der Faden der Ariadne“. Das passt sehr gut zur Handlung des unterhaltsamen Films, der das Glück in den Quartieren der kleinen Leuten sucht.

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          „Bringen Sie mich zu den Docks“, sagt Ariane entschlossen dem Taxifahrer, nachdem an diesem sonnigen Morgen an Stelle der Geburtstagsgäste bloß Blumenboten an der Tür standen. Wir sind in einem typischen Guédiguian-Film und damit an der Seite von Ariane Ascaride, der Muse, Ehepartnerin und Hauptdarstellerin fast aller Filme des in Marseille verankerten Regisseurs. In „Café Olympique“ passt der Name der Aktrice sogar bestens zum Originaltitel „Au fil d’Ariane“ – Der Faden der Ariadne. Ein Ausflug aus den Wohnquartieren der kleinen Leute, wo Guédiguian seine Geschichten meist ansiedelt (am bekanntesten wurde bei uns „Marius und Jeanette“, lange her, das war 1997), ins Reich der Mythologie? Nicht ganz oder doch. „Wir brauchen neue Mythen“, zitiert eine der Figuren sinngemäß Pier Paolo Pasolini, der nicht der Einzige im Reigen direkter und indirekter Zitate bleibt.

          Gleich zu Beginn ihres Traums, denn darum handelt es sich, landet Ariane im alternativen Café Olympique, das der gutmütige Wirt Denis (Gérard Meylan, ebenfalls ein alter Bekannter der Guédiguian-Truppe) vom Tresen aus mit seinen Augenbrauen regiert. Ein angeblicher amerikanischer Schriftsteller bringt einen fremden Akzent in die französische Gesellschaft, ein schwarzer Souvenirverkäufer die Mahnung an die Not Afrikas. Einig sind sich alle in der Wut auf die Gesellschaft, „in der wir alle bis zum Hals stecken“. Das nahe Meer gibt Gelegenheit zu einer stürmischen Reise, an deren Ende die Schiffbrüchigen wie in Shakespeares „Sturm“ auf eine Insel geworfen werden, wo Ariane bei einem Theaterspektakel zwischen griechischen Säulen ihr Glück als Sängerin versuchen darf: „Wie man sich bettet, so liegt man“ – mit Brecht/Weil ist der Erfolg im voraus sicher. Und wenn Pasolinis sprechender Rabe aus „Kleine Vögel, große Vögel“ hier in Gestalt einer klugen Schildkröte eine Artverwandte im Geiste finden darf, erstaunt es wenig, dass Ariane Ascaride mit dem Bad in einem öffentlichen Brunnen Anita Ekberg das Erbe streitig machen kann – ohne den Geschmack der Dekadenz, versteht sich.

          Die Utopie als Werkzeug

          Wer bei dieser kurzweiligen Reise, die den Ariadnefaden aus dem Gehäuse Arianes ins Freie („in eine Art Brüderlichkeit“, sagt der Regisseur) aufspult, gut aufpasst, wird auch Tschechow, Godard und Sartre zitiert finden. Dazu erklingt, tief berührend aus dem Off, „Was wäre ich ohne dich“ mit der ermunternden Stimme von Jean Ferrat. Aber was wäre der französische Regisseur ohne Ariane Ascaride, dem Star aus der Arbeiterklasse, dessen stärkste Waffe das Lächeln ist, eine Melange aus Trotz und Sentimentalität? Mit Leib und Seele verkörpert Ascaride die andere Französin, der zur Verführung weder Zeit noch Kraft bleiben. In diesem Film darf sie den Clown herauskehren, der staunend das Wunderland eines Traums erlebt, um am Schluss, froh gestimmt, wieder sicher in der Realität zu landen.

          „Eine Improvisation“ sollte dieser unterhaltsame Film werden, sagt sein Autor, und das ist ihm weitgehend gelungen, auch wenn man im Nachhinein bald schon nicht mehr weiß, worum es da im Einzelnen ging. Oder eben doch: „Um eine bessere Welt haben zu können, muss man zunächst einmal von ihr träumen“, bekennt Guédiguian und könnte damit die Bilanz seiner Arbeit ziehen: die Utopie herbeisehnen, auch wenn die Felle schon davon geschwommen sind.

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