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Richard Linklaters „Bernadette“ : Sie ist halt keine „Soccer Mom“

  • -Aktualisiert am

Eiskönigin des Kinos, die Wärme verströmt: Cate Blanchett als Bernadette. Bild: Wilson Webb / Annapurna Pictures

Cate Blanchett spielt in Richard Linklaters Film „Bernadette“ eine kreative, aber gefährdete Frau. Sie passt in kein Schema. Für sie scheint es keinen richtigen Ort auf der Welt zu geben. Liegt das an der Welt oder an ihr?

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          Die Genialität von Architekten wird gern an der Anzahl ihrer Gebäude gemessen. Je weniger es sind, desto eher kann man davon ausgehen, dass die Planungen ihrer Zeit oder dem Mittelmaß des Geschmacks oder den schnöden Bedürfnissen von Investoren weit voraus waren.

          Bernadette Fox ist so ein Fall. Sie lebt mit ihrem Mann Elgie und ihrer Tochter Bee in einem verwunschenen Haus auf einem Hügel irgendwo im Einzugsgebiet von Seattle. Mit der Nachbarin Audrey hat sie dauernd Streit, weil sie das Buschwerk lieber wuchern lässt, als dass sie einen lebenden Etepetetezaun errichten würde. Bernadette ist eine schwierige Person, darüber unterrichtet zu Beginn die Tochter, und zwar in einem Tonfall, der Besorgnis erregen müsste: Hat Bernadette sich womöglich das Leben genommen?

          Mit diesen Bemerkungen über die fragile Psychologie einer kreativen, aber auch gefährdeten Frau verleiht Richard Linklater seinem Film „Bernadette“ eine Spannung, die noch durch ein Bild verstärkt wird: eine Frau in einem Kajak vor mächtigen Eisbergen. Einsamkeit kann kaum erhabener sein als in diesem Moment. Das ist aber ein Vorgriff, denn zuerst einmal müssen wir Bernadette näher kennenlernen. Sosehr sie aus der Welt gefallen sein mag, sie lebt doch in einer konkreten. Seattle ist ja so etwas wie das ein wenig bürgerlichere Silicon Valley. Hier haben einige digitale Giganten ihren Firmensitz, und auch Elgie (Billy Crudup) findet hier als Spitzenprogrammierer und Tech-Entwickler ein gutes Auskommen. Bernadette muss also nicht unbedingt arbeiten. Anders gesagt: Sie hätte alle Freiheiten, sich zu verwirklichen.

          Doch sie tut sich schwer. Ihre einsamen Tage bringt sie vorwiegend im Dialog mit einer virtuellen Assistentin zu, zu der eine Stimme aus einem Call-Center in Indien gehört. Bernadette teilt mit dieser Anwendung so ziemlich alles, auch das Privateste, und hat dabei kaum einen Begriff davon, dass damit auch Risiken verbunden sein könnten.

          Im Übrigen versucht sie, das Leben einer typischen amerikanischen Mutter in einer bestimmten sozialen Klasse zu führen, wie man es aus Serien wie „Big Little Lies“ kennt und wofür es auch längst einen Begriff gibt: Bernadette ist im strengen Sinn zwar keine „soccer mom“, weil Bee nicht Fußball spielt, aber die anderen Koordinaten (Motorisierung, Überversorgung, strenges Zeitregime) stimmen alle. Nur dass Bernadette in allen diesen Disziplinen eben deutliche Defizite aufweist. Vor allem in den Augen der Nachbarin Audrey, die wie eine Instanz über den orthodoxen Lebensstil der weißen, suburbanen oberen Mittelschicht wacht.

          Für die Schauspielerin Cate Blanchett ist die Rolle der Bernadette schon aus dramaturgischen Gründen ein großes Solo. Richard Linklater ging für seinen Film von einem Bestseller aus. In Maria Semples Roman „Wo steckst du, Bernadette?“ wird die Hauptfigur indirekt erschlossen, durch die Textsorten, die von Menschen produziert werden, die auf der Suche nach Bernadette sind. Eine Suche sowohl im buchstäblichen wie übertragenen Sinn. Im Film hingegen tritt sie gleich höchstpersönlich auf und entzieht sich mit den Mitteln, über die eine hochbewusste Schauspielerin wie Cate Blanchett souverän verfügt. Die Rolle bekommt dadurch eine eigenartige Ambivalenz, wie so oft, wenn ein Star sich an einer aus dem Lot geratenen Seele versucht.

          „Bernadette“ ist nicht so überdeutlich wie „Rain Man“ (wo Dustin Hoffman einen Autisten spielte) oder „A Beautiful Mind“ (wo Russell Crowe das Innenleben eines genialen Mathematikers nach außen zu tragen versuchte). Das liegt auch daran, dass Bernadette auf ihre eigene Weise an einer Grenze lebt. Nicht einmal ihr Syndrom ist klar zu bestimmen, sie funktioniert ganz einfach ein wenig anders, und es bleibt auch markant undeutlich, wie viel an ihrem Zustand mit der Biochemie in ihrem Kopf zu tun hat und wie viel dazu Enttäuschungen auf ihrem Lebensweg beigetragen haben mögen.

          Zwischendurch tauchen dann einige Ideen auf, die sie als Architektin gehabt hatte. Wiederum könnte man sowohl von kühnen Konzepten wie von verblasenen Ideen sprechen, also von beiden Seiten des (nicht) Integrierbaren. Bernadette dachte an Häuser wohl so, wie andere Menschen an Wolkenkuckucksheime denken, stellte aber auch Berechnungen zu deren Statik an und hatte sehr originelle Ideen in Sachen Transparenz und Lichtbrechung. Ihre Familie und das knarrende, alte Haus, in dem sie lebt, kann man als Versuche einer Erdung sehen. Die Nachbarin Audrey (die große Komikerin Kristen Wiig, bekannt aus „Bridesmaids“, in einer wunderbaren Nebenrolle) macht aus der Erdung eine Zumutung.

          In der amerikanischen Kultur gibt es für einen Fall wie den von Bernadette auch eine soziale Form: Irgendwann geht es nicht mehr ohne eine Intervention. Da sitzt dann ein Sorgenkind den Angehörigen und beigezogenen Freunden und Experten gegenüber und muss sich bekennen: Kann geholfen werden, oder siegt der pathologische Eigensinn? Der vielseitige Richard Linklater ist zugleich Langzeitbeobachter und Gegenwartsdiagnostiker. Mit „Boyhood“ schenkte er dem Kino eine einmalige Form, einen Spielfilm, der über einen Zeitraum von vielen Jahren den Eindruck einer natürlich gewachsenen Fiktion vermittelte, und auch seine Trilogie über eine Paarbeziehung (von „Before Sunrise“ zu „Before Midnight“) sah einer Familie beim Gang durch die Zeiten zu.

          „Bernadette“ fügt sich gut in diesen Zusammenhang, nur wird in diesem Fall ein langer Zeitraum innerhalb eines Films rekapituliert. Schließlich wird deutlich, dass für Bernadette das letzte Wort über ihr Haus noch nicht gesprochen ist. Sie muss vielleicht erst noch einen Ort finden, am dem sich ihre erfinderische Architektur bewähren könnte. Dass es sich dabei nur um einen extremen Ort handeln kann, deuten Bilder aus der Antarktis zu Beginn schon an. Den Rest muss man aus dem Gesicht von Cate Blanchett lesen, die man zwar als Eiskönigin des Kinos sehen kann, die dabei aber Wärme genug verströmt, um vielleicht auch für die schwierige Figur der Bernadette eine Rettung zu finden.

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