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Richard Attenborough zum Neunzigsten : Der letzte Monumentalfilmer

Der Schauspieler und Regisseur Richard Attenborough. Bild: Hainsley Brown / eyevine

Richard Attenborough ist nicht nur begnadeter Schauspieler, sondern auch ein herausragender Regisseur - mit insgesamt acht Oscars wurde sein Meisterwerk „Ghandi“ ausgezeichnet. Über eine Karriere, die ihren Höhepunkt im Niedergang des Empires fand.

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          Als Richard Attenborough neunzehn Jahre alt war, holte der Krieg ihn von der Bühne. Das war 1942, und er hatte nach einer Schauspielausbildung gerade sein Debüt im Londoner West End erlebt. Der junge Mann wurde Pilot bei der Royal Air Force, und er kam 1945 als Sieger und Held aus einem Kampf zurück, den auch sein Land zwar gewonnen hatte, darüber jedoch sein Empire verlieren sollte. Die Unruhe vor allem im indischen Kronjuwel des Weltreichs konnten von 1939 bis 1945 nicht mehr wirksam niedergehalten werden, und mit dem Kriegseinsatz seiner Kolonialtruppen in Asien erwarb Indien das moralische Recht auf Unabhängigkeit. 1949 war es so weit.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Über den indischen Unabhängigkeitskampf hat Richard Attenborough seinen größten und erfolgreichsten Film gemacht: „Gandhi“ aus dem Jahr 1982. Das Werk wurde mit Oscars überschüttet, und zwei davon gingen an Attenborough, der nicht nur Regisseur, sondern auch Produzent dieses letzten Monumentalfilms war. Drei Stunden Länge, mehr als 300 000 Statisten. Und doch ein einzelner Darsteller - Ben Kingsley -, der den ganzen Film prägt.

          Einer Meister des Kinos

          Über Kingsleys schauspielerische Tour de force ging die Regieleistung Attenboroughs unter, aber wie er noch einmal im Stil seiner Vorbilder David Lean, Michael Powell und Emeric Pressburger (bei Letzteren beiden spielte er 1946 seine erste größere Kinorolle, neben David Niven in „Irrtum im Jenseits“ einen englischen Piloten, dafür hätte es die Schauspielausbildung nicht gebraucht) Massen choreographierte und Geschichte auf die Leinwand malte, das weist ihn als letzten Meister eines Kinos aus, das heute die Domäne von Spezialeffekt-Experten geworden ist. Bei „Gandhi“ war alles so groß wie in der Wirklichkeit, und Großbritannien ergötzte sich dreißig Jahre nach den Ereignissen vor der Leinwand am eigenen Scheitern, weil einer seiner Söhne damit nun Hollywood eroberte. Der Adelsstand, in den Attenborough schon 1976 für seine Leistungen als Schauspieler erhoben worden war, erfuhr 1993 die rare Steigerung vom Ritter zum Baron. Das Empire ehrte den Chronisten seines Untergangs.

          „Gandhi“ war erst die fünfte Regiearbeit des eigentlich von der Schauspielerei begeisterten Attenboroughs, der 1979 aber dann seine erste Karriere an den Nagel hängte, nachdem er „Die Brücke von Arnheim“ gedreht hatte, sein erstes Monumentalwerk, das den vollen Einsatz des Regisseurs erforderte. So wollte er weitermachen, und das gestattete keine Ablenkung durch eigene Rollen mehr.

          Richard Attenborough als John Hammond in Steven Spielbergs „Jurassic Park“.
          Richard Attenborough als John Hammond in Steven Spielbergs „Jurassic Park“. : Bild: dpa

          Für sein vermeintliches Schauspielfinale suchte er sich den Altmeister Otto Preminger aus, von dessen Regiestil er noch etwas lernen wollte, und so spielte Attenborough 1979 in dessen letztem Film, „Der menschliche Faktor“. Als er nach vierzehnjähriger Pause von Steven Spielberg als Schauspieler für „Jurassic Park“ engagiert wurde, war das eine doppelte Genugtuung: Attenborough spielte die sonstige Starbesetzung auch noch mit siebzig Jahren an die Wand, und er tat das unter einem Regisseur, der mit moderneren Mitteln das große Kino zu verwirklichen sucht, das der Brite so liebt.

          Attenborough drehte nach „Gandhi“ mehr Filme als zuvor, und mit „A Chorus Line“ (1985), „Cry Freedom“ (1987) und „Chaplin“ (1992) war das unmittelbar folgende Trio auch sehr erfolgreich, doch aus dem Schatten des Dreistünders trat er nicht mehr hinaus. Sein zwölfter und letzter Spielfilm, „Closing the Ring“ von 2007, war noch einmal ein persönliches Unterfangen, eine Fliegergeschichte aus dem Zweiten Weltkrieg, mit der sich der Kreis von Attenboroughs Filmschaffen mehr als sechzig Jahre nach dem Auftritt bei Powell und Pressburger tatsächlich schloss. Doch die aufwendige Produktion spielte ihre Kosten nicht ein; in Deutschland kam sie nicht einmal ins Kino. Die Dreharbeiten litten aber auch unter einer persönlichen Tragödie Attenboroughs, dessen Enkel mit seiner Familie im Tsunami von 2004 ertrunken war. An diese Toten erinnerte der Regisseur 2007 mit einer Ausstellung von Picassos Keramiken, seiner großen Sammelleidenschaft.

          Schon 1988 hatte Attenborough den Europäischen Filmpreis für sein Lebenswerk entgegengenommen. Das war verfrüht, denn er war erst fünfundsechzig Jahre alt - noch kein Alter für einen Regisseur und Schauspieler. Nun hat er sich zurückgezogen, um seine Frau zu pflegen. An diesem Donnerstag wird er neunzig Jahre alt.

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