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Neuer Film von Fatih Akin : Meerjungfrau statt Monster

Emilio Sakraya als Xatar in Fatih Akins Biopic „Rheingold“ Bild: Warner Bros.

Andauernd knallt es in „Rheingold“, dem neuen Film von Fatih Akin. Er handelt vom Leben des Rappers und Räubers Xatar. Und zeigt, dass Disneyland und Rap vielleicht das Gleiche sind.

          3 Min.

          Es ist wie Disneyland. Doch statt Umarmungen gibt es hier Fäuste, statt riesiger Schaumstoffkostüme sehr viel falsches Blut. Und die mächtigste Maus von Mousetown ist hier der mächtigste Kahlschädel von Bonn. Er heißt Xatar und seine Kunstwelt „Rheingold“ – der neue Film von Fatih Akin.

          Anna Prizkau
          Redakteurin im Feuilleton.

          Klar, Xatar ist nur ein Künstlername, der Haarlose heißt eigentlich Giwar Hajabi: 1981 in Iran geboren, Flüchtling, Rapper, Unternehmer. Sein Leben also hat Akin verfilmt. In „Rheingold“ geht es darum, worum es im Rap immer geht: gewinnen, es geschafft zu haben. In der wirklichen Wirklichkeit hat das Xatar. Doch was ist mit dem Fatih-Akin-Film?

          Freilassung, Reichtum, Happy End

          Vor der Auflösung dieser Frage zuerst eine obligatorische Inhaltsangabe, versprochen, vollkommen ohne Spoiler – denn Xatars Leben ist vollkommen bekannt, zumindest jedem, der mal Vermischtes in Zeitungen gelesen hat: Der hübsche Junge Giwar kennt schon als hübscher Junge die Gefängniszellen des Nahen Ostens. Seine kurdischen Eltern – die Mutter ist Musikerin, der Vater Komponist – landen mal abwechselnd und mal zusammen im Gefängnis, denn sie sind Freiheitskämpfer. Sie werden gefoltert im Irak. Können irgendwann fliehen: Paris und danach Bonn, wo Giwar anfängt, Klavier zu spielen, später Drogen zu verkaufen.

          In Deutschland per Haftbefehl gesucht, flüchtet Giwar nach Amsterdam. Studiert Musikbusiness und lässt sich auf Geschäfte mit Mafiosi ein. Dann wieder Deutschland: der Traum, Musik zu machen. Doch er braucht Geld, deshalb der legendäre Raub: 2009 überfällt Giwar Hajabi einen Goldtransporter. Und wieder Flucht, diesmal nach Syrien. Dort die Verhaftung, Folter. Und weil er nicht verrät, wo das Gold ist, das er erbeutet hat, wird er nach Deutschland überführt. Danach Verurteilung, acht Jahre: im Knast der Anfang seiner großen Rap-Karriere. Freilassung. Reichtum. Happy End.

          Ja, ganz schön spektakulär, das Leben von Giwar Hajabi. Und genau das will Fatih Akins Film auch sein. Denn ständig knallt es. Dieses Geräusch der Explosionen, wenn auf das Freiheitskämpferlager der Eltern Raketen regnen müssen. Dieses Geräusch der Schläge, die der Teenager Hajabi ins Gesicht bekommt, der Schläge, die er später selbst verteilt. Dieses Geräusch der Tür, die zuknallt, als Hajabis Vater seine Familie für eine andere Frau verlässt. Dieses Geräusch der Schüsse, klar, immer wieder wird geschossen. Dieses Geräusch, wenn der syrische Foltermeister einen Goldzahn aus Giwar Hajabis Mund zieht.

          Und obwohl es im Film so oft und so laut knallt, kann „Rheingold“ dann doch keine Kraft entwickeln. Keine Dynamik. Nichts. Und nie. Woran das liegt? Nicht an den Schauspielern. Vor allem ist Emilio Sakraya, der zu Xatar wird, beeindruckend, erdrückend, echt – zumindest, wenn man diesen Film stumm schauen würde, nur das Gesicht von Sakraya anschauen würde: die wutverzerrte Stirn, die melancholisch-unglücklichen Kinderaugen eines Erwachsenen, das Kinn, das vor Schmerz zuckt.

          Über die Disneywelt des Raps

          Der Ton ist aber leider da. Und leider baut Fatih Akin seinen Film auf der Autobiographie von Xatar „Alles oder nix“ auf – und ja, Xatar, der geniale, große Rapper, kann eigentlich erzählen; im Rap, in Tracks, aber sie dauern immer wenige Minuten, nicht 138 wie der Film – und deshalb funktioniert dort nichts. Viel schlimmer noch: Akin macht aus der mythischen, tragischen, brutalen Story eines Schwerkriminellen eine leichte, lächerliche Story. Das heißt jetzt nicht, dass man lieber ein sozialkritisches und schweres Drama geschaut hätte, ein Drama, das die Probleme der Ausländerkinder Deutschlands zeigt und Deutschland dann mit spitzem und spießigem Filmzeigefinger kritisiert. Das wäre noch langweiliger, als „Rheingold“ einen langweilt. Denn dort ist wenigstens alles absolut falsch und künstlich und zu viel.

          Trotzdem: Die Kunstwelt, die Disneywelt des Raps, mit dem verkehrten, großen, debilen Versprechen eines Lebens, in dem alles doch möglich ist, wenn man fest daran glaubt – sie trägt keinen ganzen Film. Da kann Fatih Akin so viel fatihakinhaft schön mit Licht und Schatten spielen, wie er will. In seinem „Rheingold“ fehlt es an Radikalität. Ja, es wäre radikaler, Giwar Hajabi und seine Freunde als Monster darzustellen; als Monster, die man mag. Statt Monstern liefert Fatih Akin aber Meerjungfrauen. Das macht er wirklich. Zum Schluss. Lässt eine Kamera aus Xatars Villa über den Drachenfels und den Rhein fliegen und dann abtauchen – zu „Arielle“-Verkleideten, die drei Rheintöchter, die das Rheingold beschützen.

          Zum Glück schweigen die Meerjungfrauen, zum Glück kommen die Sätze aus Disneys „Arielle“ nicht vor. Vielleicht aber zum Unglück. Denn die passen perfekt zum Fatih-Akin-Film. Schließlich ist es die Nixe mit den roten Haaren, die singt: „Wer sagt, dass meine Träume Träume bleiben müssen?“

          Oder ist es am Ende doch Xatar?

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