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Reisen im Flugzeug : Im Blindflug

Darf man das? Bild: Paramount

Seit es Kino an Bord gibt, werden Spielfilme für Passagiere entschärft. Denn Absturz, Terror, Klaustrophobie und Gotteslästerung sind Themen, die über den Wolken schnell ihren Unterhaltungswert verlieren.

          3 Min.

          In diesem Jahr erinnert die Berlinale in einer Retrospektive an die „Traumfrauen“ des Kinos: Grace Kelly, Brigitte Bardot, Liz Taylor - und Lana Turner. Die hatte nicht nur als erstes „Glamour-Girl“ Hollywoods Aufsehen erregt, sondern auch in der Luftfahrt Geschichte geschrieben: Lana Turner spielte die Hauptrolle im ersten Film, der je auf einem kommerziellen Linienflug im Bordprogramm lief: „By Love Possessed“ hieß er und wurde 1961 in der ersten Klasse eines TWA-Fluges von New York nach Los Angeles gezeigt.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Und die Nacht wird schweigen“, so hieß der Film auf deutsch, und die Turner gab darin eine neurotische Frau, die ihren impotenten Mann mit dessen Anwaltspartner betrügt: Ein heikler Stoff für das prüde Amerika. Also wurde er umgeschnitten. Und damit begann nicht nur die Geschichte des Bordkinos, sondern auch die der „Airline Versions“: So nennt man die bearbeiteten Fassungen, die Fluggesellschaften auf ihren Flügen ausstrahlen.

          Absturz auf dem „Main Screen“

          „Es gibt eine Reihe von Auswahlkriterien für Unterhaltungsprogramme an Bord“, erklärt Jörg Schiffmann, Geschäftsführer der Duisburger Agentur Atlas Air, die als „Service Provider“ Spielfilme für Luftfahrtgesellschaften in aller Welt lizenziert. „Besonders zu beachten sind dabei Flugzeugabstürze, Terrorismus, Klaustrophobie und Blasphemie.“ Die Ausstrahlung einer wunderbaren Komödie wie „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“, in der eine Gummipuppe eine herrenlose Maschine steuert, weil sich die Kapitäne „Roger“ und „Oveur“ an Fisch vergiften, und die Passagiere auf der Leinwand einen Absturz zu sehen bekommen, wäre also bei regulären Flügen undenkbar. Sicher gäbe es auch Passagiere, die so etwas lustig fänden, aber die Airlines richten sich nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner, damit sich niemand erschreckt.

          Was im Kino lustig ist, verstört an Bord

          Dabei ist ein Absturz auf dem „Main Screen“ gar nicht die größte Sorge der Airlines: Seit dem 11. September 2001 sind es eher Terroranschläge, Attentate wie in Sydney Pollacks „Die Dolmetscherin“ mit Nicole Kidman. Und auch ein Klassiker wie „Titanic“, der auf Linienflügen gezeigt wurde, wäre heikel nicht wegen der Havarie eines Personenfahrzeugs mit vielen Toten, sondern weil der Film eingeschlossene Menschen zeigt, ausweglos und unter Feuer. Andererseits reichte es auch schon, von Abstürzen nur zu reden: „Qantas never crashed“, behauptete Dustin Hoffman alias Raymond in „Rainman“. Die Szene fehlte in den „Airline Versions“ aller Fluggesellschaften. Außer bei Qantas Airlines.

          „Oh Gott!“ darf in der deutschen Version bleiben

          Meist folgen die „Airline Versions“ aber den Fassungen, die für das amerikanische Fernsehen angefertigt werden. Und da dort nackte Haut und Ausrufe wie „Fuck!“ oder „Oh my God!“ verpönt sind, gibt es sie auch im Flugzeug auf der Leinwand nicht zu sehen. Inzwischen richten die Fluggesellschaften in ihren Maschinen aber mehr und mehr „Audio-Video-on-Demand“ ein, auf Bildschirmen am Sitzplatz. So kommen die Passagiere dann doch in den Genuß der „Theatrical Versions“, die Kinofassungen entsprechen. Aber auch das bedeutet nicht Freizügigkeit allenthalben: Eine Airline wie Emirates aus Dubai, die nur noch individuelle Systeme an Bord hat, zeigt trotzdem keine nackte Haut. Virgin Atlantic aus England dagegen rühmt sich damit, alles zu zeigen, ungekürzt und nicht geschnitten.

          Bei Sex und Brutalität im Film zeigen sich also die Unterschiede zwischen den Kulturen. In Europa ist man großzügiger bei nackter Haut, aber empfindlicher bei Gewalt, in Amerika ist es andersherum. Und da eine Airline selten ihre eigenen Wünsche beim Lizenzgeber durchsetzen kann, müssen sich Europäer bei den „Airline Versions“ eben mit den amerikanischen Fassungen abfinden, wo es „Gosh!“ heißt statt „Oh my God!“, aber dafür reichlich Blut fließt. Die deutsche Synchronisation behielte übrigens ein „Oh Gott!“ bei.

          Das letzte Wort hat der Regisseur

          Neben der „Airline-“ und der „Theatrical Version“ wird dann noch eine für den lukrativen Markt im Nahen Osten produziert, wo Rocksäume digital verlängert und Gotteslästerungen getilgt werden. Das kann auch für europäische Airlines interessant sein, die im Nahen Osten unterwegs sind: Deswegen spielen auch die Flugrouten bei der Auswahl der Filme eine Rolle.

          Das letzte Wort beim Schnitt hat aber der Regisseur, jedenfalls wenn es sein Vertrag vorsieht. Woody Allen schneidet gar nicht, und auch Steven Spielberg nicht. Der hat übrigens den einzigen Film gedreht, der bisher niemals über den Wolken gezeigt werden durfte: „E.T.“ Dabei kann man mittlerweile auch aus Flugzeugen nach Hause telefonieren.

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