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Reinhold Messner über den Film „Messner“ : Am Berg herrscht Anarchie

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Abstieg im Himalaya: Reinhold Messner am Berg in einer Szene aus dem Film „Messner“ Bild: dpa

Herrliche Naturaufnahmen, bei gutem wie bei schlechtem Wetter, mit einem eloquenten Helden, den jeder zu kennen meint: Ein Film über Reinhold Messner muss mehr bieten. Messner über „Messner“.

          Herr Messner, eben ist der Film „Messner“ in den Kinos angelaufen, eine Art verfilmte Biographie. Markiert „Messner“ den Endpunkt Ihres Mitteilungsdrangs?

          Nein, keineswegs. Der Film ist schlicht und einfach das Psychogramm eines Extrembergsteigers, eines Extremabenteurers.

          Nun sind Sie ja jemand, der medial komplett ausgeleuchtet zu sein scheint. Was erfahren wir in diesem Film, was wir noch nicht über Reinhold Messner wussten?

          „Messner“ trifft den Geist meines Tuns relativ gut. Er erklärt klar, beinahe naiv, was der Freiraum Berg bedeutet, indem er meiner Kindheit, meiner Jugend eine große Bedeutung beimisst. Es ist nun einmal die Familie, die uns gestaltet.

          Sie spielen auf Ihren strengen Vater an.

          Mein Vater war in der Tat sehr streng. Als Kind machte mir die Möglichkeit, auf Berge zu steigen, klar, dass es neben dem Eingezwängtsein im Tal noch einen völlig anderen Raum gibt, in dem der Mensch seinen Geist frei entfalten kann. Am Berg herrscht Anarchie. Niemand hat Macht über mich.

          Als Sie den Film von Andreas Nickel zum ersten Mal gesehen haben, dachten Sie da nicht: Meine Güte, ich habe den Tod aber ziemlich oft herausgefordert?

          Nein.

          Nehmen wir die „Droite-Nordwand“ am Montblanc, die Sie 1969 bezwungen haben - allein. Das galt als selbstmörderisch.

          Hätte ich einen Fehler gemacht, wäre ich tot gewesen. Aber ich habe keinen Fehler gemacht. Ich war fünf, sechs Mal in Todesgefahr. Kein Mensch geht ein Risiko ein, bei dem er es für wahrscheinlich hält, sein Leben zu verlieren. Jedes Mal breche ich auf in dem Wissen, dass ich perfekt vorbereitet bin. Es gilt: Das Können ist des Dürfens Maß. Ein Restrisiko bleibt freilich immer.

          Trotzdem: Man könnte den Eindruck bekommen, Sie hingen nicht sonderlich am Leben.

          Ich hänge extrem am Leben. Mein Selbsterhaltungstrieb ist hervorragend ausgebildet. Wir alle hängen am Leben, sonst gäbe es uns ja gar nicht. Die Menschheit hat nur überlebt, weil der Selbsterhaltungstrieb des Einzelnen funktioniert, weil der Sexualtrieb funktioniert und weil der Sozialtrieb funktioniert - zumindest im Kleinen, also was den eigenen Clan betrifft. Auch am Berg ist es leichter, in einer Gruppe zu überleben als allein.

          Bis einer Person aus der Gruppe etwas zustößt, bis sie zum Problem wird und die ganze Gruppe massiv belastet...

          ... wenn ein Mensch nicht mehr gerettet werden kann, wenn er dem Tod geweiht ist, wird der Rest der Gruppe nicht bei ihm sitzen bleiben und mit ihm sterben. Der Selbsterhaltungstrieb zwingt uns, weiterzumachen, obwohl einer stirbt. Das ist eine Gesetzmäßigkeit.

          Das Drama am Nanga Parbat, wo Ihr Bruder bei einer gemeinsamen Expedition 1970 ums Leben kam, war eine solche Gesetzmäßigkeit?

          Viele fürchterlich unwissenden Menschen, die mir schaden wollten, die mir die Ehre nehmen wollten, haben behauptet, ich hätte einfach so meinen Bruder irgendwo am Berg zurückgelassen und sei geflohen. Niemand auf der Welt würde so etwas tun, das ist absolut gegen die Menschennatur. Natürlich habe ich mich, als ich nichts mehr für meinen Bruder tun konnte, nicht ins Eis gelegt, wo ich heute noch liegen würde, sondern bin vom Berg runtergekrochen, um mein Leben zu retten. Jeder andere hätte dasselbe getan.

          Eine Szene des Films zeigt Luis Trenker, der Ihnen vorwirft, sie hätten keine Ehrfurcht vor der Natur. Wussten Sie, dass diese Aufnahme von Trenker existiert?

          Ja - und ich bat den Regisseur Andreas Nickel, sie in den Film aufzunehmen, weil sie ein gutes Beispiel dafür ist, was mir während meines Lebens schon alles an den Kopf geworfen worden ist. Die gesamte Bergsteigerschaft hat mich zwanzig Jahre lang derart hässlich behandelt. Aber ausgerechnet Luis Trenker, der sich beiden faschistischen Systemen, dem deutschen und dem italienischen, an den Hals geworfen hat, ausgerechnet der ... Wenn ich Trenkers heroische Geschichten lese, ist da keine Spur von Respekt gegenüber der Natur.

          Sie klingen immer noch sehr verärgert.

          Das bin ich auch. Die ganze Bergsteigerwelt war durch und durch verlogen, sie war braun und es gibt in München immer noch Leute, die in dieser Suppe sitzen. Gegen diese Bergsteigerwelt habe ich mich immer gestellt.

          Woran sich bis heute nicht viel geändert hat, oder?

          Die großen Bergsteiger schwärmen plötzlich wieder von der Euphorie auf dem Gipfel, aber sie stehen nicht zu der Gefahr, zum wirklichen Leiden, das zum Beispiel die Begehung eines Achttausenders mit sich bringt. Doch wenn der Berg nicht mehr gefährlich ist, dann ist er auch kein Berg mehr, sondern eine Attrappe. Ich habe den Deutschen Alpenverein einmal den Totengräber des Alpinismus genannt - und das gilt auch noch heute.

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