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Regisseurin Laura Poitras : Die Kamera wird Whistleblower

  • -Aktualisiert am

In ihren Dokumentationen hinterfragt Laura Poitras die Überwachungspraktiken der Vereinigten Staaten Bild: AP

Sie ist eine Filmregisseurin, die mit Edward Snowden bekannt ist, Interviews mit ihm vermittelt und derzeit mit Julian Assange arbeitet. Was aber beabsichtigt Laura Poitras?

          Im Januar dieses Jahres schrieb Edward Snowden eine E-Mail an die Dokumentarfilmemacherin Laura Poitras. Er tat dies anonym, selbstverständlich verschlüsselt, und er nannte einen bestimmten Grund dafür, dass er sich an eine der breiten Öffentlichkeit unbekannte Filmreporterin und nicht an eine große Zeitung wie die „New York Times“ wandte. Snowden sah in Poitras etwas, was er wohl auch für seine eigene Zukunft antizipierte: „You’ve been detected.“ Dass die Behörden der Vereinigten Staaten sich sehr stark für Laura Poitras interessieren, lässt sich aus der Behandlung erschließen, die sie regelmäßig bei der Einreise erfährt. Sie wird jedes Mal zu einem „Verhör“ geholt, ihre Sachen werden durchsucht, sie muss ihren Computer öffnen. Über diese Erfahrungen von border harassment sprach Poitras schließlich öffentlich im April 2012, ein Video auf der Website von Democracy Now wurde weithin gesehen, und Edward Snowden bezog sich darauf, als er sich dazu entschloss, sich ihr als Quelle anzubieten.

          Zu diesem Zeitpunkt konnte er auch bereits wissen, dass Poitras gerade an einem Film über Whistleblowers und den Überwachungsstaat arbeitet - ein Thema, das auch ihren Kollegen Alex Gibney beschäftigte, der mit „We Steal Secrets“, seiner Darstellung der Vorgänge um Julian Assange, Bradley Manning und Wikileaks, früher dran war, nun aber durch die neuesten Entwicklungen ein wenig überrumpelt wurde. Seit einem Monat, seit die Geschichte über die Aktivitäten der NSA die Öffentlichkeit erreichte und Edward Snowden sich persönlich zu erkennen gab, ist Laura Poitras die beständige, wenngleich betont diskrete Figur im Hintergrund - zum Beispiel auch für die aktuelle Titelgeschichte des „Spiegel“, der ein Interview veröffentlichte, das sie vermittelt hatte. Gründe genug also, sich ein wenig anzusehen, wer diese Frau ist.

          Kritische Sicht auf amerikanische Sicherheitspolitik

          Den Argwohn der amerikanischen Behörden zog Poitras sich zu, als sie 2006 „My Country, My Country“ veröffentlichte, ihren Dokumentarfilm über das nation building im Irak. Im Zentrum stehen die Wahlen vom 30. Januar 2005, als noch ungewiss war, ob die Vereinigten Staaten den Irak so weit befrieden könnten, dass die Abhaltung von Wahlen mehr als nur eine Alibihandlung zur Legitimation der Besatzung wäre. Bei einer Inspektion des Gefängnisses Abu Ghraib lernte Laura Poitras Dr. Riyadh kennen, den Protagonisten ihres Films. Der angesehene gemäßigte Sunnit vertrat in der Radikalen Islam-Partei die Position, dass es besser sei, die Wahlen nicht zu boykottieren. Die Gespräche mit seinen Patienten nützt er zu politischen Fragen. Wen würden sie wählen? „Saddam Hussein“, sagt eine Frau und lacht. Dr. Riyadh konnte sich nicht durchsetzen. Seine Partei erschien zwar auf den Stimmzetteln, der Boykott wurde aber weitgehend eingehalten.

          Die amerikanische Offensive in Falludscha, bei der viele Unschuldige ums Leben kamen, trug wesentlich zu dieser Entscheidung bei. Die katastrophale Situation in Bagdad, einer Stadt ohne gesicherte Versorgung und mit einem Minimum an Sicherheit, spielte ebenfalls eine Rolle. Angesichts der vielen Risiken im Irak grenzte es an ein Wunder, wie viel Material Laura Poitras drehen konnte und welch privilegierten Zugang zu allen beteiligten Gruppen sie sich erschlossen hatte. Sie filmte mit der amerikanischen Armee. Sie begleitete die Wahlbeobachter der UN, fuhr mit den privaten Sicherheitsdiensten, die von den Amerikanern beschäftigt werden, damit ihre militärische Präsenz ein stärker ziviles Gesicht bekommt, durchs Land und kehrte immer wieder in die Wohnung der Familie von Dr. Riyadh zurück. Fast alles hat Laura Poitras dabei allein gemacht, Kamera und Ton. Die Beschränkungen der Rolle einer „eingebetteten“ Journalistin vermochte sie immer wieder zu überschreiten.

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