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Paul Verhoeven wird 80 : Immer ein Ohr für das moralische Grundrauschen

Michael Douglas und Sharon Stone in „Basic Instinct“ Bild: Picture-Alliance

Sex, Gewalt und Leben-Jesu-Forschung: Was Paul Verhoeven in seiner Karriere anfasste, erregte regelmäßig die Bedenkenträger und Moralwächter. Jetzt wird der Skandal-Regisseur achtzig Jahre alt.

          Eine Frauenhand, die unterm Bett nach einem Eispickel tastet, eine Frau, die sich die Schamhaare blond färbt, um als Arierin durchzugehen, ein Cyborg beim Showdown in der Stahlfabrik – einschlägige Momente aus „Basic Instinct“ (1992), „Black Book“ (2006) und „Robocop“ (1987), und da ist die berühmteste, die berüchtigste Szene von allen noch gar nicht erwähnt, mit der Paul Verhoeven in die Filmgeschichte einging. In der Sharon Stone während eines Verhörs im kurzen weißen Kleid auf einem Stuhl sitzt, ihre Sitzhaltung ändert, ein Bein über das andere schlägt und kurz einen Blick auf ihre Vulva erlaubt. Hat Verhoeven sie überrumpelt, wie sie sagt? Hat sie Verhoeven sogar ihren Slip geschenkt, wie er sagt? Künftige Historiker werden, am besten per Videobeweis, eines Tages herausfinden, wie es eigentlich gewesen ist.

          Mächtige Spur der Verwüstung

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sicher ist schon heute, da der niederländische Regisseur seinen achtzigsten Geburtstag feiert, dass der Mann, der erst Mathematik und Physik studierte, bevor er zur Marine ging und dort den Umgang mit einer Kamera lernte, die Basisgleichungen des Kinos von Anfang an sehr gut verstanden hat. Was er in seiner Karriere angefasst hat, das hat regelmäßig die Bedenkenträger und Moralwächter erregt. Zu viel Gewalt, gern mit dem Adjektiv „sinnlos“ belegt, und, vor allem in Amerika, zu viel Sex sei da. Die ganze Litanei der Vorwürfe eben: Pornographie, Voyeurismus, Sexismus, Gewaltverherrlichung, oft vorgebracht ohne genauen Blick auf die Filme.

          Paul Verhoeven 2007 im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Das hat ihn zum Glück nie beeindruckt. Wenn man das moralische Grundrauschen herausfiltert, dann war sein Einstand in Hollywood grandios. „Robocop“ und „Total Recall“ (1990) gehören zu den großen Dystopien im Kino jener Zeit. Da mag sich eine mächtige Spur der Verwüstung hindurchziehen; was Arnold Schwarzenegger in „Total Recall“ jedoch quält, ist etwas anderes: Was ist Wirklichkeit? Woher weiß man, ob die eigenen Erinnerungen die eigenen sind? Ist Ich nicht doch ein anderer?

          Wenn Verhoeven die Zukunft mit der Gegenwart vertauschte, ging es eher kruder zu, in „Basic Instinct“ und mehr noch beim Stangentanz in „Showgirls“ (1995), dessen enormer Trashfaktor ihn heute schon wieder sehenswert macht. Dass Verhoeven die Goldene Himbeere für den Film persönlich entgegennahm, zeigt Souveränität durch Selbstironie. Im Gespräch mit dieser Zeitung hat er später gesagt: „Wäre ich in Amerika aufgewachsen, hätte ich ,Showgirls‘ wohl nicht gemacht.“

          Und, als hätte er in all diesen Jahren ein Doppelleben geführt, erschien 2009 ein Buch von ihm: „Jesus – Die Geschichte eines Menschen“, Produkt zwanzigjähriger Forschung und Teilnahme am amerikanischen Jesus-Seminar, in das er hineingeraten war bei Recherchen für einen Jesus-Film. Er sei kein Jünger, aber Fan, sagte er und fügte den klassischen Atheistensatz hinzu, dass Gott nicht existiere, er ihn aber vermisse. Dieses Buch ist eine größere Provokation als all jene, die man ihm unterstellt hat: Es ist möglich, zugleich der Tradition von Albert Schweitzers Leben-Jesu-Forschung und der des Splatter-Kinos verpflichtet zu sein.

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