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Filmdreh in Matera : „Im Kongo ist mehr Hoffnung als in italienischen Lagern“

  • -Aktualisiert am

Jesus und seine Jünger: Szene aus Milo Raus Film „Das Neue Evangelium“ Bild: Anna Vollmer

In der aktuellen Kulturhauptstadt Matera dreht der Regisseur Milo Rau einen Bibelfilm, der von der Arbeit auf Tomatenplantagen erzählt. Und fragt sich: Was würde Jesus heute predigen?

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          Wenn die Blaskapelle aufhört zu spielen, ist nur noch leises Flüstern zu hören und das Schlurfen alter Füße auf glattem Stein. Es ist Ende September, die Luft noch warm und in der süditalienischen Stadt Matera feiert man heute Kosmas und Damian, die Schutzpatrone der Ärzte und Kranken. Viele Materaner, nicht wenige davon sehr alt, ziehen durch die engen Gassen, links im Tal leuchtet die Stadt im gelben Licht der Laternen, dahinter erheben sich schroffe Hügel. Es könnte auch Jerusalem sein. Wegen dieser Kulisse wurde Matera zu dem Schauplatz für Bibelfilme schlechthin. Pier Paolo Pasolini drehte hier „Das erste Evangelium – Matthäus“ und Mel Gibson „Die Passion Christi“. Ausgerechnet in Matera, der Stadt, über die der Schriftsteller Carlo Levi einst seinen Roman „Christus kam nur bis Eboli“ schrieb, weil sie als so gottverlassen und traurig galt, dass Jesus es wohl nie bis hierher geschafft habe.

          „Matera ist Jerusalem“, sagt der Schweizer Regisseur Milo Rau, der hier an seinem aktuellen Projekt arbeitet. „Das Neue Evangelium“ ist ein Dokumentarfilm, der von den Arbeitsbedingungen der Erntehelfer im Süden erzählt, und zugleich eine neue Interpretation des Matthäus-Evangeliums anbieten will. Fünf Szenen werden öffentlich gedreht, drei davon in der derzeitigen Kulturhauptstadt Matera. So findet zwei Tage nach den „Santi Medici“-Feierlichkeiten eine ganz andere Prozession statt: Jesus’ Einzug nach Jerusalem, mit Reggaemusik, Tanz und Protestrufen.

          Ein schwarzer Jesus

          Milo Raus Jesus heißt Yvan Sagnet und ist ein politischer Aktivist aus Kamerun. Raus Film begleitet seine „Rivolta della dignità“, seine „Revolte der Würde“, die für die Gleichbehandlung aller kämpft. Vor zwölf Jahren kam Sagnet zum Studium nach Italien und begann vier Jahre später auf einer Tomatenfarm im Süden zu arbeiten. Er habe sich, erzählt Sagnet im Gespräch mit dieser Zeitung, nicht vorstellen können, dass so etwas in Italien existiere. Moderne Sklavenarbeit, fest in den Händen der Mafia. Die Erntehelfer leben zu Hunderten in Baracken auf engstem Raum, die meisten Frauen sind Prostituierte. Acht Cent ist der Preis, zu dem ein Kilo Tomaten an große Supermarktketten verkauft wird; der Lohn der Erntehelfer ist entsprechend niedrig. Sagnet wehrte sich und organisierte einen Aufstand. Für sein Engagement erhielt er 2017 den Verdienstorden der Italienischen Republik.

          „Ich wollte jemanden finden, der eine Legitimation für die Rolle des Jesus hat“, sagt Milo Rau. Für wen würde Jesus heute kämpfen? Wer wären seine Jünger? Das seien die Fragen des Projekts. Rau tritt nicht gerade bescheiden auf: „Ich möchte die Jesus-Ikonographie verändern“, sagt er, „das Ziel wäre gewissermaßen, dass Yvans Gesicht als Jesus auf den Titel des ,Time Magazine‘ kommt.“ Raus Ansatz ist es, Kunst mit Systemkritik zu verbinden, einen, wie er schreibt, „Möglichkeitsraum für humane Selbstermächtigung zu schaffen“. So sind Sagnet und die Plantagenarbeiter nicht nur Darsteller eines Films, sondern versuchen durch ihre Mitarbeit eine reale Veränderung der Arbeitsbedingungen herbeizuführen. Mit seinem „globalen Realismus“ will Rau andeuten, wie die Krisen weltweit zusammenhängen und gleichzeitig dadurch neue Strukturen der Vernetzung schaffen.

          Am Theater in Gent, wo er eigentlich Intendant ist, sieht man ihn nur selten. Zuletzt zeigte er hier eine in Mossul produzierte „Orestie“. Wegen dieses Stücks wurde Rau stark kritisiert, man warf ihm Neokolonialismus vor und dass er das Leid anderer für die eigenen Zwecke missbrauche. Andere, ihm gewogenere Stimmen sagen: Er verschaffe wichtigen Themen Aufmerksamkeit.

          Angst und Paranoia

          Die ständige Auseinandersetzung mit sozialen Missständen ist anstrengend. „Meine Mitarbeiter haben oft Zusammenbrüche, weil sie einfach nicht mehr können“, sagt Rau. Auch hier sei das so gewesen: „Im Kongo oder in Mossul ist mehr Hoffnung als in diesen Lagern.“ Auch für seine Protagonisten sei es manchmal sehr herausfordernd. Im „Neuen Testament“, so Rau, würden viele Muslime mitspielen, und natürlich würden sie gefragt, warum sie in einem Bibelfilm mitmachten.

          Abgesehen von Sagnets Jesus sind die größeren Rollen alle mit professionellen Schauspielern besetzt. So spielt etwa Enrique Irazoqui, der Jesus aus der Pasolini-Verfilmung, Johannes den Täufer und Maia Morgenstern, die Maria aus „Die Passion Christi“, erneut die Maria. Die restlichen Darsteller hat Rau vor Ort gecastet. Ein Lokalpolitiker ist dabei, ein Polizist, aber auch Kleinbauern, die gegen die Mafia kämpfen. Die meisten Darsteller kommen aus den Lagern, in denen der Film spielen wird. „Die Arbeit dort ist sehr schwierig. Diese Art von Leibeigenschaft führt zu extremer Angst und Paranoia. Jeder kämpft für sich allein“, erzählt Rau.

          Plantagenarbeiter protestieren für ihre Rechte

          Während der Dreharbeiten wird die „Felandina“, eines der Lager, von den italienischen Behörden geschlossen. In San Severo, dem zweiten Drehort, seien die Leute misstrauisch geworden: „Die Mafia verbreitete, das Lager sei wegen unserer Demonstration gegen die Räumung geschlossen worden. Was natürlich völlig absurd, aber bezeichnend ist.“, sagt Rau. Tatsächlich war im August, vor den Dreharbeiten, ein Feuer im Lager ausgebrochen, bei dem eine junge Nigerianerin ums Leben kam. Ein Sicherheitsrisiko, das die Behörden nicht mehr eingehen wollten.

          Yvan Sagnet ist gläubiger Katholik. Jesus zu spielen macht ihn stolz. „Im Moment wird das Christentum häufig benutzt. Aber diese Leute, die mit dem Rosenkranz wedeln, verkörpern nicht meine Form des Glaubens“, sagt er, ohne den Namen Salvinis zu erwähnen. Mit Menschen zusammenzuarbeiten, die die Politik gegen Migranten unterstützen oder zumindest dulden, ist für ihn nicht schwierig: „Nur weil ich das, was sie tun, für falsch halte, heißt das doch nicht, dass ich mich mit diesen Menschen nicht auseinandersetze.“ Von der Produktion erhofft er sich eine neue Debatte über Arbeitsbedingungen und Migrationspolitik. „Ich hoffe, dass morgen sehr viele Leute kommen“, sagt Sagnet.

          Rechte, Arbeit, Würde

          Wer am nächsten Tag am „Einzug nach Jerusalem“ teilnehmen möchte, muss sich eigens anmelden, und so besteht die Prozession hauptsächlich aus denen, die am Film mitarbeiten. Materaner sind wenige gekommen. Die Arbeiter haben Plakate und Protestrufe vorbereitet, als kleine Demo ziehen sie die enge Straße zum Domplatz hoch und rufen: „Rechte, Arbeit, Würde!“. Eine Italienerin ruft zurück: „Singt doch mal etwas! Habt ihr nichts Eigenes?“ „Was sollen wir denn singen?“, antwortet einer, „was Afrikanisches etwa?“ „Ja! Was von euch!“ Es bleibt dann aber doch bei den Protestrufen.

          Die Tomate muss zerstört werden: Die Darsteller trampeln deshalb darauf herum

          Auf dem Domplatz angekommen, gibt es eine Kundgebung, doch auch hier sprechen Jesus und seine Jünger hauptsächlich für ein paar Journalisten, das Produktionsteam und andere Erntehelfer, die etwas gelangweilt an der Mauer lehnen. In der Ferne sieht man Touristengruppen, doch niemand kommt näher. Nach der Kundgebung wird klar, warum: Die Stadt hat den Platz für Besucher gesperrt, auf der schmalen Gasse, die hinauf zur Kirche führt, stauen sich die Massen. Sowohl Produktionsteam als auch Einwohner sind verärgert. Der Lastwagen, der am Ende der Kundgebung Tomaten auf den Platz schüttet, habe fast die Touristen zerquetscht, sagt Francesca, die ein Hostel in der Stadt betreibt. Auch ein Gast ist genervt. Dass man Aufmerksamkeit für das Anliegen der Arbeiter schaffen wollte, kann er nicht verstehen: „Warum auf der Domplatte?“

          Und so bleibt das, was Sagnet und seine Mitstreiter zu sagen haben, von vielen Materanern und Touristen ungehört. Erst ganz am Ende, als der Lastwagen auf den Platz gefahren ist und zentnerweise Tomaten verschüttet, gesellen sich ein paar Außenstehende hinzu. Die Darsteller zertrampeln Tomaten und rufen: „Diese Tomate, sie riecht nach Blut, nach Schweiß, nach Tod! Wir müssen sie zerstören!“

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