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Filmdreh in Matera : „Im Kongo ist mehr Hoffnung als in italienischen Lagern“

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Abgesehen von Sagnets Jesus sind die größeren Rollen alle mit professionellen Schauspielern besetzt. So spielt etwa Enrique Irazoqui, der Jesus aus der Pasolini-Verfilmung, Johannes den Täufer und Maia Morgenstern, die Maria aus „Die Passion Christi“, erneut die Maria. Die restlichen Darsteller hat Rau vor Ort gecastet. Ein Lokalpolitiker ist dabei, ein Polizist, aber auch Kleinbauern, die gegen die Mafia kämpfen. Die meisten Darsteller kommen aus den Lagern, in denen der Film spielen wird. „Die Arbeit dort ist sehr schwierig. Diese Art von Leibeigenschaft führt zu extremer Angst und Paranoia. Jeder kämpft für sich allein“, erzählt Rau.

Plantagenarbeiter protestieren für ihre Rechte

Während der Dreharbeiten wird die „Felandina“, eines der Lager, von den italienischen Behörden geschlossen. In San Severo, dem zweiten Drehort, seien die Leute misstrauisch geworden: „Die Mafia verbreitete, das Lager sei wegen unserer Demonstration gegen die Räumung geschlossen worden. Was natürlich völlig absurd, aber bezeichnend ist.“, sagt Rau. Tatsächlich war im August, vor den Dreharbeiten, ein Feuer im Lager ausgebrochen, bei dem eine junge Nigerianerin ums Leben kam. Ein Sicherheitsrisiko, das die Behörden nicht mehr eingehen wollten.

Yvan Sagnet ist gläubiger Katholik. Jesus zu spielen macht ihn stolz. „Im Moment wird das Christentum häufig benutzt. Aber diese Leute, die mit dem Rosenkranz wedeln, verkörpern nicht meine Form des Glaubens“, sagt er, ohne den Namen Salvinis zu erwähnen. Mit Menschen zusammenzuarbeiten, die die Politik gegen Migranten unterstützen oder zumindest dulden, ist für ihn nicht schwierig: „Nur weil ich das, was sie tun, für falsch halte, heißt das doch nicht, dass ich mich mit diesen Menschen nicht auseinandersetze.“ Von der Produktion erhofft er sich eine neue Debatte über Arbeitsbedingungen und Migrationspolitik. „Ich hoffe, dass morgen sehr viele Leute kommen“, sagt Sagnet.

Rechte, Arbeit, Würde

Wer am nächsten Tag am „Einzug nach Jerusalem“ teilnehmen möchte, muss sich eigens anmelden, und so besteht die Prozession hauptsächlich aus denen, die am Film mitarbeiten. Materaner sind wenige gekommen. Die Arbeiter haben Plakate und Protestrufe vorbereitet, als kleine Demo ziehen sie die enge Straße zum Domplatz hoch und rufen: „Rechte, Arbeit, Würde!“. Eine Italienerin ruft zurück: „Singt doch mal etwas! Habt ihr nichts Eigenes?“ „Was sollen wir denn singen?“, antwortet einer, „was Afrikanisches etwa?“ „Ja! Was von euch!“ Es bleibt dann aber doch bei den Protestrufen.

Die Tomate muss zerstört werden: Die Darsteller trampeln deshalb darauf herum

Auf dem Domplatz angekommen, gibt es eine Kundgebung, doch auch hier sprechen Jesus und seine Jünger hauptsächlich für ein paar Journalisten, das Produktionsteam und andere Erntehelfer, die etwas gelangweilt an der Mauer lehnen. In der Ferne sieht man Touristengruppen, doch niemand kommt näher. Nach der Kundgebung wird klar, warum: Die Stadt hat den Platz für Besucher gesperrt, auf der schmalen Gasse, die hinauf zur Kirche führt, stauen sich die Massen. Sowohl Produktionsteam als auch Einwohner sind verärgert. Der Lastwagen, der am Ende der Kundgebung Tomaten auf den Platz schüttet, habe fast die Touristen zerquetscht, sagt Francesca, die ein Hostel in der Stadt betreibt. Auch ein Gast ist genervt. Dass man Aufmerksamkeit für das Anliegen der Arbeiter schaffen wollte, kann er nicht verstehen: „Warum auf der Domplatte?“

Und so bleibt das, was Sagnet und seine Mitstreiter zu sagen haben, von vielen Materanern und Touristen ungehört. Erst ganz am Ende, als der Lastwagen auf den Platz gefahren ist und zentnerweise Tomaten verschüttet, gesellen sich ein paar Außenstehende hinzu. Die Darsteller zertrampeln Tomaten und rufen: „Diese Tomate, sie riecht nach Blut, nach Schweiß, nach Tod! Wir müssen sie zerstören!“

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