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Regisseur John Landis wird 70 : Servier mir das Tier in dir

John Landis 2018 in Beverly Hills Bild: Picture-Alliance

Viecher, Menschen und Karambolagen: Der Filmregisseur John Landis, der Monumente wie „Blues Brothers“ in die Filmgeschichte setzte, wird siebzig.

          2 Min.

          Darf ein Film, der unter anderem von Morden an einer alten Dame und einem kleinen Mädchen handelt, liebenswürdig sein? Die Kunst steht am Gerichtshof der Moral unter der Sonderklausel, dass sie darf, was sie kann; so musste der Regisseur John Landis, als er die Fünfundfünfzig-Minuten-Giftpastete „Family“ (2006) schuf, nur zeigen, dass das Paradox „blutige Liebenswürdigkeit“ sich überhaupt machen lässt, schon war’s statthaft.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Als ihm dies gelang, hatte er künstlerisch längst nichts mehr zu beweisen, sondern schon zwei Monumente in die Filmgeschichte gerammt. Für „Blues Brothers“ (1980) zähmte er eine Überfülle eigentlich unbezähmbarer Talente (Dan Akroyd, John Belushi, James Brown, Aretha Franklin, Carrie Fisher...) mittels der Erzählidee „Alles muss wie ein Unfall aussehen, dann kommen die Gaffer von allein“. „An American Werewolf in London“ (1981) trat danach den überraschenden Beweis an, dass sich die Gruselaura bedeutender Schwarzweiß-Terrorklassiker von Leuten wie James Whale, George Waggner oder Jacques Tourneur mit zwei Zutaten verfeinern lässt, von denen jene die Finger ließen, weil sie den Sud leicht verderben, nämlich Humor und Farbe (Trauerblau! Horrorrot!).

          Wer zwei solche Brummer unterm Gürtel hat, muss eigentlich nie mehr arbeiten. „Blues Brothers 2000“ (1998) war kein allzu starkes Argument für die Fortsetzung von Landis’ Filmographie; an die Möglichkeiten des Fernsehens, das ihm zur Selbstneuerfindung Gelegenheit gab, pirschte er sich dann mit „Deer Woman“ (2005) heran, einer Episode der Serie „Masters of Horror“, die sein Kollege Mick Harris als Schaufenster der Besten im Fach (Dario Argento, Takashi Miike, John Carpenter...) eingerichtet hatte. „Deer Woman“ ist ein Spiel mit Sex, Witzen und den Mythen amerikanischer Ureinwohner, das nicht recht zu wissen scheint, wo es hinwill und mehr oder weniger mittendrin abbricht – ein Experiment, kaum mehr.

          Ging es Landis darum, den Gedanken zu erkunden, das Wild im Weib könnte interessanter sein als der Wolf im Kerl, den eines seiner beiden Hauptwerke viviseziert hatte? „Deer Woman“ war wohl schlicht der nötige Anlauf für die Kostbarkeit „Family“, ein Jahr später im selben Serienrahmen inszeniert. Die Hauptrolle des gemütlichen Irren, der sich aus den Knochen von ihm Ermordeter mit Draht und Kostümen eine Familie bastelt, spielt darin der phänomenale George Wendt, der zuvor in der Show „Cheers“ als dauerbeschickerter Norm elf Jahre denselben Barhocker besetzt gehalten hatte, als dauersaufendes Felsmassiv, nur selten von Slapsticknummern in Bewegung versetzt.

          In „Family“ erzeugt er fleißig Kadaver, wäscht sie, spielt mit ihnen und trifft dabei schließlich auf die hinreißende Meredith Monroe, äußerlich brüchig und bitter, inwendig aber, weil man ihr das Lebensglück entrissen hat, von Rachegier auf Glutstufe erhitzt. Die beiden Stars liefern sich daraufhin ein Kammerduell, das alle Stärken zwischen Spaß und Schock, die John Landis auszureizen weiß, in schwärzester Komik zusammenführt: Nach langer Irrfahrt voller Treffer wie Fehlschüsse kam hier ein Großer endlich zu sich selbst. Am kommenden Montag wird Landis siebzig Jahre alt.

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