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John Carpenter zum Siebzigsten : Im Nebel des Grauens

Nie auf die großen Budgets, die ausufernden Produktionen, die teuren Sets geschielt: Jamie Lee Curtis in „Halloween“, 1976 Bild: Picture-Alliance

Vampire, Wahnsinnige, Kolonialisten auf dem Mars und seelenlose Kinder: Seine Monster waren nie die, die gerade in Mode waren. Doch allein für „Die Klapperschlange“ ist John Carpenter ewiger Ruhm sicher.

          3 Min.

          New York war Anfang der Achtziger eine der gefährlichsten Städte der Welt. An brennenden Tonnen am Straßenrand wärmten sich Obdachlose, Räuber und Drogensüchtige, beschützten oder töteten einander, nichts funktionierte richtig, weil die Stadt pleite war und unbeliebter als jeder andere Ort im Land. Dass der Broadway auf voller Länge in der Gewalt von Banden wäre und die Polizei vollkommen machtlos, war eher als eine Albphantasie eine realistische Bestandsaufnahme. Viel musste John Carpenter gar nicht draufsatteln für seine Schreckensvision von der Stadt, in der wie in kaum einem anderen New-York-Film die Wahrheit über die Faszination des Schreckens überlebt. „Escape from New York“ hieß der Film, bei uns „Die Klapperschlange“, und wenn Carpenter danach Schluss mit dem Filmen gemacht und einfach nur gewartet hätte, wie viele Fortsetzungen und Fälschungen dieser Film abgeworfen hätte, wäre er immer noch einer der Großen des Kinos jener Jahre zu nennen, mit einem unsterblichen Erbe aus Dunkelheit, physischer Aktion und reißendem Sound.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Stattdessen drehte er im Jahr 1996 eine Fortsetzung gleich selbst, nämlich „Escape from L.A.“, und es ist unwahrscheinlich, dass irgendjemand außer ihm selbst (der den Film angeblich für besser als den Vorgänger hält) dieses Werk zu seinen unterschätzten zählen wird. Andere aber ließen nicht locker, wenn es etwa um „Halloween“ (1978 – inzwischen neun weitere Filme) oder „The Thing“ (1982 – ein Prequel und ein Themenpark) ging.

          Die einfachen Storys über Angst und Verderben

          Als John Carpenter, der aus Carthage in New York stammt, aber in Bowling Green in Kentucky aufgewachsen ist, in den Siebzigern begann, für wenig Geld Filme zu machen, war es nicht so schwierig, sie auch im Kino unterzubringen. Jedenfalls nicht, wenn es Filme wie „Dark Star“ (1974) oder „Assault on Precinct 13“ (1976), „Halloween“ oder „The Fog“ (1980) waren, Filme, die das Böse aufriefen, mit billigen Tricks arbeiteten, um Schrecken zu verbreiten und auch sonst alle Merkmale des Exploitativen hatten, darunter eben auch die Musik, die fast so laut kreischte wie die Darstellerinnen und die Carpenter häufig selbst schrieb, wie auch seine (und anderer Regisseure) Drehbücher.

          Einfache Storys für wenig Geld: „Dark Star“ aus dem Jahr 1974 Bilderstrecke

          Heute glaubt Carpenter nicht, dass er noch eine Chance im Filmgeschäft hätte, wie es sich entwickelt hat. Zu viel Geld sei im Spiel, zu wenig Raum fürs Instinktive, an das er sich hauptsächlich gehalten habe. Damals aber spürte er gar nicht, wie gut die Zeit es mit ihm meinte, sondern wünschte sich, es wären immer noch die Vierziger und in den Studios Platz und Arbeit für einen wie ihn, der den alten Stil liebte, die schwarzweißen gebastelten Effekte, die einfachen Storys, in denen alles zu Angst und Verderben gesagt werden konnte. Einen dieser Filme, die er bewunderte, hat er 1995 noch einmal gedreht und damit eines der campigsten Remakes der Filmgeschichte hingelegt: „Das Dorf der Verdammten“, in der Originalversion von Wolf Rilla 1960 gedreht, und wenn man genau hinschaut, scheint auch Michael Haneke für sein „Weißes Band“ von diesem Werk inspiriert worden zu sein. Bei Carpenter spielte Christopher Reeve, damals längst bekannt als Superman, den Dorfdoktor, eine geniale Besetzungsentscheidung, für die sich allerdings, wie für den ganzen Film, niemand wirklich interessierte.

          Vampire, Wahnsinnige, Verlorene, Kolonialisten auf dem Mars oder ein Unsichtbarer und schließlich die seelenlosen mörderischen Kinder des Dorfs der Verdammten – die Typenliste der Filmographie von John Carpenter versammelte eine Menge seltsamer Gestalten. Carpenters Monster aber waren niemals die, die gerade en vogue waren, seine Vampire waren längst tot, als der Boom mit den Untoten begann. Vor einigen Monaten hat er ein Album mit Filmmusiken herausgebracht („Movie Themes 1974–1998“, bei Sacred Bones), mit dem Regieführen aber will er offenbar nichts mehr zu tun haben. Er lernt Videospielen.

          Carpenter ist mit Filmen im Kino und im Fernsehen aufgewachsen, und er hat das Filmemachen an der University of Southern California gelernt. Aber anders als Spielberg, Coppola, Scorsese etwa hat er nie auf die großen Budgets, die ausufernden Produktionen, die teuren Sets geschielt. Der englische Kritiker David Thomson ist nicht allein in seiner Meinung, Carpenters „Dark Star“, begonnen als Studentenfilm mit einem Budget von 60.000 Dollar, sei in jeder Hinsicht (vor allem, was die Ideen, den Witz, die Gefühle angehe) dem vielfach teureren „Star Wars“ meilenweit überlegen.

          Was bleiben wird von John Carpenter, steht also bereits fest, obwohl er heute erst siebzig wird.

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