https://www.faz.net/-gqz-6wwdg

Regisseur Ceylan im Gespräch : Leichensuche mit Humor

  • Aktualisiert am

Regisseur Nuri Bilge Ceylan: keine Kalkulation von Erwartungen Bild: REUTERS

Nuri Bilge Ceylan kennt ein Leben ohne Fernsehen, liebt die Kontrolle und die Natürlichkeit des künstlichen Tons. Nun startet sein neuer Film „Once Upon a Time in Anatolia“.

          4 Min.

          Herr Ceylan, Ihr Film trägt das „Es war einmal...“ im Titel. Ist das eine verspielte Referenz auf den Italo-Western und Sergio Leone, oder sehen Sie Ihren Film als eine Art Märchen an?

          Im Gegenteil: Ich wollte, dass alles in dem Film so realistisch wie möglich erzählt wird. Sergio Leone mag ich allerdings sehr gerne. Und auch wenn dieser Film mit seinen Filmen fast nichts zu tun hat, wollte ich ihm mit diesem Titel einen kleinen Gruß senden. Das mir persönlich wichtigste Wort im Titel ist „Anatolien“, wo der Film spielt.

          Es gibt ja schon noch mehr als einen Bezug zu Sergio Leone: Sie erzählen von Männerwelten und Männergefühlen, von einem Mord, und alles spielt in einer kargen Berglandschaft, die einige Ähnlichkeiten zu Westernschauplätzen aufweist. Wie bei Leone darf man auch lachen. Der Film scheint viel humorvoller und auch wärmer zu sein als Ihre früheren Filme. Wollten Sie Ihren Stil verändern?

          Nicht bewusst. Aber so ist das Leben. Manchmal wird es lustig, nur weil man realistisch sein will. Tatsächlich hat der Film viel mehr Dialoge als meine früheren Filme. Im Prinzip habe ich oft den Eindruck, dass die Menschen eine Menge Unsinn reden und besser den Mund halten würden. Wenn man seine Mitmenschen genau beobachtet, fallen an ihnen viele witzige Seiten auf. Manche sind unfreiwillig und eher grotesk, andere warmherzig und von freundlichem Humor bestimmt. Ich hatte nicht die Absicht, witziger zu sein als sonst. Aber wenn es im Ergebnis so wird, das Publikum es so empfindet, ist mir das recht. Nur sollte klar sein: Ich versuche beim Drehen nicht mit Publikumserwartungen zu kalkulieren. Oder zwischen Humoranteilen und ernsten Anteilen abzuwägen. Der Zufall spielt eine größere Rolle, als man glaubt.

          Sind Sie, wenn Sie einen Film beendet haben, selbst über das Ergebnis überrascht?

          Nicht wirklich überrascht, aber ich bin immer recht unsicher, was das Ergebnis angeht. Dieses Gefühl war in diesem Fall noch etwas stärker. Während der Dreharbeiten und dem Schnitt bin ich gewissermaßen blind für meine eigene Arbeit. Man behält seine Sinne und seine Intuition, aber man verliert ein wenig die Verbindung zur Außenwelt. Daher war mir wirklich nicht klar, was der Film bedeuten und aussagen würde, und schon gar nicht, ob er witzig ist.

          Szene aus „Once Upon A Time In Anatolia“: mit einem humorvollen und warmherzigen Western hat Ceylan die Bandbreite seines Schaffens erweitert
          Szene aus „Once Upon A Time In Anatolia“: mit einem humorvollen und warmherzigen Western hat Ceylan die Bandbreite seines Schaffens erweitert : Bild: Trigon Film

          Was steht dann am Anfang? Auch eine Unsicherheit, oder etwas Konkreteres: Ein Gefühl? Eine Idee? Ein Ort?

          Am Anfang steht eine Atmosphäre. Wenn ich die Atmosphäre einer Szene spüre, wenn sie in mir zu wachsen beginnt, dann spüre ich das Verlangen, sie auch zu erzählen. In der Stadt haben wir viele Freunde und Bekannte. Wir treffen uns in Bars, bei Empfängen, vielleicht zum Essen. Aber erst, wenn wir zum Beispiel eine Reise machen, oder ein paar Tage am Stück mit einer Person verbringen, beginnen wir zu verstehen, wie sie „tickt“. So etwas wollte ich erzählen: Die Figuren des Films machen auf der Suche nach der Leiche eine Reise zusammen. Und dabei enthüllen sie die unterschiedlichsten Seiten der menschlichen Natur.

          Formal gehören Sie - als Ihr eigener Drehbuchautor, zum Teil Produzent und Hauptdarsteller - in die Tradition des klassischen europäischen Autorenfilms. Sehen Sie sich selbst auch in dieser Tradition? Wie funktioniert dieser Ansatz für sie?

          Weitere Themen

          Was wollen die Nomaden Amerikas?

          Regisseurin Zhao im Interview : Was wollen die Nomaden Amerikas?

          Wird Chloé Zhao die erste Asiatin die einen Oscar für die beste Regie bekommt? Ihr Film „Nomadland“ ist eine Ode an den Überfluss der Natur und die Würde des Einfachen und gilt schon jetzt als großer Favorit für die kommende Preisverleihung. Ein Interview.

          Topmeldungen

          Der Afroamerikaner Jaques DeGraff lässt sich im Februar in New York gegen das Corona-Virus impfen.

          Impfung gegen Corona : Die alte Angst der Afroamerikaner

          In den Vereinigten Staaten lassen sich deutlich weniger Afroamerikaner impfen als Weiße. Das liegt auch an Erfahrungen, die Schwarze mit Gesundheitsbehörden gemacht haben. Viele kennen noch das Verbrechen von „Tuskegee“.
          Chinesische Soldaten in Peking

          Rüstung : Verteidigungsministerium warnt vor Bedrohung durch China

          Zwei Millionen Soldaten, rund 6850 Kampfpanzer und die weltweit größten konventionellen Raketenpotentiale: Mit seinem Militär versuche China, die internationale Ordnung entlang eigener Interessen zu ändern, warnt das Verteidigungsministerium. Auch Russland bleibe eine Gefahr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.