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„Ein leichtes Mädchen“ im Kino : Attraktivität als Beruf, ist das gut?

  • -Aktualisiert am

Zwei Cousinen, die ästhetisch, ethisch und geschlechterpolitisch eher altmodische Entscheidungen treffen: Zahia Dehar (l.) und Mina Farid in „Ein leichtes Mädchen“ Bild: Alamode Film

Eine aus menschlich heiklen Nachrichten bekannte Frau spielt „Ein leichtes Mädchen“: Der neue Film von Rebbeca Zlotowski hat mehrere Probleme.

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          „Ich wäre auch gern eine gefährliche Frau“, sagt Naima, ein Mädchen aus Cannes, zu Philippe, einem Mann, den sie auf einer Yacht kennengelernt hat. Naima ist das Gegenteil einer gefährlichen Frau. Sie ist brav, sie passt auf sich auf, sie hat nur eine Verbindung zur Gefahr: ihre Cousine Sofia. Wegen Sofia ist sie überhaupt erst auf diese Yacht gekommen, die einem schwerreichen Brasilianer namens Andres gehört. Philippe arbeitet für diesen Andres, er profitiert aber auch von dem mondänen Leben. Er gehört irgendwie dazu, bleibt aber auch auf Distanz. Naima vertraut ihm. Sofia schläft mit Andres.

          „Ein leichtes Mädchen“ heißt der Film von Rebecca Zlotowski, der von den Ferien von Naima in dem Jahr erzählt, in dem sie 16 Jahre alt wird. „Une fille facile“. Damit ist natürlich Sofia gemeint, die Cousine, die längst in Paris lebt, nun aber unvermutet wieder da ist. Sie hat teures Zeug dabei, eine Tasche, für die Naimas Mutter wohl zwei, drei Monate arbeiten müsste. Sie macht auch kein Geheimnis daraus, wie sie ihr Leben finanziert: durch ihre Leichtigkeit. Sie lässt sich mit Männern ein und rechnet mit deren Großzügigkeit. Von diesem Film lässt sich kaum eine Inhaltsangabe schreiben, die nicht gleich ein wenig spekulativ klingt. Und auch die ersten Bilder scheinen eine klare Sprache zu sprechen: Sofia am Strand und im Meer. Sofia im knappen Bikini. Der Glanz sonnengebräunter Haut. Da könnte man noch meinen, Zlotowski habe einen Erotikfilm im Sinn, etwas in der Tradition von „Emmanuelle“, nur ohne Pornographie.

          Dazu kommt der Name der Darstellerin von Sofia. Zahia Dehar wurde in Frankreich bekannt, weil die Fußballstars Franck Ribéry und Karim Benzema sich vor Gericht wegen des Vorwurfs verantworten mussten, sie hätten sie als Minderjährige für Sex bezahlt. Beide behaupteten, sie hätten nicht gewusst, dass sie zum Zeitpunkt ihrer Begegnungen noch nicht 18 Jahre alt war. In einem Interview mit einer großen Illustrierten sprach Zahia Dedar über den Unterschied zwischen Escort und Prostitution. In dem Titel „Une fille facile“ ist dieser Unterschied enthalten, allerdings geht Zlotowski deutlich darüber hinaus. Im Grunde könnte man ihren Film auch als ein Stück Konzeptkunst betrachten: Man nehme eine populäre Figur, und spinne um unser Wissen von ihr herum eine Fiktion. Sofia ist nicht Zahia, aber Zahia Dehar ist deutlich mehr als eine Schauspielerin. Ihre Medienpräsenz wird sie nicht los, zumal ihre körperliche Erscheinung (kosmetisch optimiert) auf eine paradoxe Weise zugleich generisch und hochindividuell ist.

          Eine unverwechselbare Stimme

          Die Geschichte, die Rebecca Zlotowski von den beiden Mädchen erzählt, gewinnt vor diesem Hintergrund eine ganz besondere Qualität: sie wird zunehmend zu einem Raum der Autonomie für Naima und bis zu einem gewissen Grad für Sofia. Ein Zitat von Pascal steht voran: Jeder Mensch sieht sich vor der Wahl eines „métiers“, aber diese Wahl wird von nichts anderem bestimmt als vom Zufall. Naima, eine junge Französin mit offensichtlich maghrebinischem Familienhintergrund, wird in diesem Sommer eine Wahl treffen. Zuvor aber wird sie noch einen Blick in eine andere Welt tun.

          Sofia hat ihre Wahl vorerst getroffen, aber auch sie ist darauf noch nicht festgelegt. Fast sieht es danach aus, als wollte Zlotowski den Zufallsaspekt aus ihrem Motto widerlegen – indem sie erzählt, wie zwei junge Frauen durch Erfahrungen zu Freiheitsgewinnen kommen. Auch da ist es wieder Naima, die einen Schlüsselsatz sagt: Das Geld, das sie bei Andres und Philippe sieht, ist per se nicht viel wert, abgesehen von dem alles verändernden Umstand, dass sie damit tun können, was sie wollen. Das ist für Naima wahre Anarchie. Philippe aber bezeichnet sich als den „Sklaven“ von Andres, während dieser sich vollständig von der Expertise seines Partners abhängig sieht.

          Dieses subtil ausbalancierte Quartett (zwei Nomaden aus der Welt des vazierenden Kapitals, ein bodenständiges Mädchen, dazwischen die „Trophäe“ Sofia) bekommt in Zlotowskis Film für eine Weile einen konkreten Ort: ein alltägliches Cannes, das wenig zu tun hat mit dem mondänen Tourismus, den man damit assoziiert. Die Regisseurin erweist sich damit einmal mehr als Expertin für ungewöhnliche Schauplätze oder für Schauplätze, auf die sie einen unkonventionellen Blick wirft: In „Grand Central“ (2013) erzählte sie eine Geschichte um ein Atomkraftwerk im Rhonetal. Inzwischen ist Zlotowski, die in Paris zuerst an der ENS (Ecole Normale Supérieure) und dann an der Filmschule La Fémis studiert hatte, im französischen Kino längst eine unverwechselbare Stimme. Beim Filmfestival in Toronto wurde diese Woche ihr neuestes Projekt präsentiert: „Sauvages“, eines rasante Fernsehserie, in der ein Mann mit algerischer Familie zum französischen Präsidenten gewählt wird.

          Auch in „Ein leichtes Mädchen“ ist ein Frankreich zu sehen, das auf eine mehrfache Weise mediterran ist: Der Blick auf das Meer aus der Wohnung von Naimas Mutter macht deutlich, dass auch die einfachen Menschen hier das Gefühl von Privilegiertheit haben können. Zugleich akzentuiert Zlotowski diese Perspektive brillant: Frankreich als ein Land, das unverbrüchlich zu Nordafrika gehört, wird von seinem Gegenüber nur durch ein Meer getrennt, das den Seeräubern von heute gehört: Die Yacht ist vor allem ein Zeichen, wie schon Wolfgang Kemp in seinem Essay über die Oligarchen gut begründet hat. Wenn man ihnen etwas stehlen wollte, dann am besten etwas nicht leicht Greifbares. Zum Beispiel ein Motiv für die wahre Anarchie, die sich für Naima dann vielleicht sogar in der Lohnarbeit zeigen kann.

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