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Raus aus der Krise! : Sprechstunde bei Buster Keaton

  • -Aktualisiert am

Wenn auf jede Katastrophe eine neue folgt, wenn Politiker lügen, Experten ratlos sind, Banken zusammenbrechen und der kleine Mann für alles zahlt, hilft eines garantiert: Die Buster-Keaton-Kur.

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          Seit den späten achtziger Jahren besitze ich eine Kollektion von Buster-Keaton-Filmen, die damals als Videokassetten herauskamen. Sie besteht aus neunzehn Kurzfilmen und seinen neun abendfüllenden Spielfilmen, allesamt zwischen 1920 und 1928 entstanden. Alle paar Jahre schaue ich mir einen an. Um die tiefe Niedergeschlagenheit zu vertreiben, die mich nach dem gedankenlosen Spektakel und den meisten Reden bei den Parteitagen von Demokraten und Republikanern und erst recht nach der ersten Fernsehdebatte zwischen Obama und McCain erfasst hatte, die mich noch mehr deprimierte, sah ich mir jetzt gleich ein ganzes Dutzend seiner Kurzfilme an.

          Knapp neunzig Jahre alt, sind diese Filme noch immer sehr komisch und sehr schön. Im Vergleich zu ihnen wirken die dadaistischen und surrealistischen Faxen, die damals alle Welt schockierten, furchtbar verstaubt und zahm. Charlie Chaplins Tramp kämpft gegen die Widrigkeiten einer gnadenlosen Welt an. Wir lachen über ihn, weil wir das Unmenschliche unter den Menschen komisch finden. Keaton mit seinem reglosen Gesicht und dem flachen Hut ist ein Stoiker. Auf Pech und Pannen reagiert er mit geradezu buddhistischer Gelassenheit. Einmal sieht er zwei Schneiderpuppen auf dem Trottoir und stellt sich hinter ihnen an, weil er glaubt, dort ende eine Schlange von Brotkäufern. Als er seinen Irrtum bemerkt, geht er rasch weiter. Beim Betreten eines Gefängnisses streift er die Schuhe höflich auf einer imaginären Fußmatte ab.

          Der Mann, der nie lacht

          Buster Keatons Filme waren in Europa sehr populär, da sie keine Übersetzung brauchten. Meine Großmutter war ein großer Fan von ihm. Noch bevor ich im besetzten Belgrad während des Zweiten Weltkriegs einen seiner Kurzfilme sah, hatte sie mir von einem komischen Mann erzählt, der nie lacht. Er war mir sofort sympathisch. Seine Komödien sind voller atemberaubender akrobatischer Akte. Keaton trat schon als Vierjähriger mit seinen Eltern in Varietés auf. Manchmal wirbelte ihn sein Vater durch die Luft oder warf ihn in den Zuschauerraum. Kein Wunder, dass er die ganzen haarsträubenden Stunts in seinen Filmen selbst übernahm. Einmal brach er sich sogar einen Halswirbel. In seinen Filmen zeigt Keaton die Haltung und den Ernst eines Trapezkünstlers, der im Begriff ist, eine schwierige Nummer vorzuführen. Wenn er scheitert (und er scheitert oft), steht er einfach wieder auf und versucht es von neuem, ohne Selbstmitleid.

          Der Plot einer guten Komödie habe Platz auf einer Postkarte, hat Keaton einmal gesagt. Er arbeitete ohne Drehbuch. Er besprach sich mit seinem Team, man vereinbarte, wie der Anfang und wie das Ende aussehen sollte, alles andere blieb offen. In „Cops“ (1922) will das Mädchen den Mann nur heiraten, wenn er ein erfolgreicher Geschäftsmann wird. Alles, was in diesem wunderbaren Kurzfilm passiert, ergibt sich aus den Bemühungen des Mannes, den Ansprüchen des Mädchens gerecht zu werden.

          Gag auf Gag

          Keaton sagte, ein Kurzfilm sei viel schwieriger als ein langer Spielfilm, bei dem die Handlung im Vordergrund stehe, denn ein Kurzfilm sei nichts anderes als eine Abfolge von Gags, die sich aus der Ausgangssituation ergäben. Die Gags funktionierten nur bei perfektem Timing. Eine Komödie, sagte Keaton, müsse mit der gleichen Präzision zusammengefügt werden wie ein Uhrwerk. Manche Gags filmte er ein zweites Mal (obwohl der Film längst fertig war), wenn er nach der ersten öffentlichen Vorführung den Eindruck hatte, dass das Publikum nicht mitging. Sie waren entweder zu schnell oder zu langsam – und viele waren natürlich extrem schwer zu spielen. Beispielsweise die Reaktion auf den Hilferuf einer jungen Frau, die sich in „Neighbors“ (1921) aus dem dritten Stock lehnt. Keaton und zwei andere Männer treten ans Fenster, bilden einen lebenden Totempfahl und eilen der Frau zu Hilfe. Allerdings warnte Keaton davor, komische Szenen allzu oft zu proben. Wirklich gut seien solche Szenen nur, wenn sie ihren improvisierten Charakter bewahrten.

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