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Wawerzineks „Lievalleen“ : Die Familie, die wir nie hatten

Der Schriftsteller Peter Wawerzinek im Gespensterwald im Ostseebad Nienhagen in einer traumhaft-surrealen Sequenz seines Films „Lievalleen“. Bild: Wawerzinek/Sebastian

Acht Jahre lang hat der Schriftsteller Peter Wawerzinek an einem Film über die Suche nach seiner Mutter gearbeitet. Eine Begegnung.

          6 Min.

          An den glatten hohen Buchenstämmen entlang fährt die Kamera hinein in den Gespensterwald. Sie ist nicht auf Augenhöhe eines Erwachsenen, sie ist weiter unten auf der eines Kindes. „Mein ist der Gespensterwald im Ostseebad Nienhagen“, sagt die Stimme des Schriftstellers Peter Wawerzinek. „Mein sind die Bäume. Mein sind die Vögel im Geäst – von mir ausgeschickt, nach der Mutter und dem Vater zu suchen, die meine Schwester Beate und mich einfach so zurückließen.“

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Kamera fährt hoch in die Baumwipfel – und ganz unten ist, den Stamm einer Buche umarmend, jetzt Peter Wawerzinek zu sehen. Sehr klein sieht er von hier oben aus, klein wie ein Kind. Er trägt auch Kleider, die er so ähnlich als Kind getragen haben könnte: eine kurze Lederhose mit Trägern und ein kariertes Hemd. Er ist Mitte sechzig und spielt sich selbst als kleinen Jungen: „Ich bin auf Einsamkeit eingestellt“, sagt seine Stimme. „Ich muss ja nur noch groß werden, dann find ich euch, wo immer ihr seid.“

          Ähnliche Schicksale gab es überall

          Ein Programmkino in der Greifenhagener Straße in Berlin. Der Dokumentarfilm, der hier an diesem Winternachmittag läuft und den nur ein paar Freunde und Autoren aus Wawerzineks Galiani-Verlag sehen – der Schauspieler Hanns Zischler ist darunter, die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck und die Illustratorin Kat Menschik –, steht nicht auf dem Programm: „Lievalleen“ heißt er. Wawerzinek hat ihn zusammen mit seinem Freund, dem Regisseur Steffen Sebastian, in jahrelanger Arbeit gedreht. Angefangen haben sie nach Erscheinen von „Rabenliebe“, dem Buch, mit dem der Schriftsteller 2010 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann und die Kritik erschütterte.

          Denn in „Rabenliebe“ ging es in weiten Teilen um Wawerzineks eigene Geschichte: um die Geschichte eines Jungen, der 1954 in Rostock geboren wurde, in einem schmalen Haus am Stadthafen, einer verrufenen Gegend, und dessen Eltern ihn und seine Schwester 1957 allein in der Wohnung zurückließen, um selbst nach Westdeutschland abzuhauen. Die Kinder wären fast verhungert. Fünf Tage dauerte ihr Martyrium, dann wurde die Wohnung von der Polizei aufgebrochen. Peter Wawerzinek war damals drei, seine Schwester zwei Jahre alt.

          „Rabenliebe“ war ein Roman über die Suche nach der Mutter und eine Abrechnung mit ihr. Über ein Leben in Kinderheimen, eine missglückte Adoption und eine andere, von der er seinen heutigen Namen behalten hat. Über einen Fluchtversuch Richtung Mutter in den Westen, bei dem er auf halbem Weg wieder umkehrte. Dass er auch eine Schwester hatte, erfuhr er mit vierzehn. Peter Wawerzinek erzählte all das als autobiographische Geschichte, die er aber zugleich als universell verstanden wissen wollte: Er unterbrach sie mit Zeitungsausschnitten und Meldungen, in denen es um misshandelte Kinder ging. Wir waren nicht allein, es gibt uns überall, sagten diese Unterbrechungen.

          Aus dem Buch wird ein Geschwisterfilm

          Im Film lässt er diese Ebene nun weg. „Lievalleen“, der auf dem Filmkunstfest in Schwerin Premiere hatte, aber noch immer ohne Verleih ist, was hoffentlich nicht so bleibt, ist eine Dokumentation über Wawerzinek selbst, in der er mit Steffen Sebastian die Orte seiner Kindheit alle noch einmal aufsucht und in kalten Bildern der Ostseeküste oder Räumen von Kinderheimen eine Stimmung der Verlassenheit reproduziert, die man einfach nur beeindruckend nennen kann.

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