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Alexander Sokurow wird siebzig : Putins Schrecken

Alexander Sokurow im April 2019 auf dem Europäischen Filmfestival in Lecce, Italien Bild: EPA

Ihr in Herrschaftsprojekte transformiertes Unglück macht Menschen gefährlich. Das zeigt Alexander Sokurow in vielen seiner Filme. Jetzt wird der Regisseur siebzig.

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          Zu Präsident Putin hat der russische Regisseur Alexander Sokurow, dessen Filme vor allem von der Macht und ihrem Verlust handeln, ein besonderes Verhältnis. Sokurows Verfilmung von Goethes „Faust“ wurde 2011 erst möglich, als Putin, damals Russlands Premierminister, die Mittel dafür bereitstellte. Den Künstler hatte bei seiner Audienz die tiefe Verbundenheit des ehemaligen Geheimdienstlers mit der deutschen Kultur beeindruckt. Außerdem nahm Putin ihn ungeachtet seiner Fürsprache für ukrainische politische Häftlinge und russische Regimekritiker in seinen Menschenrechtsrat auf.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Wohl deswegen entschloss Sokurow sich Ende 2019, nachdem in Moskau viele junge Leute abgeurteilt worden waren, die friedlich gegen Fälschungen bei den Stadtparlamentswahlen protestiert hatten, zu einer flehentlichen Rede vor dem Rat, in welcher er sich als Filmhochschuldozent für die Jugend und ihre Ideale verwandte und die Machthaber bat, sich für sie zu interessieren. Woraufhin Putin auch die von ihm selbst eingeräumte Übertriebenheit bestimmter Repressionen noch als Vorsichtsmaßnahme verteidigte.

          Putin schreckt möglicherweise Sokurows Sicht auf seine Helden. Dessen Tetralogie über die Macht zeigt einen Hitler, der im Kriegsjahr 1942 bei einem Wochenendtreff mit Bormann und Goebbels auf dem Obersalzberg statt über Politik vor allem über Brennnesselsuppe redet und zu seiner Geliebten Eva Braun keine Nähe findet (Moloch, 1999). Er vergegenwärtigt den durch seinen Schlaganfall entmachteten Lenin, der die Welt nur noch wie durch eine Glaswand wahrnehmen, ihr aber nichts mehr mitteilen kann (Taurus, 2001). Er schildert den japanischen Kaiser Hirohito, der nach der Kapitulation im August 1945 in der gespenstischen Ruhe der Bunkergewölbe unter seinem Palast die amerikanischen Besatzungstruppen erwartet (Sonne, 2005). Und in dem als Erstes konzipierten, aber zuletzt entstandenen „Faust“ diagnostiziert er als Energiequell all dieser Figuren ihr in Herrschaftsprojekte transformiertes Unglück, das, wie Sokurow weiß, Menschen gefährlich macht.

          Sokurows „Faust“ versetzt in die Morgendämmerung jenes Aufbruchs, dessen Feuer die Welt verbrennen wird. Der Russe verlegt ihn in die Zeit des alten Goethe, in welcher der Teufel zum geschlechtsindifferenten Geldverleiher geworden ist. Das Kameraauge blickt zwar durch die Brille altmeisterlicher Malerei, aber mit ausgewaschenen Farben und kippenden, verzerrten Einstellungen, die auch bei anderen Filmen Sokurows metaphysische Sicht der Dinge, gleichsam aus einem Jenseits, veranschaulichen. Der in einem sibirischen Dorf geborene Sokurow, der kaukasische Wurzeln hat, sich aber emphatisch mit seinem Wohnort Petersburg identifiziert, schildert den Menschen in grundlegender Ohnmacht. Seine „Sowjetische Elegie“ zeigt den (vorläufig) durch Gorbatschow entmachteten Boris Jelzin. In der „Elegie aus Russland“ erlebt man, wie einfache Leute auf dem Totenbett in mystischen Vorstellungen Halt suchen. Er schildert in „Mutter und Sohn“ die Sohnesliebe zur Mutter als Sterbebegleitung, und selbst die glückliche Liebe von Vater und Sohn im gleichnamigen Film erscheint im Zeichen der bevorstehenden Trennung.

          Unter diesem Ewigkeitsblickwinkel rückt die Kulturbewahrung in den Vordergrund. Das zeigt sich in Sokurows „Alexandra“ (2007), wo er die hochbetagte Operndiva Galina Wischnewskaja ihren als Soldat im Kaukasus stationierten Filmenkel besuchen und den Truppenführer fragen lässt, was seine Männer lernen außer Töten und Zerstören.

          Sein bekanntestes Werk, „Russian Ark“ (2002), huldigt der Petersburger Eremitage und auch der Stadt als Verewigungsort europäischer Kultur durch eine anderthalbstündige Kamerafahrt durch die Kunsträume und Jahrhunderte. Sein vorerst letzter Film, „Francofonia“ (2016), stellt das glimpfliche Schicksal des Louvre unter der Vichy-Regierung – auch dank dem Leiter des deutschen Kunstschutzes – dem deutschen Kunstraub in Russland gegenüber, vor allem aber der Gefahr des Kulturgüterverlusts in einem kollabierenden Europa. An diesem Montag feiert Alexander Sokurow seinen siebzigsten Geburtstag.

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