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„Der Nachtmahr“ von Akiz im Kino : Was kriecht da neben mir, bin ich das selbst?

Bin das Monster auf dem Bildschirm etwa ich? Tina (Carolyn Genzkow) steht ihr Leben lang mit dem Rücken zur Wand, bis sie sich selbst entfesselt. Bild: dpa

Ein Film voller verstörender Pendelbewegungen zwischen Psychodrama und Partyleben: „Der Nachtmahr“ des Berliner Künstlers Akiz im Kino.

          2 Min.

          Am Anfang sind es Geräusche im nächtlichen Elternhaus, die das sechzehnjährige Mädchen Tina beunruhigen. Sie stört ihre Eltern auf, die mit ihr den Weg ins verdächtige Erdgeschoss antreten. Sie beharrt auf ihren Wahrnehmungen, die niemand mit ihr teilt, auch wenn sie zutiefst verunsichert ist.´Ein matter Psychologe wird eingeschaltet, der ihr rät, sich ihren Ängsten zu stellen, ihr partyseliger Freundeskreis wendet sich befremdet von ihr ab, und mehr als einmal steht ihr die nackte Angst über das, was sie sieht und hört, ins Gesicht geschrieben - „ich bin doch kein Freak!“, sagt sie einmal verzweifelt und scheint selbst zu ahnen, dass die Antwort „doch“ lauten könnte.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Tatsächlich wird, was da im Erdgeschoss lauerte und allmählich treppauf kommt, bis Tinas Mädchenzimmer erreicht wird, dabei auch immer konkreter. Bald sehen wir es so, wie Tina es sieht: ein buckliges, nacktes, embryohaftes Monsterchen, das nicht spricht, aber Tina unverwandt fixiert. Vor allem aber ist es mit dem Mädchen derart verbunden, dass alles, was diesem Nachtmahr widerfährt, auch Tina zustößt - verletzt er sich die Zunge, als er mit einem Nassrasierer darüberfährt, blutet auch das Mädchen aus dem Mund, und als sich schließlich ihre Eltern, statt weiter über eine höhere Dosierung von Tinas Tabletten zu sprechen, dem Wesen stellen, ist ihr blinder Vernichtungsdrang Gift für die Gesundheit ihrer Tochter.

          All dies erzählt der Berliner Künstler Akiz, der mit „Das wilde Leben“ bekannt geworden und auch im Bergfilmgenre zu Hause ist, mit großer Lust an der entfesselten Handkamera, Abscheu vor künstlicher Beleuchtung und angemessen verworrener Chronologie. Nächtliche Technopartys in Clubs oder Schwimmbädern bilden mehr als nur die Kulisse dieser Handlung, es wimmelt von Zeichen, die allesamt erklären sollen, wie Tina zu ihrem Monster kommt, und zugleich verwischen, welchen Grad an Realität es besitzt und wo der Wahn des Mädchens beginnt - wurzelt nicht die Monsterschau in einem Handyfoto, das im Auto auf dem Weg zur Party herumgezeigt wird und einen Embryo zeigt?

          Ein wunderschönes Schlussbild

          Tina, gespielt von Carolyn Genzkow, steht im Zentrum des Films, kaum eine Szene, die sie nicht zeigt, und es dauert nicht lange, bis man versteht, warum diese Geschichte gerade ihr passiert, wie notwendig die Ablösung von den bis zur Karikatur unverständigen Eltern ist, von den dominanten Freunden. Wer so hartnäckig weghört, wenn es um die eigenen Bedürfnisse geht, trifft irgendwann auf deren physischen Niederschlag, könnte man den Film deuten. Oder auch ganz anders, denn erfreulicherweise ist hier nichts eindeutig. Akiz jedenfalls, der den Film mit einem Etat von weniger als hunderttausend Euro gedreht hat, gab bekannt, es handele sich um einen Teil einer Trilogie, die sich den großen Themen Geburt, Liebe und Tod widmet, und ein derart weites Raster nimmt dem Film nichts von seinem Rätsel.

          Am Ende stellt sich Tina kraftvoll wie nie zuvor in ihrem Leben der Konfrontation mit den anderen: Erhobenen Hauptes und von immenser Energie durchströmt, taucht sie auf einer weiteren Party auf, den Nachtmahr wie selbstverständlich im Gepäck. Und beschert uns dann mit ihrer Bereitschaft zur Entfesselung eines der schönsten Schlussbilder, die in diesem Genre zuletzt zu sehen waren.

          Mehr als nur die Kulisse dieser Handlung: Tina auf einer der vielen nächtlichen Technopartys.
          Mehr als nur die Kulisse dieser Handlung: Tina auf einer der vielen nächtlichen Technopartys. : Bild: dpa

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