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Psychiatrie-Film „12 Jours“ : Härteste Ermessensgrenzen

  • -Aktualisiert am

Der Blick aus dem sozialen Abseits kann vom Kino direkt beobachtet werden: eine Psychiatriepatientin vor Gericht. Bild: Grandfilm

Dokumentalität des Seelenleidens: Für „12 Jours“ hat Raymond Depardon Psychiatriepatienten begleitet, die auf das Urteil über ihre Entlassung warten. Er zeigt Menschen, die auf eine schmerzhafte Weise sie selbst sind.

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          Ein Mann kommt in Frankreich vor Gericht. Ihm wird nichts vorgeworfen, er hat nur einen ungewöhnlichen Anspruch: „Ich bin eine Trinität.“ Ihm gegenüber sitzt eine Vertreterin der Justiz, die darüber zu befinden hat, ob dieser Mann aus der psychiatrischen Internierung entlassen werden kann oder nicht. Eigentlich entscheiden darüber ja die Ärzte, aber weil es um ein Grundrecht geht, gibt es dafür ein Prozedere: Spätestens zwölf Tage nachdem jemand in Gewahrsam genommen wird, muss ein gerichtlicher Entscheid getroffen werden. Für diese Verhandlung gibt es in dem Krankenhaus Le Vinatier in Lyon einen eigenen „Salle d’audience“, und für die Vertreter der Justiz gibt es einen speziellen Titel: Sie sind „juges des libertés et de la détention“. Einmal Plural, einmal Singular. Freiheiten haben die Menschen viele, aber einsperren kann man sie alle nur einmal.

          „12 jours“ (12 Tage) heißt der Dokumentarfilm, den Raymond Depardon über dieses Verfahren gemacht hat. Er hat eine Vereinbarung mit dem Krankenhaus getroffen, dass er eine Reihe von Verhandlungen filmen durfte. Die Namen der Patienten wurden geändert, wie auch die erwähnten Ortsnamen, ansonsten sieht man Menschen, die auf eine schmerzhafte Weise sie selbst sind. Der Mann, der sich für eine Dreifaltigkeit hält, wirkt so, als wäre er für die Welt schon lange verloren, aber er weiß davon noch nichts. Sein Fall war schon oft auf Wiedervorlage, nach den ersten zwölf Tagen geht es im Halbjahresrhythmus weiter, jedes Mal sitzen dann ein Sanitäter, eine anwaltliche Vertretung und ein Richter in dem kleinen Saal, und in der Mitte ein Patient. Nach der Verhandlung, als der Mann bereits den Raum verlässt, erwähnt die Richtern ein entscheidendes Detail: „Er hat seinen Vater getötet.“

          Einblicke in das Krankenhaus Le Vinatier: Freiheiten haben die Menschen viele, aber einsperren kann man sie alle nur einmal.
          Einblicke in das Krankenhaus Le Vinatier: Freiheiten haben die Menschen viele, aber einsperren kann man sie alle nur einmal. : Bild: Grandfilm

          Raymond Depardon wurde seit den sechziger Jahren als Reportagefotograf (vor allem für die Agentur Magnum) weltbekannt. Seine Filme entstanden häufig aus Reisen, vor allem in Afrika („Empty Quarter“, „Afrique: Comment ça va avec la douleur?“). 1988 drehte er in einer psychiatrischen Notaufnahme in Paris den Film „Urgences“. Damit begann ein Projekt, das Frankreich der Institutionen zu beobachten: Mit „Délits flagrants“ und „10e chambre“ (und davor schon mit „Faits divers“, 1983) zeigte Depardon, wie Polizei und Gericht mit den kleinen Verfehlungen umgehen, die Grenzfälle des Gewaltmonopols darstellen, in denen schwierige Lebensgeschichten aus der Anonymität heraustreten.

          „Sie haben recht. Je suis fou.“

          Man könnte an die Beobachtung des Philosophen Michel Foucault über „infame Menschen“ denken, von denen niemand etwas wüsste, wenn sie nicht einmal in ihrem Leben eine Spur in einem Gerichtsakt hinterlassen hätten. Foucault sprach von den Anfängen der verwalteten Gesellschaft, Depardon überträgt diesen Befund in eine Gegenwart, in der das dokumentarische Ethos in Konkurrenz zu einer Vielzahl von Beobachtungsmethoden tritt. Der frühe Foucault mit seinem Untersuchung über „Wahnsinn und Gesellschaft“ steht nun auch als Motto über „12 jours“, mit einer herausfordernden Parallelsetzung: der „homme fou“ und der „vrai homme“, der verrückte und der wahre Mensch sind einander näher, als man meinen sollte. Das ist ein Motto, das der Film möglicherweise anders einlöst, als Depardon es gemeint hat. Der Riss, der durch die Patienten geht und den die Patienten in die Gesellschaft tragen, ist enorm. Eine junge Frau fleht gerade zu darum, dass man sie endlich entlässt, und zwar nur deswegen, damit sie sich endlich das Leben nehmen kann. Depardon antwortet auch auf diesen Fall, wenn er zwischendurch das Krankenhaus erkundet, mit seinen hochtechnisierten, sterilen Fluren, am Ende dann eine Tür: „Salon d’apaisement“.

          Warten auf die Entscheidung: Für die Verhandlung gibt es einen eigenen „Salle d’audience“.
          Warten auf die Entscheidung: Für die Verhandlung gibt es einen eigenen „Salle d’audience“. : Bild: Grandfilm

          Die englischen Untertitel klingen in diesem Moment fast zynisch: „comfort room“. Hier werden die Patienten stillgestellt. In den Dramen, die man aus den Verhandlungen erschließen kann, fällt auf, wie sehr auch in einer Institution wie des Le Vinatier ein republikanischer Geist gegenwärtig ist: „Ein Patient begehrt gegen Misshandlungen auf, die er „im Land der Menschenrechte“ besonders skandalös findet; jemand anderer verspricht hoch und heilig, Frankreich künftig zu respektieren. Der bewegendste Moment ist einer der Resignation.

          Im Grunde kommen ja alle Patienten, um ein Plädoyer in eigener Sache zu führen. So sagt jemand ziemlich unvermittelt: „Sie haben recht. Je suis fou.“ In diesem Moment begreift man, dass der Übergang zwischen „homme fou“ und „vrai homme“ nicht in die Richtung zu denken ist, die man normalerweise annehmen würde (mit dem Ziel, dass alle gesund werden). Sondern man wundert sich, dass nicht viel mehr Menschen verrückt werden. Aber auch diese Überidentifikation bringt Raymond Depardons großer, im besten Sinn gleichmütiger Film wieder ins Lot.

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