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Im Kino: „Prinzessin Kaguya“ : Der Weg vom Mond hat sich gelohnt

Die Erde hat dem Mond zumindest eines voraus - blühende Farben. Bild: Universum

Deutsches Kinodebüt eines Altmeisters: Der wunderbare Animationsfilm „Die Legende von Prinzessin Kaguya“ schafft es die Zuschauer über zwei Stunden staunen zu lassen.

          1988, im ersten Annus mirabilis der Anime, der japanischen Trickfilme, begann deren bis heute anhaltender Siegeszug, national wie international. Außerhalb wie innerhalb Japans machte Katsuhiro Otomos „Akira“ Furore, und im Land selbst kamen zudem gleich zwei Filme des damals noch jungen Ghibli-Studios heraus: „Mein Nachbar Totoro“ von Hayao Miyazaki und „Die letzten Glühwürmchen“ von Isao Takahata.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Sie brachen in Japan alle Kassenrekorde, doch den Weg in den Westen fanden sie zunächst nur in Fachkreisen. Die waren umso begeisterter, und niemand Geringerer als Disney übernahm in den neunziger Jahren den Weltvertrieb dieser und aller weiteren Ghibli-Filme; allerdings behaupten böse Zungen, das sei nur geschehen, um sich die gefährliche japanische Konkurrenz vom Leib und sie von den Kinos fernzuhalten. Die Auswertung erfolgte vor allem über Video und später DVD.

          Das reichte aber, um vor allem Miyazaki zu einer Legende zu machen. Als der heute Dreiundsiebzigjährige im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen von Venedig seinen Abschied als Trickfilmregisseur ankündigte, wurde er als größter Meister seiner Zunft gefeiert. Zu Recht, aber ohne den noch sechs Jahre älteren Kollegen, Freund und Mitbegründer von Ghibli, Isao Takahata, hätte Miyazaki nicht den Rücken frei gehabt für seine extrem aufwendigen Projekte. Denn Takahata hielt sich trotz seines gefeierten „Glühwürmchen“-Films lange Zeit sehr zurück und ermöglichte es dadurch Ghibli, alle Kräfte auf die Miyazaki-Arbeiten zu konzentrieren.

          Nur einen einzigen Film hatte Takahata in zwanzig Jahren selbst gedreht – 1999 die hinreißende Komödie „Meine Nachbarn, die Yamadas“ –, bis im vergangenen Jahr „Die Legende von Prinzessin Kaguya“ in Japan startete. Und der hat es jetzt als erster Film dieses Regisseurs überhaupt in die deutschen Kinos geschafft, kurz nach Miyazakis Abschiedswerk „Wie der Wind sich hebt“.

          Der Reichtum der Heimat

          So lassen sich tatsächlich die beiden Filme, die das Jahr 2013 zum zweiten Annus mirabilis der Anime-Geschichte gemacht haben, auch hierzulande dort sehen, wo sie hingehören: auf der Leinwand. Welcher schöner ist, darüber kann man lange streiten. Takahata war immer der japanischere der beiden Kollegen, seine Stoffe waren landestypischer, er schielte nicht nach der westlichen Welt, von deren Bilder- und Mythenschatz Miyazaki kaum minder besessen war als vom Reichtum der Heimat. Deshalb gelangen Letzterem großartige west-östliche Fusionen – ästhetisch wie erzählerisch. „Die Legende von Prinzessin Kaguya“ dagegen dürfte das radikal japanischste Anime sein, das je gedreht wurde.

          Das beginnt mit der Geschichte, die eine Begründungserzählung der japanischen Literatur aufnimmt: „Taketori Monogatari“, die Geschichte vom Bambussammler, wohl aus dem zehnten Jahrhundert. Sie berichtet, wie die Titelfigur in einem Bambusspross ein winziges Mädchen findet, das rasch zu einer blendenden Schönheit heranwächst, sämtliche heiratswilligen Männer, darunter selbst den Kaiser, vor unlösbare Aufgaben stellt und schließlich dorthin zurückkehrt, woher es stammte: auf den Mond, wo ein Fabelreich des reinen Glücks existiert.

          Irdische Adoptiveltern

          Takahata übernimmt alle Elemente des Originals, fügt aber dieser Geschichte einer starken Frau zwei entscheidende Modifikationen hinzu: Er lässt das Mädchen früh Freundschaft mit vier Knaben schließen, deren Ältester, Sutemaru, sich in die von ihren irdischen Adoptiveltern „Prinzessin“ gerufene junge Frau verliebt. Und er macht deren Rückkehr zum Mond nach vier Jahren auf der Erde zum emotionalen Drama, weil Kaguya (die hell Strahlende; die Erdenbürger haben ihr, ohne es zu ahnen, diesen auf die wahre Abkunft verweisenden Namen gegeben) Menschen, Tiere und Pflanzen lieben gelernt hat. Der Mond aber ist karg.

          Mehr als 130 Minuten ist der Film lang, meist die Ruhe selbst, und doch lässt in keiner Sekunde das Staunen nach. Manchmal steigert es sich gar noch, wenn etwa zur Mitte eine Traumsequenz der Prinzessin geboten wird – als wilde Flucht in nur mit Kohlestrichen ausgeführten Dekors inszeniert. Ansonsten hat Takahata einen Stil gewählt, der die Figuren in kräftige Konturlinien fasst, während die sparsamen Hintergründe blass aquarelliert werden. Einzelne Genreszenen, etwa zu Handwerk oder Festlichkeiten, und etliche Nebenfiguren sind wie aus Hokusais berühmten „Manga“ entnommen, seinen im neunzehnten Jahrhundert publizierten Skizzenbüchern. Und die prächtigen Muster der Stoffe lassen sich unmittelbar auf einen der opulentesten aller japanischen Holzschnittkünstler zurückführen: auf Yoshitoshi, in dessen berühmtester Serie, den „100 Ansichten des Mondes“, ein Blatt der Geschichte Kaguyas gewidmet ist.

          Das muss man aber nicht wissen, um diesen geradezu meditativen Film zu genießen, der quer zu allem steht, was derzeitiges Kino ausmacht. Es ist ersichtlich ein Alterswerk, das die Liebe zum Leben feiert, voller leisem Humor und großem Gefühl. Und die Gestaltung dieser unglaublich schlichten und doch brillanten Zeichnungen legt es nahe, dafür eine Bezeichnung zu wählen, die in jeder Hinsicht passt: ein Bilderbuchfilm.

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