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Presse : Jetzt amtlich: Di Lorenzo geht zur „Zeit“

Von Berlin nach Hamburg: Giovanni di Lorenzo Bild: AP/Der Tagesspiegel/Mike Wolff

Ein Gerücht war es seit langem, jetzt ist es amtlich: Giovanni di Lorenzo wird Chefredakteur der „Zeit“. Er wird zugleich Herausgeber des „Tagesspiegels“, den er bislang als Chefredakteur führte.

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          Ein Gerücht war es seit langem, amtlich ist es seit diesem Dienstag, zwölf Uhr mittags: Giovanni di Lorenzo wird Chefredakteur der "Zeit".

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Er übernimmt diese Aufgabe am 15. August und wird zugleich Herausgeber des "Tagesspiegels", den er bislang als Chefredakteur führte. Diese Position teilen sich fortan Stephan-Andreas Casdorff und Lorenz Maroldt. Stellvertretende Chefredakteurin beim "Tagesspiegel" wird Ursula Weidenfeld. Ebenfalls zur Chefredaktion zählt als "Redaktionsdirektor" nach wie vor Gerd Appenzeller.

          Mit di Lorenzo wechseln derweil zur "Zeit" Stephan Lebert und - höchstwahrscheinlich - Christoph Amend, der die Sonntagsausgabe des "Tagesspiegels" verantwortet. Bei der "Zeit" wiederum treten die Chefredakteure Josef Joffe und Michael Naumann von ihrer Aufgabe zurück, bleiben jedoch - neben dem Altbundeskanzler Helmut Schmidt - Herausgeber und Autoren. Beim "Tagesspiegel" ist derweil di Lorenzo nun dritter Herausgeber neben Hellmuth Karasek und Hermann Rudolph.

          Tausch der Führungsmodelle

          Betrachtet man das Personalkarussell ein wenig aus der Distanz, könnte man sagen, daß die beiden im Holtzbrinck-Verlag erscheinenden Zeitungen ihr Führungsmodell ergänzen und tauschen: Die "Zeit" hat fürderhin nur noch einen Chefredakteur, wo zuvor zwei residierten, die Aufgabe teilen sich dafür beim "Tagesspiegel" nun zwei, wo vorher einer war, der jetzt bei zweien der drei führenden Titel des Konzerns eine führende Rolle spielt, die jeweils drei Herausgeber benennen. Obendrein bleibt Giovanni di Lorenzo Moderator der Fernsehtalkshow "Drei nach 9" von Radio Bremen. Die Vereinbarung ist zwischen dem Sender und dem Chefredakteur gerade erst ohne terminliche Begrenzung verlängert worden.

          Das Gerücht, daß er vom "Tagesspiegel" zur "Zeit" wechsle, diffundierte seit geraumer Zeit aus dem Verlag und machte folglich in der Branche die Runde (F.A.Z. vom 18. August 2003), konkret verhandelt wurde über die Veränderungen an der Führungsspitze der beiden Zeitungen dem Vernehmen nach aber erst seit diesem Februar. Und erst am vergangenen Wochenende sollen die Gespräche beendet worden sein.

          Keine förmlichen Bedenken

          Gestern wurden in Vollversammlungen die Belegschaften der beiden Häuser informiert, beim "Tagesspiegel" trat di Lorenzo neben Stefan von Holtzbrinck und dem Geschäftsführer Michael Grabner vor seine Leute, am morgigen Donnerstag stellt sich die Troika mit dem neuen Chefredakteur der Redaktion der "Zeit" vor.

          Deren Redaktionsausschuß wiederum hat gegen die Berufung di Lorenzos offenbar keine förmlichen Bedenken. Der Chefredakteur spricht in Hamburg morgen folglich nicht vor, um sich zu bewerben, sondern tritt seinen Job an. Mit ihm in die Zentralredaktion der "Zeit" kommen wird der Chef der Beilage "Leben", Moritz Müller-Wirth, dessen Aufgabe in Berlin dann wohl Christoph Amend übernehmen soll. Eine größere "Truppenverschiebung" werde es also nicht geben, heißt es bei Holtzbrinck. Und auch kein zwangsweises Aneinanderrücken der beiden Blätter, vielmehr einen freiwilligen Austausch von Autoren, wie er bereits Usus sei.

          Kein leichter Abschied

          Für die Lorenzo war und ist der Wechsel von Berlin nach Hamburg deshalb kein ganz leichter, weil er ihn inmitten der Blatt-Reform des "Tagesspiegels" ereilte. Diese, die er wiederholt als vollständig geglückt bezeichnete, wollte di Lorenzo noch vollenden, bevor es Zeit für die "Zeit" war. Die Wochenzeitung ihrerseits hat das Gröbste bereits hinter sich. Die Umbauarbeiten im Blatt wurden noch von dem ehemaligen Chefredakteur Roger de Weck in Angriff genommen, der Anfang 2001 gehen mußte.

          Unter Josef Joffe und Michael Naumann stieg die Auflage des neu konfigurierten Blattes entgegen dem Branchentrend um 40.000 auf heute rund 450 000 Exemplare. Mit der beigelegten, lexikalischen CD-Rom erreichte die "Zeit" zuletzt erstmals fast 500.000 verkaufte Exemplare. Geschäftlich verzeichnete sie in den beiden vergangenen Jahren ein Plus von drei und dann rund vier Millionen Euro.

          Seinen ersten Berührungspunkt mit der "Zeit" hatte der neue Chefredakteur Giovanni di Lorenzo vor mehr als zwanzig Jahren. Damals bekam er einen Anruf von einem "Zeit"-Ressortchef, der eine Recherche Lorenzos über einen rechtsradikalen Terroristen zu einem Dossier machen wollte - was in Zeiten, in denen sich der "Stern" mit den gefälschten Hitler-Tagebüchern die Finger verbrannt hatte, bei einem unbekannten Autor nicht ganz ohne Risiko war. Di Lorenzo setzte sich in den Nachtzug von München nach Hamburg und überzeugte den Mann von der "Zeit", mit dem ihm seither eine Freundschaft verbindet. Es war niemand anderes als - Josef Joffe, den di Lorenzo nun als Chefredakteur beerbt.

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