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Porträt Monica Bleibtreu : Boulevard frei für eine komische Alte

  • -Aktualisiert am

Die Bar war ihr zu laut und zu düster für Porträtbilder: Monica Bleibtreu Bild: F.A.Z. - Matthias Lüdecke

„Erfolg muss man wollen“ - das hat die Schauspielerin Monica Bleibtreu inzwischen begriffen. Sie wollte erst, nachdem ihr Sohn Moritz mit „Knockin' on Heavens Door“ berühmt geworden war. Ab Freitag glänzt sie in einem Ein-Personen-Stück in Hamburg. Ein Porträt von Franz Josef Görtz.

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          „Vergessen Sie Adele Sandrock!“ Sagt der Schriftsteller Klaus Pohl, wenn er auf die Traumbesetzung für sein neues Stück zu sprechen kommt. Und liefert am Telefon die Begründung im selben Atemzug: „Jetzt kommt Monica Bleibtreu!“

          Sie hat sich eine Rolle von ihm gewünscht, und er hat sie ihr prompt auf den Leib geschrieben: „Nachtgespräche mit meinem Kühlschrank“ lautet der Titel des Dramoletts. Die Premiere ist am Freitag im Hamburger St. Pauli-Theater. Ein Einpersonenstück für einen Dreitagebart, von einem arbeitslosen Schauspieler nicht lustlos, aber ohne übermäßigen rhetorischen Aufwand gemurmelt, gegrantelt und genörgelt wie den Schlussakkord zur eigenen Biographie.

          Das eindrucksvolle Coming-out der Schauspielerin Monica Bleibtreu als komische Alte. Eine Hosenrolle aus der Personnage jener boulevardnahen Burlesken, die ausdauernd vom wahren Leben erzählen, ohne es nur einmal bei seinem richtigen Namen zu nennen. Klar, dass die Akteurin sich bei den Proben nicht über die Schulter schauen lassen wollte: ganz ohne Maske, ohne Bart und Bäuchlein und ohne Perücke mit diesem fürchterlichen Altmänner-Haarschnitt, der den strammen Scheitel dicht über der Ohrmuschel trägt und die mickrige Mähne verbissen auf der anderen Seite.

          Ein klassischer Achtundsechziger

          Nein, sagt sie so entschieden, dass es fast schroff klingt, ohne Maske mag sie niemanden zuschauen lassen - weder auf der Bühne noch im Film. Denn ihr Bunzel in Klaus Pohls Monolog sei ohne die grandiose Arbeit der Maskenbildnerin ebenso unfertig wie jene Klavierlehrerin Traude Krüger, die sie fast gleichzeitig im Film „Vier Minuten“ von Chris Kraus übernommen hat. Er kommt im Februar in die Kinos.

          Alte Frauen spielt sie übrigens oft und gern, gesteht sie. Auf den Part der souverän gereiften Alten mit lebensklug und schier unerschütterlich abgeklärtem Witz hat sie offenbar lange gewartet, ohne es sich anmerken zu lassen. Da kam ihr Klaus Pohl, der Drehbuchautor von Jan Schüttes Hommage auf „Brechts letzten Sommer“, in dem sie vor einiger Zeit die Weigel gespielt hat, gerade recht. Denn Pohl hat sich nicht lange bitten lassen. Obwohl zweifellos keiner, der die Bleibtreu jemals an den Münchner Kammerspielen und am Zürcher Schauspielhaus, am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg oder an der Freien Volksbühne in Berlin erlebt hat, sie ohne Not ins leichte Senioren-Fach stecken würde. Oder zu den Comedians.

          Ihre Paraderolle der gestrengen Katia Mann in Heinrich Breloers preisgekröntem Fernseh-Dreiteiler hätte dazu jedenfalls nicht den geringsten Anlass geboten. Dass Monica Bleibtreu allemal für Überraschungen gut ist, scheinen die Regisseure zu wissen und auch an ihr zu schätzen. Sie sei „ein klassischer Achtundsechziger“, sagt sie selbst, durchaus ernsthaft. Ein Selbstdenker also, soll das wohl heißen, jederzeit konfliktfähig und auch in der Lage, aus methodischen Gründen alles in Zweifel zu ziehen - ihre Auffassung von der eigenen Rolle genauso wie deren Funktion im Konzept der Inszenierung.

          Leichtfüßig Anschaulichkeit herstellen

          Wir sind mit ihr im Foyer des Hotels Savoy in Berlin verabredet, wo sie für ein paar Tage abgestiegen ist. Die Bar komme zum Fotografieren nicht in Frage, hat sie schon entschieden: zu laut und zu düster für Porträtbilder. Die Sitzgruppe vor der Rezeption ist zu lärmig, der Raum gleich nebenan nicht gemütlicher, wirkt aber deutlich heller, weil er zur Straße liegt. Ihr Handy mag Frau Bleibtreu nicht ausschalten, sondern auf jeden Fall erreichbar sein.

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