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Porträt einer Lady : Wer hat Angst vor Nicole Kidman?

Hochgetürmtes Lockenhaar im Stil einer augusteischen Senatorengattin Bild: dpa

Die rätselhafteste unter den Filmdiven wird heute vierzig Jahre alt. Das war im klassischen Hollywood das Alter, in dem die Karriere zu Ende ging. Nicole Kidman aber muss sich deswegen nicht neu erfinden. Von Andreas Kilb.

          6 Min.

          Tatsächlich, sie war es. Wir hatten im „Sunset 5“ im Kino gesessen und waren eher zufällig in die Gegend um den Rodeo Drive geraten, die an diesem Januarabend so leer war, wie wir sie noch nie erlebt hatten. Nur vor der erleuchteten Fensterfront eines Edeljuweliers gab es Licht und Betrieb, Limousinen fuhren vor, ein Diener nahm Gäste in Empfang; offenbar eine Neueröffnung, eine Vernissage der Diamantenbranche. Halb Hollywood war da.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Jack Nicholson stieg aus einem Wagen, neben ihm ging Shirley MacLaine, und dann schwebte, nein: glitt, nein: schillerte sie geschmeidig an uns vorüber, mit hochgetürmtem Lockenhaar im Stil einer augusteischen Senatorengattin, blass, nobel, in einem Tunikakleid, das der Nachtkühle spottete, und so maßvoll geschminkt, wie es sich gerade noch ziemt, wenn man ein Hollywoodstar ist.

          Es war das vorletzte Jahr vor der Trennung von Tom Cruise, aber Cruise war nicht mitgekommen, an seiner Stelle hing eine kleinere Brünette an ihrem Arm, die unentwegt auf sie einplapperte, eine Art Anstandsdame, vielleicht aber auch bloß ein Mädchen, das die berühmte Freundin dazu benutzen wollte, andere berühmte Leute kennenzulernen, um selbst berühmt zu werden. Wir schauten den beiden nach, bis sich die Menge hinter ihnen schloss, dann liefen wir im Januarwind den Rodeo Drive hinunter zum Wilshire Boulevard, berauscht von der Flüchtigkeit des Anblicks und bestürzt von seiner Banalität. Bevor wir den Moment richtig begriffen hatten, war er schon Erinnerung geworden, irreal und phantastisch wie jede Begegnung mit jenen Wesen, die wir Stars nennen, „Sterne“, weil eine eingefleischte Scheu uns davon abhält, den alten heidnischen Plural „Götter“ zu gebrauchen.

          Hochgetürmtes Lockenhaar im Stil einer augusteischen Senatorengattin Bilderstrecke

          Your Highness

          Sollen wir sie jetzt Nicole nennen, wie es David Thomson in seinem gerade auf Deutsch erschienenen Kidman-Buch auf teils rührend besorgte, teils kaltschnäuzig anbiedernde Weise tut? Nein, denn das hieße ja, auf die einstudierten Auftritte als lustige Person und arbeitendes Mädchen hereinzufallen, mit denen sie in den Talkshows des amerikanischen Fernsehens und auch bei vielen Interviewern immer wieder Punkte macht. Doch es hilft nichts, Nicole Kidman ist, anders als ihre große Gegenspielerin Julia Roberts, kein netter Kumpel, auch wenn sie gern lacht und vielleicht auch gerne Kuchen bäckt und Zigaretten raucht wie Marlene Dietrich, mit der sie außer einer gewissen Vorliebe für Zucht und Ordnung im Haus auch einen rasenden, nie zu stillenden Perfektionsdrang gemeinsam hat. „Mrs. Kidman“ wäre, wenn es nicht so hoffnungslos europäisch klänge, eine passendere Anrede für sie, und wenn sie sich auch nicht wie ihre Vorgängerin (in Stil und Haltung) Grace Kelly einen regierenden Fürsten, sondern nur einen Country-Musiker geschnappt hat, müsste man doch in Gedanken jene Anrede dazusetzen, mit der seit Ewigkeiten die Größenverhältnisse zwischen Star und Publikum klargestellt werden: Your Highness. Was hätte Hitchcock aus ihr gemacht!

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