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Filmkritik polnischer Film : „Spanische Grippe“ - die unglaubliche Geschichte

  • -Aktualisiert am

Schwarze Magie oder Zitat und artistisches Können, das ist die Frage in dieser Eulenspiegelei von polnischem Film. Bild: Jacek Piotrowski

Ein polnischer spiritistischer Thriller ist der Film der Stunde, dabei wurde die Geschichte hinter dem Film ebenso unglaublich wie die Nebengeschichte, die er erzählt.

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          Wer unbedingt authentisch sein will, muss sich komplett verbiegen – diese beunruhigende Erfahrung macht zurzeit die Republik Polen. Eine Nation, auf der europäischen Landkarte hin- und hergeschoben, tut sich schwer, ihre Wurzeln zu finden: Sollte man sie ausreißen, um zu beweisen, dass man welche hat? In diese Konstellation neuer nationaler Findung, allzu sehr forciert, ist ein großer polnischer Film gebaut, der „Spanische Grippe“ heißt. Es handelt sich um eine aufwendige Produktion und eine listige Story am Rande der Farce – aber die eigentliche Farce ist die Geschichte eines sensationellen Films, den fast niemand kennt.

          Beim Polnischen Filmfestival Ende April in Berlin, in einem weitgestreuten Programm des polnischen Gegenwartskinos, erschien „Spanische Grippe“ von Łukasz Barczyk als ein Film von vielen. Er handelt vom Posener Aufstand nach Weihnachten 1918, dem Kanonenbeschuss des Flughafens, und dem papstgleichen Auftritt des Pianisten Ignacy Jan Paderewski auf dem Balkon des Hotels Bazar; da war der musische Patriot nur noch einen Oktavschritt von seiner Präsidentschaft entfernt.

          Parallelgeschichte mit zauberhaften Filmzitaten

          Das Drehbuch des Films erzählt allerdings nicht die Geschichte der Partisanen als klassische. Im Gegenteil, es unterhöhlt das polnische Heldenepos mit einer aberwitzigen Parallelgeschichte, die im Milieu der Hellseher spielt. Durch schwarze Magie soll der Pianist dazu gebracht werden, aus seinem amerikanischen Exil nach Polen zurückzukehren. Wie in einem richtigen Agententhriller ist die Gegenseite, die preußisch-deutsche, für diesen Fall natürlich gerüstet: ein Doktor M. Abuse fängt die polnischen Geistesstrahlen auf und übt sich in Gegenzauber. Nur glaubt der Heeresstab nicht an Spuk. Man könnte also behaupten, dieser Film lege nah, die Deutschen hätten den Ersten Weltkrieg im letzten Winkel verloren, weil sie an „Medien“ nicht glaubten.

          Noch kühner ist der Übergang vom spirituellen Medium zu dem des Films, denn trotz der historischen Expertise in den Kostümen greift Barczyk in die Zitatenkiste des Kinos, von „Dr. Mabuse“ bis „Sein oder Nichtsein“, mit dem spürbaren Vergnügen, das Quellenmaterial in Farbe zu tauchen. Man spürt einen Hauch von „Die letzte Metro“ und snifft auch an „Cabaret“.

          Das Sammelsurium der unglaublichen Geschichten, das Hollywood qualitativ in nichts nachsteht.

          Die amtierende polnische Regierung hat verkündet, sie erwarte von der Kultur, der nationalen Sache zu dienen. Tatsächlich aber hat die Förderung des Films mit nationalem Anliegen in Polen Tradition. Das Drehbuch von „Spanische Grippe“ (auf polnisch: „Hiszpanka“) gewann noch unter der Vorgängerregierung einen Wettbewerb um das beste patriotische Drehbuch; was Barczyk daraus gemacht hat, ist eine Satire auf mentale Verengung. Der Film muss geradezu unerträglich sein für Zuschauer, die seine Eulenspiegelei nicht begreifen.

          Łukasz Barczyk gehört ganz klar zur Pop-Avantgarde des zeitgenössischen Kinos. Auch Tarantino und Steve McQueen wollen nicht den Sezessionskrieg ungeschehen machen, sondern rühren stattdessen, das Satirische berührend, an seine schmerzlichsten Motive. Lars von Trier jongliert mit Schrecken, Kult und Wunder. Wes Anderson stopft die ganze Welt in den Kopf eines Pfadfinders. Barczyk knüpft da an: Er überdehnt Archetypisches, bis darin das Komische erscheint. Wie seine westlichen Zeitgenossen – alle sind Regisseur und Drehbuchautor in einem wie zu Zeiten der Nouvelle Vague – parodiert er Genres, reitet einen rasanten Parcours durch kinematographisch verdächtige Topoi. „Spanische Grippe“ ist ein Hotel-, Theater-, Musikgenie-, Kriegs- und Verschwörungsfilm, mit dem immer falschen Kammerspiel der schwarzen Magie in seiner düsteren Mitte. Besser kann man die Paradoxien des zeitgenössischen Polens, provokativ entideologisiert, gar nicht in die europäische politische Landschaft projizieren. Aber Europa hat gerade die Grippe.

          Starke Figuren erlauben es Telepathie zu verbildlichen

          Mit seinem polnisch-deutschen Thema wäre es naheliegend gewesen, die „Spanische Grippe“ international zu produzieren. Łukasz Barczyk aber hat stattdessen alle Akteure in Polen versammelt, an verschiedenen Drehorten und im Studio. Die polnischen Darsteller bringen Charakterfarbe mit: Sandra Korzeniaks betörend warme Augen und Jakub Gierszałs leinwandtaugliches Babyface. Seine letzte, boshafte Rolle hat der deutsch-polnische Schauspieler Jack Recknitz als Heinrich Tiedemann gefunden, eine historische Figur des „Deutschen Ostmarkenvereins“. Dazu kommen die Deutsche spielenden Deutschen, wie Thomas Schweiberer und Christian Pätzold. Für die damals so wichtige polnisch-französische Verbindung steht Florence Thomassin als blonde Spiritistin, raffiniert auf der Kippe von Passion zu Verschlagenheit.

          Die größte Schwierigkeit bestand gewiss darin, Telepathie und Astralleib zu verbildlichen, ohne ins Lächerliche zu rutschen. Hier ist der amerikanische Schauspieler Crispin Glover in der Rolle des Dr. M. Abuse zu ganz großer Form aufgelaufen. Er verkörpert mit glasscharfem Blick die spiritistische Wunderwaffe der deutschen Besatzer. Da ist Posen schon fast verloren. So kommt im zweiten Drittel der Erzählung dessen Darsteller Artur Krajewski ins Spiel: kahl, schmal und mit verrutschtem Mund, das Sinnbild des Bösen als expressionistisches Filmzitat. Tatsächlich aber ist im Krieg der Strahlengeister die rettende Instanz der patriotischen Mission: Rudolf Funk.

          Poppiges Maskeradenspiel auf polnisch.

          Mit dieser brillanten Kunstfigur – Funk – wagt sich Barczyk am weitesten vor, weil er sämtliche antisemitischen Klischees auf ihr ablädt. Auf dem äußerst schmalen Grat der Geschichtsgroteske jonglierend, zeigt er ihn spät in der Fabel als blutendes Opfer, und obwohl die Täter deutsche Parteigänger sind, geht der Fingerzeig an die Polen. Krajewskis Geburtsjahr ist übrigens 1968, das Jahr, in dem die Entrechtung polnischer Juden durch die sozialistische Regierung einsetzte, die eine Welle der Emigration zur Folge hatte.

          Ein traumhaftes Drehbuch, eine vorzügliche Besetzung, ein erfahrener Regisseur von damals noch nicht einmal vierzig Jahren, der zudem Direktor einer großen Produktionsfirma ist: Da konnte nichts mehr schiefgehen. Nach zwei Monaten Drehzeit im Winter 2012/2013 und einer neunmonatigen Postproduktion war der Film fertig, mit einem Budget von nur sechs Millionen Euro und einem Look, der Hollywood in nichts nachsteht. Die Auftraggeber im Regierungslager waren etwas überrascht. Ein Verleih rückte mit dem Vertrag rüber.

          Und plötzlich klappte gar nichts mehr: Der polnische Verleih wurde an ein internationales Konsortium verkauft, der Kinostart in die Winterferien 2015 gelegt, keine Plakate gedruckt. Gegen den dringenden Rat des Regisseurs wurde der Film als Heldenepos und „Meisterwerk“ beworben – ein No-go des Kinopublikums in Polen. Nach zwei Wochen wurde er aus den Kinos genommen. Im Herbst desselben Jahres wählten die Polen eine rechtsnationale Regierung. Ende der Geschichte.

          „Spanische Grippe“, dieser spiritistische Thriller, fristet seither ein verlorenes Dasein als englisch untertitelte DVD in den Regalen des Versandhandels. Gerade versucht Barczyk, doch noch einen internationalen Kinostart zu lancieren. Dazu sei gesagt: Die deutsch-polnischen Geheimgespräche der Originalfassung sind ein riesiges Vergnügen. Eingeschlossen die deutschsprachige Performance von Crispin Glover, mit polnischem Akzent, eine sehr elegante Methode, um das „Fremdsein“ des Deutschen in polnischen Ohren zu signifizieren. Hinter der parabelhaften Entstellung bleibt die historische Komplexität der Situation in Posen, bald schon Poznań, durchaus lesbar.

          Bei den fünf wichtigsten Festivals der Welt hatte der Regisseur seinen grandiosen Film eingereicht. Keines hat ihn genommen. Auch nicht die Berlinale; aber deren Wettbewerb ist für Osteuropa ohnehin so gut wie blind. So bleibt „Spanische Grippe“, wenn sich nicht noch „Medien“ finden, der Film zur Stunde, dessen Stunde nicht gekommen ist.

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