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Politthriller „Freies Land“ : Zonengrenze im Kopf

  • -Aktualisiert am

Einsatz in einem umkämpften Zwischenreich: Trystan Puetter als Kriminalpolizist Patrick Stein Bild: epd

In „Freies Land“ schickt Christian Alvart zwei Ermittler nach dem Mauerfall in den Osten. Als Vorlage diente ihm ein spanischer Thriller über die Franco-Zeit. Daraus ergibt sich ein Problem.

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          Ein Gerücht geht um im Osten Deutschlands. „Die DDR hat es nie gegeben.“ So steht es auf der Wand eines verwitterten Gebäudes, wenige Jahre nach 1989. Die Wende ist noch nicht einmal richtig Vergangenheit, schon bestreiten anonyme Sprayer, dass sie überhaupt stattgefunden hat. Denn wenn es keine DDR gab, was war das dann in dem anderen Teil Deutschlands während der Zeit des real existierenden Sozialismus? Stasismus? Atavismus? Garkeinismus?

          Der Thriller „Freies Land“ von Christian Alvart hat großes Interesse daran, diese Frage offenzuhalten. Denn es ist ja nur allzu klar, dass sie bis heute nicht wirklich beantwortet ist, ja, dass im Gegenteil die neuen Bundesländer bis heute eine „umkämpfte Zone“ sind, um einen aktuellen Buchtitel von Ines Geipel zu bemühen. Bei Alvart muss man sogar den Eindruck gewinnen, dass er den Kampf um diese Zone gern noch einmal so richtig beleben würde. Allerdings strikt nach den Vorstellungen, die er sich von filmischer Dramatik macht. Politik ist hier kein System, sondern ein Symptom, das die Körper heimsucht.

          Das „Freie Land“ und die digitale Welt

          Zwei Kriminalpolizisten bekommen es mit dem „Freien Land“ zu tun. Der eine kennt es schon lange, nur eben nicht als freies. Markus Bach war bereits Teil der alten Apparate, wie er nun auch wieder Teil der neuen sein kann, will man besser nicht so genau wissen, oder aber man überlässt das, wie Christian Alvart auch, einer Suggestion: von damals auf dann gab es vor allem dubiose Kontinuitäten.

          Der andere kommt aus Hamburg in den höheren und östlicheren Norden: Patrick Stein ist im Vergleich zu seinem Kollegen deutlich fragiler, und als er unangekündigt in dessen Hotelzimmer auftaucht, weil er es sich ausnahmsweise mit ihm teilen soll, wird er erst einmal vermöbelt. „Ich habe andere Qualitäten“, sagt Stein zu Bach, dem die Wampe aus der Unterwäsche quillt, für die es im Englischen den Ausdruck „wife-beater“ gibt. Bach ist allerdings alleinstehend, während Stein gleich einmal in Hamburg anruft, denn seine Frau steht kurz vor der Geburt des gemeinsamen ersten Kindes.

          Felix Kramer (l) als Kommissar Bach und Trystan Pütter als Kommissar Stein.

          In der Gegend der Deiche und der einsam gelegenen Dörfer mit Namen wie Löwitz oder Bednarz sind zwei junge Frauen verschwunden. Sie werden bald aufgefunden, grässlich entstellt durch Entsorgung im Wasser, aber auch so ist noch festzustellen, dass sie sexuell übel misshandelt wurden. Es finden sich auch Fotografien, und zwar solche, bei denen die Bildinformationen auf Negativen gespeichert werden – das frühe „Freie Land“ ist von der Epochensignatur her unmittelbar vor dem Anbruch des digitalen Zeitalters zu verorten.

          Und entsprechend sieht es bei Christian Alvart auch aus. Selten hat man im deutschen Kino eine solche Farbpalette gesehen, zugleich prächtig und fahl, winterlich kalt und doch von starken Kontrasten durchpulst. Das Zeitalter der unendlichen Datenmengen macht sich ein künstlich intensiviertes Bild vom Zeitalter der Lichtchemie.

          Adaption eines spanischen Thrillers

          Das ist aber nur der technische Aspekt eines noch viel spannenderen Transfers, den Christian Alvart mit „Freies Land“ vornahm. Mit einigen „Tatorten“ für das Kino mit Til Schweiger in der Rolle des Kommissars Tschiller und mit der Netflix-Serie „Dogs of Berlin“ hat Alvart sich als einer der wichtigsten Vertreter von Genrelogiken im deutschen Film und Fernsehen etabliert. „Freies Land“ ist nun ein Remake einer spanischen Vorlage: „La isla minima“ von Alberto Rodriguez, gedreht im Schwemmland an den Ausläufern des Guadalquivir im Südwesten der Iberischen Halbinsel. Ebenso wichtig wie die beeindruckende Location ist auch in diesem Fall die Epoche: die Zeit des Übergangs von der Franco-Diktatur in die Demokratie, eine Zeit der Ungewissheit zwischen alten und neuen Loyalitäten, eine Zeit der Verdrängung und der Angst vor Enthüllung.

          Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit bedient sich das deutsche Mainstreamkino hier bei einer erfolgreichen Vorlage aus Südeuropa: „Das perfekte Geheimnis“ von Bora Dagtekin ist ein Remake eines italienischen Komödie, Alvart adpatiert nun einen spanischen Thriller. Die wirtschaftlichen Machtverhältnisse in Europa beginnen sich auch im Kino abzubilden, erfolgreiche Stoffe sind vergleichsweise billige Handelsware, aus denen sich große Erfolge machen lassen – „Das perfekte Geheimnis“ hat bald fünf Millionen Besucher, hat aber auch ein unschlagbares Thema: Handies.

          Christian Alvart folgt der Vorlage von „La isla minima“ sehr genau, er sucht auch für alle sozialen Aspekte nach einer Entsprechung und muss auch nicht lange suchen (Treuhand, Abwanderung). Was er allerdings in Deutschland nicht gefunden hat, sind Spuren des unfreien Landes im freien. Bei Alberto Rodriguez entstand die Spannung vor allem aus der unheimlichen Gegenwart einer eigentlich schon deutlich überwundenen Ära, denn das Franco-Regime müsste für das heutige Publikum ja eigentlich tiefe Vergangenheit sein, wurde hier allerdings als verstörend wirkmächtig erkennbar.

          Das entstellte Land

          Alvart hingegen begreift das „Freie Land“ vor allem als einen Schauwert. Er hat deswegen in der Ukraine gedreht, und diese Entscheidung, die zuerst einmal nur das Äußerliche zu betreffen scheint, zerstört seinen Film. Denn er wird dadurch zu einer Dystopie, die gleichwohl nicht von den zeithistorischen Aspekten lassen will. So bekommt Markus Bach eine massive Vorgeschichte als Folterknecht, die ihn – naturgemäß blutig – als Krankheit am eigenen Leib und schließlich mit einem dramatischen Kollaps in der Dusche heimsucht.

          Alvart, der auch hier der Vorlage folgt, begreift den entscheidenden Unterschied nicht: Was bei Rodriguez eine kluge Variation spannender Geschichtspolitik ist, wird bei ihm zu einem Fall symbolischer Entäußerung. Die DDR, von der „Freies Land“ erzählt, hat es tatsächlich nie gegeben: ein Land, das nach der Wende als Entstellung eines Genrephantasten wiederkehrt, eine zurückgebliebene Gegend, in der Männer mit Hut oder Fischermantel der sexuellen Depravation eine grob umrissene Gestalt geben, und in der ein Krimiplot vor allem dazu dient, eine Welt nach verwüsteten Gesichtern abzusuchen.

          „La isla minima“ ist ein Thriller über gefährliche Kontinuitäten. „Freies Land“ hingegen handelt vom Kolonialismus – vom innerdeutschen und vom europäischen. Er beginnt an der Zonengrenze im Kopf, über die Christian Alvart deutlich zu wilde Sprünge macht.

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